Europa ist heute ein großer Faschingsball mit schönen Debardeurs und anderen maskierten Gestalten und dem fallen die Triumphe zu, der die kühnsten Griffe und die besten Lenden aufweist. Man demaskiert erst in einer späteren Zeit. Ich habe daran denken müssen heute Nacht, als ich hörte, man habe den großen Ahnen aller Abenteurer des Geistes und Lebens zurückgerufen, indem man das Grab des Marquis von Seintgalt in Dux in Böhmen gefunden. Es war nur ein Zufall, der es beim Legen von Wasserrohren wieder in die Welt spielte, auf dem Grabstein stand mit einer gewissen schlichten Haltung: „Casanova Siebzehnhundertneunundneunzig.“ Im gleichen Jahre wurden der Baron Balzac und der Jude Heinrich Heine geboren, die die gleichen Umschichtungen des Lebens in Frankreich in ihren Büchern damals schon schilderten und mit Kunst einen gewissen Schlußstrich setzten unter die letzte große Kurve einer Zeit, die der kluge und genießende Casanova im Leben noch einmal unerhört gespiegelt hat: den Glanz und die spielerische Abenteuerlichkeit der Welt . . . ., eh sich die Wagschalen des Daseins in die tragischen Entscheidungen von heute stellten.

Man hat nunmehr gelernt nüchtern zu werden, selbst in der erregtesten Zeit, teilt Arbeit und Leben und berechnet selbst seine Zufälle. Wir sind eingeschneit, Mijnheer. Ihr großes Gepäck ist nicht transportabel, der Schneepflug braucht drei Stunden für hundert Meter Weg. Die Dame, die Sie erwarten, kann nicht herauf, es sei denn, sie flöge. Von Stübenwasen bis Gisiböden steht der Schneesturm und wirft Sie über den Kamm, sobald Sie ihn betreten. Versuchten Sie ohne Gepäck ins Tal zu kommen auf Skiern, ist Ihnen nur der Weg der Waldflächen offen, wo der Schnee sich nicht so hoch gesetzt hat, aber schon an den ersten Matten ersaufen Sie im Schnee trotz Ihrer Bretter wie eine Maus.

Wir sitzen fest. Am Tage ists manchmal möglich, vielleicht sich in die Latschen zu schlagen oder Sprunghügel zu bauen, vielleicht geht die Sonne auf und drückt die Schneeflut zusammen, man hat Möglichkeiten und man rechnet mit ihnen. Völlig abmarschieren kann man aber erst, wenn der Sturm gefallen ist, jedoch der Meteorologe versichert, er stehe zehn Tage über dem Gebirg. Das war noch nie, und solche Kaskade von Weiß warf der deutsche Himmel seit meiner Geburt noch nie über Baden. Man muß resignieren und eine Beschäftigung suchen, die wir leicht von selbst gehabt hätten, wäre es uns nicht eingefallen, die braun brennende Sonne des Arlberg mit der schwarzen des Schwarzwalds noch zu vertauschen. In St. Anton wäre der Sirocco uns zu Hilfe geeilt und hätte die Wolken nach Norden geschmissen, die hier von allen Schwarzwaldbergen sich heben und wie Rabenchöre um den Feldberg kreisen. Schon Lukian hat die Reiselust verspottet, nun sind wir die Opfer. Es gibt nichts, was einem unabhängigen Gentleman unerträglich werden könne? Beweisen wir es.

Als im Jahre Dreizehnhundertachtundvierzig sich unter Pampineas Führung die sieben Frauen Boccacces mit den drei Liebhabern vor der Pest aus Florenz flüchteten, lag es nahe, daß sie dem Gespenst nur die Anmut von Vergnügungen entgegenhielten, die ihre Zeit ihnen bot. Es war ihre einzige Waffe. Um sie blühte die Zeit, große Männer und erfüllte Epochen umstanden ihre Welt und es gab nur die Möglichkeit, mit Grazie und gepflegtester Sinnlichkeit dem barbarischen Tod gegenüber sich verächtlich zu zeigen.

