Die Menschen guter Zeiten gaben sich durch die Leute, deren sie sich zur Herstellung angenehmer Verzierung ihrer Epoche bedienten, ein veredeltes Gesicht. Das war alles. Manchmal achteten sie diese Leute nicht einmal, erst Michelangelo machte sich mit seinem Anspruch zum Fürsten. Damit blieb er, genau wie wenn man ihn als Sklaven gehalten, das gleiche Ornament seiner Zeit. Daß man aber ohne Zusammenhang mit seiner Epoche, rund um eine Zeit rasend, die keine Gesellschaft barg, Dramen zusammenschrieb, Bilder zusammenmalte, Türme in die Wolken hineinschickte, Bücher wohl über Probleme der Ideen aber nicht über die Erziehung zur Nation zusammenstapelte, das ist in seiner generationenlangen Dauer so rührend wie unglaublich, aber deutsch. Hat uns nun, seit man in Autos und Flugzeugen und Bahnen fährt, telephoniert und drahtlose Depeschen sendet, die Muse heftiger und vereinigender geküßt? Man hat uns, Mijnheer, noch mehr wie die Schafe auseinandergetrieben. Die Techniken haben uns ein jagendes Tempo in die Adern gesetzt, aber sie haben uns weiter von den Wurzeln deutschen Seins gescheucht wie der Dreißigjährige Krieg.
Was hinter den Romantikern herkam, hatte Plattes und Sauberes, hatte Persönliches und Albernes aber es hatte kein Niveau. Die bärtigen Leute um Paul Heyse hatten die Vehemenz des Dichterischen schon ganz vergessen, als sie nazarenisch in ihren lombardischen Wein den Zucker ihrer Gefühle füllten. Die Holz und Schlaf, die diese in schwacher Nachahmung des großen Zola entthronten, hatten nur schlechte Manieren aber keine Kraft. Es blieb wohl Einsicht, aber keine Stärke, sondern Geschrei. Daß gegen diese dann wiederum die geölten und geschmackvollen Jünglinge des Dichters George marschierten, der ihnen langsam an Baudelaires und Mallarmés erhabenem Beispiel das Geheimnis der strengen Form beigebracht hatte, bewies wohl Einsicht und Sinn für das Dichterische, aber es stellte gegen den Schlamm der Epoche nur einen Salon von Süßlingen. In der Tat, Georges Beispiel ist sinnbildhaft von Bedeutung, es schuf in Wahrheit nur einen Zenakel und dieser war denkbar nur in Frankreich, aus dem er kam.
Erst als die Schicksalsuhren tragischer ins Volk bellten, suchten einige Dichter und fanden einige einer neuen Generation eine Sprache, die, wie die keiner Epoche vorher, wenn auch nicht aus den Klarheiten so doch aus den Krämpfen ihrer Dezennien sich der Zeit anschloß. Die Unerbittlichkeit Wedekinds, der Zauber Schickeles, der breite Döblin, die tapfere Kolb, der hell urteilende Kerr, Sternheim, Benn, Kaiser versuchten ihre Generation zu einem mörderischen Glanz zu verdichten. Das Material Balzacs war ihnen nicht gegeben zwar, sondern nur ein zersplitterter Spiegel. Sie pappten ihn nicht, sondern sie schossen ihn zusammen. Eine Weile deckte sich Kunst und Zeit. Wir sind in der Gegenwart.
Wir sind in der Gegenwart, Mijnheer. Sie liegt vor uns wie Land und Meer, und wo sie zusammentreffen ist Hafen und Schiff. Und wo sie sich schneiden, hat Kunst und Nation sich berührt. Zehn Nächte bei Flips und Cocktails und Gin und Kerzen sind eine knappe Zeit das Terrain zu beschauen. Was interessiert einen holländischen Gentleman an der Gegenwart? Er hat ein Haus in ’s Gravenhage, eine Herde in Utrecht, eine Bibliothek in Delft. Er reist durch die Welt, von Krieg verschont, von Kriegssteuern ledig, den Passeport von der Königin visiert, unabhängig und gebildet, gelangweilt von seinem Lande, und neugierig, was aus Europa geworden ist. Dazu, weil er bereits aus den Gärten der Jugend in die Üppigkeit gepflegter Gelehrsamkeit geführt ward, voll Eifer zu sehen, wie in den Literaturen das europäische Gewürm sich vereinigt. Was kann Sie besonders reizen, nehmen Sie das Glas und beschauen Sie die Linie zwischen Meer und Land.
