Alles Unglück ist nur die Probe auf die letzte Lebendigkeit der Liebe, gleichwie in der letzten Erzählung des Boccacce, die schildert, wie ein Edler seine Frau verstößt, beleidigt, kränkt, um zu erproben, wie weit ihre Zuneigung geht. Dies Buch des Boccacce ist nicht nur eines der tiefsten in gefälliger Anmut und eines der galantesten auf tragischem Boden, sondern es ist hinter der Mauer der Pest auch das tollste Loblied auf das Dasein.
Sehen Sie zurück, Mijnheer: Die Säule auf dem Feldberg steht wie eine Pyramide schillernd in allen Farben in der mittaglich blau wogenden Luft.
Sehen Sie zur Seite: In der Breitenlage Europas ist Anatole France der ritterlichste Gipfel einer verwirrten Übergangswelt, Blériot der unerschütterlichste Bejaher einer anderen.
Zwischen beiden wird ein Weg sein, dem auch die Sonne gut, die Erde gnädig, die Menschen fruchtbar sind.
Sehen Sie vorwärts: Da flimmern bereits die ersten Gärten, der Frühling hat sie übermannt und tobt mit Gerüchen, es flammt uns entgegen das Gold der Weidentroddeln, das Gelb der Goldregen und das Rosa der Mandeln. Wir sind fast in der Ebene schon und damit wieder in der Welt.
Wir sind in der Welt, Mijnheer, die Alpen sind ausgelöscht, die Vogesen verschwunden, die Grenzen sind gefallen. Der Wirrwar der Jahreszeit erstickt jetzt mit seiner nahen Fülle. Hinter ihr kommt die Musik der ganzen Welt mit Donner und Wagen und mischt sich in den wilden Duft zur Melodie der Epoche, vor der der Frühling herstürmt wie Apollon Mousagetes, der, in fast weiblichem Chiton heranbrausend, die Nymphen um sich, die Götter anschwellend immer mehr hinter sich, in einen olympischen Rausch hineintanzt. Ich höre die Musik von Kämpfen und ich rieche den Duft der Opfer. Ich spüre meine Heimat. Es lebe Deutschland.
Man kann nur gegen seine Zeit sein oder mit ihr gehen. Im Schmollwinkel zu sitzen ist nicht die Art eines Gentleman. Ich ziehe vor, mit ihr zu marschieren und nicht zu versäumen, die Hand ans Ruder, den Blick auf die Kontrolle zu richten.
Mein Großvater hatte einundzwanzig Kinder mit einer Frau, von denen siebzehn über siebzig Jahre alt wurden. Er gab ihnen den Freimaurerspruch mit: „Wenn dir der Große Baumeister einen Sohn gibt, zittre vor der Verantwortung, die er dir auferlegt hat. Mach, daß er bis zum zehnten Jahre dich fürchte, bis zum zwanzigsten dich liebe und bis zu deinem Tode dich achte.“ Ich werde vielleicht ohne Söhne sterben, Mijnheer, aber ich werde Deutschland nicht aufhören zu lieben.
In meinem Wappen stehn unter dem springenden Löwen die sechs Punkte des Gleichgewichts und der Gelassenheit. Ich habe auch die drei Bilder noch nicht in das Haus meiner Väter in die Bibliothek gehängt. Ich habe mich nicht so rasch entschlossen wie mein Vater, der das Kind einer unbedenklicheren Zeit war, denn ich übersehe die Zerrissenheit meines Jahrhunderts besser und ich weiß, daß jeder Schritt heute der falsche sein kann, daß man kurz vor dem Tode vielleicht erst die Ahnung des rechten hat und diese halbe Gewißheit womöglich in der letzten Sekunde noch widerruft. Man weiß nur, wohin man marschieren muß, man weiß nicht, wohin es geht. Und man weiß nicht, ob die Führer die Helden oder die Verbrecher sind.
Sie werden in kein Kloster gehen wie Ihr Ahne, der den fünften Karl begleitete. Das Segel Ihres Wappens, das die Mauren jagte, einen König nach den Niederlanden begleitete, das die Mischung Ihres Blutes mit dem der Javaner und Spaniolen überbauschte, wird Sie guten Sinnes, voll Genuß und Verantwortung in die Welt hineinführen. Sie unterscheiden die Notwendigkeiten der Zeit und die Wünsche Ihres Blutes, und Ihr Monarchismus ist Ihnen das schöne Symbol einer Zeit, die um erlauchte Traditionen kreiste und nicht der Götze unfruchtbarer Launen.