Wir haben hier kein Schloß, Mijnheer, mit Dienerinnen, wir haben keine Frauen, was ich sah seit der Ankunft ist nicht erregend und unsere Freundinnen, mit denen wir vertraut sind, sind von uns getrennt. Wir verstehen die Einfalt jener Menschen des Dekameron nicht mehr, die bei Dambrettspiel in den Gärten mit Anrufung Gottes pikante Geschichten erzählten, daß vor der Anmut ihrer lorbeergeschmückten Königin selbst das Schicksal zurückrauschte. Wir sind nicht Kinder einer erlesenen Epoche, sondern Freibeuter eines Zusammenbruchs. Wir haben die Pest nicht draußen und die runde und vollendete Welt im Herzen, sondern um uns kracht die nüchterne Phantastik unseres Säkulums und wir haben nichts in der Brust als die Kühnheit es doch zu lieben.

Boccacces Jahrhundert hatte die Pflicht zu genießen, was bleibt einem Gentleman anderes heute, als die Freiheit, sich mit seiner Zeit in Ordnung zu bringen. Man kann das auch bei Cocktails aus Milch, Ei, Gin, Whisky und Worchestersauce, und wenn der Tag dem Leben reserviert bleibt, haben die Nächte Raum für eine europäische Diskussion. Was kann einen Holländer, dessen Land neutral blieb, dessen Literatur ihn nicht interessiert, der die Musen liebt und Horaz in einer seltenen Ausgabe im Koffer mitführt (wie Casanova selbst in die intimsten Situationen), was kann einen holländischen Edelmann mehr reizen, als zu sehen, wie die Zeit sich in den wichtigsten Literaturen spiegelt, denn in nichts erkennt man, wie Flaubert in seiner Einsamkeit schon verspürte, den Menschen und die Nation so sehr wie im Buch.

Auch den Boccacce hat seine Zeit, weil er ein Ausschweifender und gleichzeitig ein frommer Mann war, mitten in die Kirche seiner Vaterstadt beigesetzt, weil die Zeit in ihm ihre Vorzüge und Eigenschaften am besten erkannte. Und doch hat seine Stimme die Wollust wie kein anderer zierlich bis in das Herz der Frömmigkeit getragen, aber es war die Sprache eines Dichters, und seine Sprache kam aus der des Apulejus und des Lukian und sang sich weiter bis zu dem roten Hymnus des d’Annunzio. Welche Vergangenheit einer Sprache! Ja, Mijnheer, man muß, um ein europäisches Gespräch zu führen, zuerst den Sinn der Sprache begreifen und ihren Weg betasten. Das ist wichtiger wie Whisky und Frauen und der fatale Ernst unserer Einsamkeit.

Ich habe heute Nacht daran denken müssen, als ich am Fenster nichts vernahm als die Dünung des Sturms, den Aufschlag des weichen Schnees und das Zustreun des Geländes, und ich unter dem Bord der hölzernen Veranda eine Schar Vögel entdeckte, die vor der Katastrophe der Natur zu den Menschen flüchteten und nichts hatten sich verständlich zu machen, als ihren aufgeregten, im Hals zitternden Herzschlag und die schreckliche Angst ihrer Augen. Ich hörte, während ich Stare und Amseln auf die Heizung hereinhob, die Wetterhähne dröhnen und die Blitzableiter wie die Elstern schreien. Hinter ihnen aber stand auf den Untertönen des Winds die Musik der Schwarzwaldwälder mit einem dunklen Brausen. Durch die gleiche Musik haben Germanen hier manchen ihrer Kaiser auf kreuzgelegten Speeren aus dem Ruhm des Südens, den sein Haupt gesucht, tot zurückgetragen.

Ach es stand im Donnerton der Tannen in der Dünung mit verzweifelter Melancholie die Irrnis unserer Geschichte, die das Unmögliche stets wie knabenhaft begehrte und ohne Ziel dann ihren schönsten Kopf sich einschlug. Erst als ich vom Balkon zurücktrat, gelang mirs ohne Bitterkeit zu atmen, und als ich mit den Vögeln sprach, war ich lauter als das Sturmwehen. Der Schneezyklon schoß von oben auf den Dachfirst, warf sich zu Boden und hob sich in einem flimmernden selbst in der Nacht sichtbaren Kreis über dem Steinsee. Da blieb er wie ein Krater, der sich rasend drehte.

Es klang verführerisch jetzt hinter dem geschlossenen Fenster, wenn ich die Vögel ansprach, gleichwie als sammelte die Sprache sich in seinen Rhythmen und hebe aus den Jahrhunderten den Ton der Heimatlaute herauf voll unerfüllter Leidenschaft und der heiteren Wehmut seiner unbewußten Schönheit.