Doch wie hatte das Latein, das über den Rhein gezogen und mit den Galliern sich vereinigt hatte, im Französisch sich zu geschliffener Klarheit mittlerweile vollendet! Wie hatte auch sein Mittelalter gehallt von den unter Ölbäumen von den Sarazenen heraufreitenden Trouveres, wie hatten die Regenbogen der großen deutschen Epen mit einem Fuße tief in der Provence gestanden, die breit und groß am feierlichsten Meer wiederum sich der Levante und den Dichtern afrikanischer Erde hingab. Wie lärmte über Spanien und Frankreich graziös und gottselig der vogelvolle Himmel der Frühzeit der Menschheit dann aber weiter bis hoch in den vollen Zenith. Und wie erfüllte er sich neu immer durch die lateinische Vergangenheit, die stets die zarte umschwebende Luft blieb, bis zu schönster Vollendung aus den Allegorien der Götter noch tief in der Renaissance der herrlichen Plejade und den späten Prunk des Rokoko. Immer gings aufwärts aus dem Blutsaft der Antike bis in ihre kühnste Moderne.

Aber wir:

Als der ältere Balzac seine„Lettres“ wie Schlittschuhkurven der französischen Prosa vorbog, sielte das Deutsch noch im Jargon der Sauhatz; glaubte Herr Opitz aus Bunzlau am Bober durch Beschreibung des Vesuvs deutsche Dichtung einem neuen Frühling entgegenzuführen. Als der taube Gentleman Ronsard und die Sechs seiner Plejade den Horizont Frankreichs mit dem Duft der farbigsten Lieder bewölkten, knabberte Hans Sachs die Klebsilben aus dem Skelett seiner sechsunddreißig Bücher deutscher Sprache. Während der flotte Offizier Descartes kristallinische Treppen mit seinem Französisch in den Nebel der Philosophie hineinbaute, sang Herr Simon Dach, Professor der Poesie in Königsberg: „Der Mensch hat nichts so eigen / so wohl steht ihm nichts an / als daß er Treu erzeigen / und Freundschaft halten kann“, und glaubte damit, während Shakespeare schon lebte, eine Revolution der deutschen Dichtung geschmissen zu haben. Rabelais, ein entlaufeper Benediktiner, der wundervollste Vagabund neben Villon, und vierzigjährige Medizinstudent führte das Französisch in das ungeheuerlichste Barock, während der Bürger Ayrer seine üblen Fastnachtsscherze schrieb. Im Französischen bildete sich Niveau. Bei den Deutschen war es nur, wenn Wundervolles aufsprang, eine begabte Revolution. Denn auch Ekkhart war den Deutschen nur das mystische Gewissen, Fischart blieb nur die skurrile Blähung voll gewaltiger Einfälle und Luther war keine Sprache sondern nur ein Temperament.

Die Kriege der anderen und die Reformationen, denen Deutschland den Rücken hinzuhalten das Schicksal hatte, haben die Einheit der Empfindung und die Sprache zerstört. Als man sie wieder hätte sammeln können, gelang es nicht den schlanken Bau der Gotik und die Süße mittelalterlicher Gefühlskraft wieder zu entzaubern. Es gab keine Gemeinschaft, keinen so zentralen Hof, der sie glanzvoll gepflegt hätte. Die Führer und Verantwortlichen haben von jeher den Geist und das Volk im Stich gelassen. Man hetzte Hirsche und drillte Soldaten. Das war genug.

Wie anders hat Frankreichs Volk die Muse gehegt! Als Marquisen mit Vaugelas Grammatik unter dem Arm dozierend durch die Schloßparke schritten, korksten deutsche Fürsten wie Stotterer den Dialekt oder retteten sich ins Französisch. Wie hat die Literatur seit Margarethe von Navarra, dieser erlesenen Frau, seit Karl dem Neunten, seit dem ersten Franz, dem vierzehnten, fünfzehnten Louis um die Höfe sich gereckt, die Sprache sich veredelt, wie war der Ausdruck des Menschen Maßstab fast mehr wie die Geburt geworden, daß schon über die Übertreibungen die Spötter des Molière in Lachkrämpfe verfielen. Ja die Macht war so groß, daß selbst revolutionäre Dinge gelitten wurden, wenn ihr Anspruch ihrer Würde und Vollendung entsprach, und die Gesellschaft vernahm mit der Grazie der Gegeißelten die Anmut der Geißler.

