Das ist nicht Politik, Mijnheer, das ist die Gegenwart, die ich erkläre, das ist unsere Zeit, in der wir leben, das sind die Wolken, unter denen wir wandern.

Das ist das Schicksal Europas, an seinem fiebrigsten und interessantesten Opfer gemessen. Das ist Deutschland, das mit den Preisen seiner Lebensmittel wie mit Mongolfieren aufsteigt, dessen Valuta von Tag zu Tag die der anderen überfliegt, dessen Industrie zittert vor der Stunde, wo die Mark sich stabilisiert und sie die Weltkonkurrenz annehmen und nicht mehr mit Dumping unterbieten kann. Die aber auch graust vor dem Tag, wo die Mark hingegen steigt, die Konkurrenz unmöglich, Millionen Arbeiter auf der Straße liegen und die inneren Kämpfe mit einer Grausamkeit drohen, gegen welche die Eroberungskriege früherer Zeit nur schwache Feuerwerke sind.

Das ist Deutschland, das, aus sieben Wunden blutend, gefesselt, in erbärmlicher Hitze, sich immer noch in der Arena als Gladiator gegen die Wölfe des Elends wehrt, indem die anderen Länder Europas, die es ausgeliefert haben, mit blinden Augen, aber schon erbleicht, dem Schauspiel zusehen. Und während die Neue Welt sich nicht anschickt, aus dem Sentiment des Rettens zu helfen, sondern fortfährt, zu allen Speisen Käse zu essen, Oberammergau zu besuchen, seine Männer zu effeminieren und auch den ältesten Weibern die Haare abzuschneiden.

Das ist Deutschland, wo im Krieg die Mädchen für die Verdichtung der U-Boote ihre Locken opferten und wo ein Bankier, als ein anderer ihn besuchte, dem Sekretär sagte: „Schreiben Sie auf ‚Haben‘, daß er rote Haare hatte, damit, wenn er kommt mit grauen, man weiß, daß es rote waren, die er besaß.“ Zwischen der edlen Nutzlosigkeit der ersten und dem Zynismus der zweiten Geste atmen unsere Obstbäume.

Über den Obstbäumen geht der Himmel mit allen Erinnerungen unserer Größe, mit allen Malen unseres Unglücks und mit den Verheißungen unserer Unvollkommenheit. Zwischen den Flüssen und den Bergen Deutschlands bereitet sich seine Wiederkehr. Über den Hügeln liegt die Zartheit seiner besten Farben. In den Buchenwäldern hallt das Echo seiner Helden. Zwischen den reifen Wellen des blaugeäderten Kornes wehen die Vogelstimmen seiner Melodien. Die alten Brunnen unter den Linden in alten Dörfern haben nicht aufgehört zu rauschen, und der Dampf seines regengespeisten Bodens duftet die alte mythische Fruchtbarkeit.

O Deutschland.

Zwischen Aschaffenburg und Heiligendamm, zwischen Quedlinburg und Passau, zwischen Rothenburg und Hamburg, Dresden und Speyer tanzen deine Kinder wie die Bären der Savoyarden auf den heißen Eisen der Zeit. Zwischen deinen schönsten und geliebtesten Flächen haben die Einen begonnen, einen Riesenbau der Mechanik bis in die Wolken zu treiben, und auf dem schwankenden Boden darunter tanzen die Anderen, aus allen Gliedern blutend, den verzweifelten Tanz der Bettler, die durch Späße das Publikum von ihren Gebrechen abzubringen und durch ihren Heroismus zu rühren suchen. Sie schreien und sie lachen und sie weinen durcheinander wie am Anfang der Schöpfung, aber sie leben.

Sie haben in ihrer Verwirrtheit kein Auge für deine stille Bereitschaft. Sie ahnen nichts von deinen Rebengärten, deinen romantischen Ufern, den jungen Wäldern, mit denen du den Flaum deiner Wunden zudeckst, sie spüren nichts von dem Goldschlag der Reife, die dein Körper, den man beraubt hat, in seiner Enge erreichte. Sie spüren nicht, mit welchen Wonnen deine Meere unter dem Sommermond schlafen, deine Pappeln mit den Chausseen im Abend wandern, mit welcher Süßigkeit deine Lerchen in den Frühhimmel steigen. Sie haben den Blick nicht für den stillen Glanz deiner Matten, über die die großen Kuhherden weiden, den Zauber selbst deiner ärmsten Gerölle und die tiefdampfende Schöpferkraft deiner aufgeworfenen Erde.

Sie ahnen nicht, daß von deiner Brust und der stählernen Lockerkeit deiner weiblichen Gelenke die schöne Bewegung ausgeht, die sie eines Tags trösten wird. Und sie spüren nicht, daß, ob sie mit ihren glatten Schlachtordnungen siegen oder sterben, ob sie mit einer neuen Gesellschaft in phantastischer Ordnung oder, mit ihren Maschinen zurückgestürzt auf die Erde, zu dir zurückkehren, sie in dir die schöne Geliebte, die Mutter und die Heimat finden werden, an deren Leib es schön zu ruhen und herrlich zu leben ist. Sie haben deinen Leib nicht beachtet und sie ahnen nicht, daß er mit einem gewissen Lächeln der Überlegenheit über alle Wirrungen hinaus nur atmet: Gelassenheit.

Gelassenheit, Mijnheer, denn wer die Gegenwart liebt, hat auch die Kühle, sie nicht zu überschätzen, und wer die Kühnheit des Vorstoßes hat, besitzt auch die Ruhe einer wundervollen Reserve. Man stirbt nicht, Mijnheer, solange man einen Fetzen Atem hat, und solange man genießt, hat man Zutrauen in das Gelebte. Als Balzac in der kränkendsten, entsetzlichsten Form durchfiel, dachte er am nächsten Morgen nur an die Anlage eines Weinberges, einer Molkerei, eines Gartens seltener Gemüse.