Die Pferde traben nun schon sechshundert Meter tiefer, sie sind von Hafer toll und gehen elektrisch in der Kandare, wir haben den gleichen Blickpunkt, um auf die Kunst zu schauen: Ach, wie fliegen, vom Feldberg der Seele aus gesehen, die Schleifen der Stile, die Banner der Richtungen, die großen Proklamationen feierlicher Wahrheiten in den Wirbel der Dampfsäule hinein, der sich von allen Berggipfeln der Sonne zu hebt, und wie atmet die Brust der Kunst denselben Rhythmus wie die ewige Landschaft: Gelassenheit.

Nur das Höchste wird spät einmal Sinnbild. Nur das Erlesenste ersteigt einmal den Sockel. Nur das Auserwählte kommt über die Bewegtheit der Jahreszeiten mit der fiebernden Brust an den göttlichen Mund, der es durchatmet.

Die Bewegung von Kunst und Volk ist wie der Wettlauf von Wolken und Flüssen, die in der farbigen Landschaft versuchen, mit gleicher Eile zu wandern und mit gleicher Innigkeit sich zu spiegeln. Einen anderen Himmel hat die Provence, einen anderen Sibirien wie Deutschland. Ebenso wandern die Wolken gehauchter oder gedunkelt, ebenso strömen die Flüsse silbrig oder voll Trübsinn.

Die deutschen Wolken haben einen dunklen Kern und geschliffene stahlhelle Ränder und die deutschen Flüsse haben die wehmütigen Melodien ihrer melancholischen Tiefe und den Glanz ihrer romantischen Fälle. Aber die Wolken wandern noch nicht wie die Flüsse und die Ströme blicken in andere Wolken und zwischen den oft italienisch geformten Wolken und den germanischen Flüssen ist noch kein klarer reiner Kontur der Landschaft gezogen.

Die Götterbilder der Kunst haben zwar an alle Horizonte die leicht entzifferbaren Fresken der Jahrhunderte gespiegelt, aber über ihrem Barock haben die Deutschen noch nicht die Sehnsucht nach der südlichen Erlösung vergessen und werfen in ihren Träumen den Himmel Neapels und Barcelonas an ihren kühlen germanischen und denken sich den dann gern als den ihren. Sie haben in ihrer wundervollen Einfalt ihre Sehnsucht mit ihrem Dasein verwechselt, sind bald in den Ruf gekommen, Barbaren, bald Schwärmer zu sein, haben von jedem ein Teil und können sich immer noch nicht entschließen, von Bamberg, von dem Vogelweider, von Wolfram, von Cranach und Bosch und Grünewald, Luther, Fischart, Grimmelshausen, Grabbe, Kleist, Wedekind den Glanz zu nehmen, mit dem sie andere mit den Scheinwerfern ihrer Verehrung bombardieren. Götter werden nicht nachträglich gemacht, sondern sie werden verliehen. Sie sind da, ob man sie sieht oder nicht.

Einmal wird der dunkle Lauf des stürmischen Flusses mit den schweren stahlglänzenden Wolken in gleicher Eintracht und im selben Schwung gehen und sie werden sich in einer Landschaft von Ruhe, Schwere und jungem Glanz spiegeln. Die deutsche Zukunfts-Landschaft ist ewig und voll großer Geduld. Ihr Bild schiebt sich schon manchmal aus den fliegenden Schatten und den durcheinanderwuchernden Hängen zu phantastischer Dichte zusammen. Nicht bei Niggern und nicht bei Hellenen ist die Zukunft. Sie liegt barock in der deutschen Vergangenheit, und wenn Kunst überhaupt mit Zweck zusammengenannt werden darf, so ist ihr gegenwärtiger Sinn, mit diesem Bewußtsein den Höhepunkt nationaler Blüte zu erreichen, denn das heißt: daß die deutschen Himmel und die deutsche Erde zusammenwachsen.

Barock ist die deutscheste Form. Und wie beim klassischen Bildwerk immer sich der Ausdruck in einem fast flächigen Punkt sammelt, erreicht bei gleicher Kraft der Schöpfung das barocke Bildnis noch die Stärke, von seinem Umriß aus zu strahlen. Es sammelt nicht nur wie das Antike, sondern es schillert und überträgt und wird europäisch. Das ist auch die letzte Richtung unserer Wolken und unserer Flüsse.

Aber Deutschland.

Die Erbschaft von fast zwei Dutzend Fürsten hat nach der Revolution nicht das souveräne Volk der Verfassung, sondern die Macht von zwei bis drei wirtschaftlichen Konzernen übernommen, die fast stärker sind wie der Staat. Als der Industriemagnat Stinnes nach den Eisenbahnen griff, führte er die Hand an die Gurgel des alten Staatswesens. Wenn Rathenau und Loucheur das Wiesbadener Abkommen berieten, hätten beide als Figuren eines Lustspiels von einem sardonischen Molière sich abwechselnd erheben können mit der Frage, ob im Gegenüber der Wiederaufbauminister oder der Präsident der AEG, oder der Präsident von „Terres rouges“ sprächen. Früher bestimmte die Augenbraue eines Königs, später der Zug der Gemüseweiber mit der Freiheitsgöttin nach Versailles die Geschichte.

Heute umfiebern die Börsen die Geschicke Europas, und Frankreich, das, den Mund voll Gesängen der Freiheit, seinerzeit zur Einigung des Kontinents aufgebrochen war, wird nunmehr regiert von dreihundert Leuten, die vielleicht nicht lesen und schreiben können, aber im Aufsichtsrat von Creusot, Standard Oil Compagnie, Arbed und Crédit Lyonnais sitzen. Früher ging la doulce France kämpfend für den Glauben nach Palästina zum Grab des Herrn, heute sitzen die Deutsch de la Meurthe, Henri Rotschild, Michelin hinter ihren Ministern und lassen Deutschland aussaugen.