Den blauen Salon des Hotel Rambouillet besuchten die Prinzen neben Bossuet und Scudéry, und die Geistigkeit der Marquise, die empfing, war stark genug aus ihren Jours und Empfängen eine literarische Bewegung zu machen, die Richelieu zur Gründung der Akademie trieb. Und während über Deutschland der Dreißigjährige Krieg flutete, war der politische Einfluß der Literatur so ungemein, daß der größte Staatsmann Frankreichs im Streit um Corneilles „Cid“ mit allen Pressionen die gebildeten Kreise mobil machte, Corneille zu zerreißen, weil ihm dessen Geschwärm für Duelle und Spanien seine Taktik kontrekarrierte, die den Adel auf den Bauch warf und Spanien an die Wand drückte. Am Arm von Herzoginnen aber besuchte der große Dramatiker den sich über die Ehre tief verbeugenden und den Besuch des höchsten Adels wahrlich gewohnten Bernini, Italiens damals größten Künstler, unter der Aufmerksamkeit der ganzen gebildeten Nation, während in Wasserstiefeln deutsche Pastoren, submissest verhungernd, als schlesische Dichterschule schüchtern verkleidet, weltfremd einen dünnen, wenn auch nicht uncharmanten Barock auf deutsche Flaschen ziehen wollten. Wie hat noch hundert Jahre später der große Friedrich seine armseligen Dichter verachtet und mit welcher frivolen Überlegenheit dem Schweizer Henri de Catt die Aperçus über einen gewissen Hofmann erzählt, der mit demselben Hemd ein ganzes Wörterbuch verfertigte und der, als man ihm drohte, am jüngsten Tage werde er allein unter den lichten Gottseligen unrein bekleidet vor Gott erscheinen, den saftigen Wunsch aussprach, daß er lieber, als das Hemd zu wechseln, auf die Auferstehung verzichte.

Wie verachtet, wie schmählich verkuppelt ist in dieser Gesellschaft die Sprache der Heimat geworden, wie erlösend und rührend aber ist sie manchmal dennoch in die Hände von Einzelnen zurückgekehrt, die sie für ihre Launen und für ihre Begeisterung züchteten und sie auf dem langen Weg der Erniederung schön über die beflaggten Barrieren ritten! In Frankreich steht ein gezüchteter Schlag.

Bei uns kommen manchmal die interessanteren Hengste und wiehern die Erinnerung der großen Zeit und blitzen Hoffnung auf die Zukunft aus dem schönen Schlag der Hufe.

Heil Lessing, der mit Strenge säuberte, Sturz, der sie schlank wie ein Florett im Kreis auf seine Hände zurückband. Grabbe, der sie dunkel durchwühlte, Kleist, der ihr die Stahlsehnen des jungen Genius durch den Torso zog, Jean Paul, der erste, der ihr den Nebel und die göttliche Atmosphäre der Worte wie einem gigantischen Stern zur Wielandschen Grazie gab, Büchner, der sie zu heroischer Schlankheit des Mutes begeisterte, Heine, ihr geliebtester Sänger der vogelleichten Kraft, die Romantik, die sie träumerisch wieder mit dem Gesicht ins Übersinnliche wandte, Nietzsche am Schluß mit dem jubilierenden Hurra der obersten Verzweiflung. Geliebte Dichter! Sie waren gute Jokeys und vorzügliche Trainer, aber sie ritten ohne Tribüne und ihre Ställe und Concours hatten keinen Zulauf ihres Publikums, auch hatten sie keine Kenner, obwohl ihre Klasse von internationaler Güte war. Sie waren Desperados der Kunst gegen die Gesellschaft, die sich nie recht formierte, während sonst in Europa diese Gesellschaft die Kunst wie eine sanfte und schöne Krönung über sich trägt.

Selbst Pindar war nur in diesem Sinne ein Dichter für feinere Sportfeste seiner dorischen homosexual gerichteten Geldaristokratie, Shakespeare und Molière die Fabrikanten der von ihren Höfen bestellten Theaterstücke, Calderon war seines spanischen Hofs Arrangeur für pompöse Vergnügung, die Maler der Renaissance die Hauseinrichter ihres sie bezahlenden geschmacklich kultivierten Publikums, Bernini der Baumeister für luxuriöse Ausschweifungen des Barock und der Vogelweider im Lyrischen der Pressechef seines staufischen Adels.