Geliebte Sprache:

Als die antiken Zeiten sich von unseren schieden, entführten sie als Dialekt der Mythen und Götter das Griechisch und es blieb nur noch eine moderne Sprache, das Latein. Nie gab es vorher und später ein menschliches Ausdrucksmittel, das so präzis und zugleich flimmernd die Begriffe aufstach und die Umwelt dazu glänzend umschrieb, das ebenso vollendet das Vorgestellte in kristallene Nähe zwang und zugleich das Phantastische in eine Bannmeile atemloser Erregung darum sammelte. Es war die Sprache der Weltleute und der Kommis, der Dichter und der Feldherrn. Herrlich band schon Tacitus ihre Kühnheit im Bilde, als er beschrieb, Germanien sei von anderen Nationen getrennt durch Furcht und Berge. Für die Deutschen war es zu scharf, wie diese Prosa blitzte, zuhieb und trennte. Eine Zeitlang versuchten sie miteinander die Verschmelzung, aber die Mönche jagten das Latein in ihre Klöster. Wie zuckte es manchmal noch aus Klerikerhand brünstig ins Weltliche hinaus, wie mischte es sich anfangs voll und farbig mit den steifen kirchlichen Liedstollen, wie gab es noch der Mariensequenz von Muri die demütige Schlankheit: „Ave vil liehtu maris stella.“ Umsonst, es mußte nach Westen fliehen und ließ seinen Schatten nur zurück, der als Theologie vermummt und enthauptet durch das Mittelalter irrte.

Der deutsche Dialekt der Germanen kam jetzt in seinen raschen tropischen Glanz. Allein gelassen nun ward er die Stimme der großen Epen und der germanischen Troubadoure. Wie glühte der kurze Sommer seiner Pracht in des Vogelweiders Strophen, wie verschlang sich Gedanke und Reim und kehrte voll Musik zurück in die heiß und kindlich gefaltete Kadenz. Nie hat, selbst in Rilkes Versgeäder, Deutsch wieder die Größe der Einfalt und die Vollendung des Tons und die Linie der Grazie erreicht wie in der flötenhaften Lage der Walther-Strophe:

Daz er bî mir laege, —

wessez iemen

(nu enwelle got!), sô schamt ich mich.

Wes er mit mir pflaege,

niemer niemen

bevinde daz, wan er und ich.

Wunderbar füllte die deutsche liedhafte Zartheit die gläserne Wölbung des frühen Mittelalters mit Auben, Weckrufen, Taggesängen, Hörnern, Kreuzzügen und heroisch-sanften Mythen, aus deren Bau die Sprache jubeln konnte noch stolzer wie Horaz, daß wahrlich nie gehörte Sänge ihr entströmten . . . ., bis mit der schönsten Zeit der Welt, der Epoche der Dome und Kaiser und lichter Maienhaftigkeit Europas sie in den tragischen Schlußvers fiel. Deutsch ward nun die Knochensprache kleinbürgerlicher Meistersinger, die barbarische und oft wildsaftige der Volksbücher oder die robuste Dämonie Grimmelshausens und die Pedanterie der gelehrten Habenichtse.