Aus dem Haag wird gemeldet, in London einige sich eine Konferenz französischer, belgischer, holländischer, englischer, amerikanischer Petroleuminteressenten unter dem Vorsitz des früheren niederländischen Ministers Colyn, um einen Welttrust gegen Rußland zu bilden. Vor wenigen Jahrzehnten noch rafften ehrgeizige Männer eines einzigen Landes einige Quellen zusammen, unterboten den Konkurrenten um zwanzig Cents, machten ihn pleite und kauften ihn auf. Das war Wirtschaftskampf und erschien ungeheuer. Heute ist die Welt in ihren Stoffen schon völlig ineinander vertrustet. Die letzten Kriege fanden noch statt, weil das Kapital Rohstoffquellen brauchte, die Amerikaner fochten mit Spanien wegen der kubanischen Erze, England mit den Buren wegen der afrikanischen Gold- und Diamantenfelder, Amerika kollidiert mit Mexiko wegen der Petroleumquellen, der Kampf um die Ukraine ist der Streit um Kohle und Erz, die Karambolage zwischen den Holländern und Amerikanern ist wegen der javanischen Djambi-Petroleumfelder erwachsen. Jetzt aber wird die Wirtschaft ein europäischer Riese und hat sich so verfilzt, daß vielleicht die äußeren Kriege unmöglich werden.

Den kühnsten Sprung hat der Deutsche Stinnes getan, die größten Zechen mit allen industriellen Zwischenlagen bis zur elektrischen Industrie in seine Hand gebracht, hat mit dem amerikanischen Ölkonzern, mit der chinesischen Elektrolieferung Liierung eingegangen. Er hat Petroleumkonzessionen in Comodore Rivadavia in Argentinien, eine elektrische Fabrik im jugoslawischen Agram, er besitzt italienische Aktienpakete, hat teil an den Fiatwerken in Turin, kaufte rumänische Schuhfabriken, um im Augenblick der Konjunktur das nicht mehr bolschewistische Rußland beliefern zu können. Es gibt keine Grenze für sein hydrahaft wucherndes Kapital. Erzgruben in Brasilien? Gemacht. Die Alpine Montangruppe in Österreich? Gemacht. Eine Handelsgesellschaft in Niederländisch Indien? Gemacht. Eine Waggonfabrik in Choribon? Konzessionen in China? Der Stille Ozean der künftige Brennpunkt der Wirtschaft? Gemacht.

Gemacht aus dem pleiten, zuckenden Deutschland heraus, dessen Papierscheine flattern, dessen Adel erlischt, dessen Bürgertum zerrieben wird. Selbst die Wirtschaft Europas scheint sich nach Stützpunkten umzusehen, um mit ihr in andere Kontinente auszuwandern. Denn Stinnes ist gegen den Morgan-Trust, der das Tausendfache an Kapital kontrolliert, nur ein Zwerg. Amerika und Asien haben einen Schein von zukünftigen Wirtschafts-Kränzen um das Haupt.

Gegen die Riesenkraft dieser Kapitäne der Wirtschaft hat sich die arbeitende Masse in Armee erhoben, der internationale Metallarbeiterverband hat acht Millionen Mitglieder, soviel als Kämpfer an den Fronten des Maschinenkriegs. Ihre Bureaus kontrollieren die Konzerne, ihre Betriebsräte gruppieren sich in derselben Form wie die Konzerne, die sich nach Form der Seepolypen und Quallen vergrößern und verändern, und halten ihnen die Gegenwagschale fest.

Zwischen diesen beiden Mächten schwankt das alte Europa. Seine seitherige Kraft setzt sich um in die Energie, mit der die maschinelle Epoche in ikarischem Flug die Gegenwart durchbraust, oder verschwindet in der staatlichen Bureaukratie jener Beamten, die wahrscheinlich die Sieger des Wirtschaftskampfes eines Tages als ihre Sklaven übernehmen werden. Die Fahnen des Kampfes sind zwischen die Kapitäne der Wirtschaft und ihre Arbeiter zerteilt. Wenn sich Europa nicht zerstört und die Welt damit, werden die schaffenden Klassen sich mit den kommandierenden vermischen, sie werden die seitherigen Führer ersetzen und eine neue Form der Gesellschaft gründen. Einen anderen Weg gibt es nicht, wenn man nicht vorzieht, klüger wie die Natur zu sein und sich eine Kugel vor den Kopf zu schießen.