Die paar Pioniere, von nicht sehr großer Lunge, die die Vereinigung betrieben, haben nicht natürlich Gesellschaft gebildet und Volk und Kultur sich wie im Paradies unter Tränen gerührt ans Herz sinken lassen. Sie haben das Wichtige, wohl unter großen Fehlern, dem Wachstumfähigen genähert. Mehr nicht, aber es ist wohl viel. Will einer nun wissen was kommt, was sonst an Schiff, Barke, Floß, an Haus und Matrose diese Phantasie-Gegend bevölkert, ist die Untersuchung der Gegenwart immer von Reiz, das Prophezeihen aber Kinderei. Der Ehrliche sagt immer nur, was ist. Das Kommende folgert er zum Teil, ahnt er zum andern, zum größten weiß er es nicht. O navis referent in mare te novi fluctus? Ich zweifle nicht, aber ich begebe mich der Antwort. Wir sind zu verwirrt ineinander, man reißt die Kunst nicht der Zeit aus dem Bauch und gibt ihr eine gewünschte Direktion. Auf Zukünftiges die Antwort kann nur Deutschland geben.
In diesem Augenblick, wo es sich anschickt, in die Arena der Entscheidungen Europas zu treten, nimmt es uns alle mit in seine Fahrt. Wie auch immer es sich anschickt, mit seinen dunklen Meeren, den blauen Gewässern und den flammenden Ernten seine Fahrt zu nehmen, sind auch unsere Schicksale mit dem seinen in sein Gesicht gebrannt. Wir können uns nicht trennen. Ob es der rechte Weg ist oder der verfluchte, wir müssen ihn gehen, vielleicht müssen wir ihn auch lieben. Wir können nur hoffen, es möge der rechte Weg sein.
Zehn Nächte Mijnheer sind lange Zeit, man muß alles bereden. In Boccacces „Dekameron“ beginnt unter Pampineas Szepter das Spiel, sich die Ergötzlichkeiten des Daseins zu erzählen, und reihum geht der Königsstab von Frau zu Mann jeden Tag, ein König führt sie am Ende lebend nach Florenz. Wir sind nur zwei, zu wenig für einen König. Und mit zuviel Gestrüpp und Sturm um unser Gespräch, als daß das Spielerische eines Fürsten hinein passe. Mijnheer, Sie sind Monarchist. Ihren Ahnen hat Greco gemalt, ein anderer fuhr zu Cortez und zog in Mexiko ein. Ihr Wappen zeigt mit einem verschnörkelten M, daß einer mit Karl dem Fünften zum Kloster ging. Mit einem anderen kam Ihr Geschlecht nach Holland, nahm javanisches Blut auf, hatte vielleicht schon jüdisches in sich. Mijnheer, Sie sind konservativ und urban. Sie sind nicht reaktionär und dumm. Ihre Tradition macht Sie gepflegt und weit und nicht verkümmert und eng. Was seither je vor unseren Blick kam, hatte die gleiche Geltung für Sie und für mich. Sie sind nicht weniger Europäer als ich, ich aber bin nicht weniger stolz ein Deutscher als Sie ein Mann der Niederlande. Aber vermögen wir die Gegenwart, deren erlesene Dinge nicht deutlich von der Zeit distanziert sind, mit gleichem Auge zu beurteilen in einer Epoche, die nicht nach Vorzügen und Glanz, sondern nach Zwecken, nach Angst, nach Wünschen und Richtungen urteilt? Haben wir den gleichen Blick, wenn wir, wie vor Kanonen, vor die Gegenwart geprellt stehn?
Wie soll ich es Ihnen am deutlichsten sagen?
Hören Sie die Geschichte meines Geburtstags.
Am Tag, als im Grunewald die Mörder den Reichsminister Walther Rathenau erschossen, fuhr ich aus dem Süden im Auto in meine Heimat. Als wir gegen Mittag den Main überkreuzten, kamen wir, von nickenden Birkenalleen flankiert, nach Wilhelmsbad, wo die Prinzen von Hanau ihr Versailles in einen schönen Park gebaut hatten. Über einem Atlas mit einer Löwenpranke vor dem Geschlecht, der eine sechzehnflächige Sonnenuhr trug, sahen wir einen kleinen innen gehöhlten Berg, in dessen Innerem zwei Pferde seinerzeit im Dunkeln nebst den Lakaien einen Hebel im Kreise drehten. Oben jedoch, vor dem seidigen blauen Himmel flogen auf dem derart gedrehten Karussell die Prinzen der Zeit durch die Luft ihrer spielerischen Entzückung. Wir lachten und kamen in die Wetterau.