Auch die Revolutionen sind nichts weiter wie Ventile und Geschmeidigkeitsmacher auf diesem Weg. Früher machte man sie wegen irgendeiner alten Waschfrau, die irgendwelche Truppen irgendwo erschossen, und trug die heilige Leiche über die Boulevards. Man kämpfte noch um Verfassungen und brauchte Märtyrer. In Pernambuco sogar sah ich Revolten, die wegen der Einführung der Straßenbahnbillette und der Durchführung des Impfzwangs geführt werden. Heutigentages entledigt sich die Luft durch sie der elektrischen Spannungen, die zwischen den einzelnen Lagern liegen und macht die Zeit damit präzis und funkelnd wie ein Walzwerk.

Die letzten beiden Jahrhunderte waren die der großen Romane von Fielding bis Dostojewski, von Scott bis Manzoni, von Defoe bis Zola und de Coster, von Dickens bis Flaubert. Vorher waren die großen Dramen von Shakespeare bis Molière, von Calderon bis Racine. Vor ihnen glänzten die schlanken Epen des Mittelalters, von der Karlsreis bis Crestien von Troyes und vom Hildebrandslied bis zu Hartmann von Aue. Unser Jahrhundert hat seine schöpferischsten Kräfte scheinbar in die Gestalt von Ingenieuren geworfen, Konstruktionen ungeahnter Formate, Wirtschaftssysteme zyklopischer Vermaschtheit erfunden und eine endlose Brut von Kinos über die Welt geschleudert. Burn Jones irrt, der meint, die Welt fiele am liebsten in den Zustand der Barbarei zurück und wolle nichts mehr wissen von der Schönheit. Die Barbaren hatten in Wahrheit stets homerischen Heißhunger nach dem Erlesenen, und erst die Zivilisierten begannen mit dem Glauben, das Unaussprechliche sei entbehrlich, soweit es vom Geist her komme, und man vermöge es durch Wunderwerke aus Stahl zu ersetzen.

Möglich, daß die Kunsthandwerker des Mittelalters, die die Dome und Altäre bauten, heute statt dessen die eisernen Schwebebrücken, die sechzig Stockwerke hohen Häuser, die irrsinnigen Maschinenwerke erfänden. Vielleicht, daß Lionardo, statt sechs Jahre an den Haaren einer Frau zu vermalen, das schönste Luftschiff auf elektrischen Wellen über den Ozean oder zum unserem Klima entsprechenden und daher am wahrscheinlichsten von Menschen bewohnten Mars schickte. Zweifel? Es gibt nur ein einziges Zauberwort der Zeit: Gemacht. Es gibt auch nur einen einzigen vollkommenen Enträtseler der Epoche. Es war der Clown eines wandernden Zirkus, der mit seiner Zwergenstimme durch die Manege schrie: „Wunderbar? Wunderbar /// Ist ne Kuh aus Pferdehaar.“

Aber Deutschland ist noch nicht aus den Maschen der Welt gefallen. Zwischen den zuckenden Gruppierungen der Wirtschaft, unter der Presse des Versailler Vertrages, geschleudert wie Honig im Rhythmus der fallenden und steigenden Mark, zerrissen von einer Demokratie, die das Beste will aber einen Zirkus von Parteien darstellt, von Stinnes herangepfiffen, von den Sozialisten ins Schlepptau genommen, läuft es wie ein getreuer Stern den großen Zug um die Achse seines Schicksals.

Seine Fürsten sind verschwunden, sein Adel hat resigniert, seine Bürgerschaft wird hinweggeweht. Louis Philippe war der letzte Fürst der Bürger. Unter Ebert, dem ersten deutschen Präsidenten, einem ausgezeichneten Taktiker der Republik, geht es den Weg eines Jahrhunderts, das die Bourgeoisie und ihre Kunst auslöscht. Der Krieg sollte die Macht dieses Standes, der sich achtundvierzig noch auf Barrikaden stellte, befestigen. Herr von Zobeltitz sang damals: „Ein Mayer fiel und ein Arnim starb / Unter den Kugeln der Feinde / Gab zwischen Adel und Bürgertum / Es wirklich noch scheidende Grüfte / Jetzt baut der einende Todesruhm / Brücken durch brandrote Lüfte.“ Der Herr dachte an Avalun und ahnte nicht den Pulsschlag Europas. Die Seufzerbrücke des Krieges baute sich auf über das Leichenfeld des bürgerlichen Deutschlands, machte den Plan glatt zwischen arbeitender Masse und den Steuermännern der Wirtschaft, die, beide auf dem gleichen Schiff, sich auseinanderzusetzen haben, ob sie den Erwerb teilen oder sich in die Luft sprengen wollen.