Es bleibt, Mijnheer, im Wechsel der Gruppen und Erscheinungen derselbe unbestimmbare Reiz wie bei den Saisonen der Natur: Herbst, Fruchtbarkeit, Korn, Park und Flüsse . . . und der Widerstreit, den die Schönheit des einen gegen das Leben des anderen führt und es vernichtet.
Es bleibt die Kraft der Natur, durch den Wechsel sich zu fabelhafter Elastizität zu erziehen, die Knospen zu sprengen, wenn sie prall, und die Früchte zu nehmen, wenn sie reif sind. Darüber hinaus hat alles nur den Zweck des Kampfes zur Erreichung eines immer glühenden Umlaufs der Säfte. Gegen die französische Akademie, die um Poussin und das antike Ideal erstarrte, zog de Piles mit den Rubenisten und verlangte die Vermenschlichung der Poussin-Garde. Aus der Vereinigung entsprang Watteau, gegen den das Messer einer neuen Klassik sich schon schliff. Maxime du Camp hat über einen Genius gesungen: „Je suis né voyageur, je suis actif et maigre /// J’ai peur de m’arrêter, c’est l’instinct de ma vie.“ Es wird der Genius gewesen sein, der die Stürme der Richtungen gegeneinander führt und keinen Sinn hat als den, die Fruchtbarkeit des Lebens toll und süß und scharf zu halten.
Es gibt keine Stile mehr unter diesem Gesichtspunkt, sondern lediglich den Kampf von Sein und Schein, von Wollüstigen und Beschnittenen, von Verklärten und Abenteurern der Kunst. Das Barocke hat stets mit dem Klassischen sich gejagt, aber niemals war der Bürgerschreck Wahrheit, daß das eine größer, das andere kleiner sei. Die Natur hat keine subalterne Kritik zu sich selbst, und was das Ruhige und das Lodernde trennt, sind nur Unterschiede des Thermometers, nicht solche des Glanzes.
Das Barocke ist nicht das Verhüllte und das Klassische dagegen das Gesegnete, sondern beide sind vom gleichen letzten Adel der Helligkeit, wenn sie erlesen gesucht sind. Wedekind und Bosch sind Signale der Klarheit im Barocken. Shakespeare und Calderon sind Monumente des Lichten im Barocken. Goethe und Racine, Rafael und Petrarka sind helle Söhne der Klassik. Es gibt dagegen heute wie stets auch verworrene Klassik und mißverstandenes Barock. Das Publikum legt keinen Wert auf diesen einzig richtigen Unterschied, aber es würde bei einer Eselparade auch nicht auf die Gangart, sondern auf den zweiköpfigen Esel schauen.
Es bleibt, Mijnheer, wenn Sie fragen, was Kunst sei und was standhielte, gehalten gegen die aufbäumende Kraft des Daseins, es bleibt, über die ewigen Bewegungen der Jahreszeiten von Blüte zur Frucht, von den reifenden Äckern und den gewitterroten Herbsten, es bleibt über die weiche Wehmut des Sommers und die zitternde Kraft dieses Kreislaufs durch die Jahrhunderte hinaus . . . es bleibt letzten Endes außer dem unfaßbaren, aber erregenden Zustand dieser Bewegung die stille Heiterkeit einer menschlichen Erinnerung. Es bleibt, wenn alles Überflüssige schließlich fiele, wenn das Verhüllende fehlte, wenn das Zeitliche schwände, es bleibt in letzter Nacktheit jede Kunst als der Götterfries ihrer Menschen, über jeder vor uns verrauschten Epoche mit klarster Kraft an den Horizont der Ewigkeit als Erinnerung geschlagen.
Es werden durch diesen Fries die Götter der Sehnsucht und die Göttinnen der Qualen dieser Menschen vor uns wandeln und die Nymphen ihres Lächelns werden nicht fehlen und die Dämonen ihrer Leidenschaft werden darin zittern. Ja, ihre Ernten und ihre Städte, ihre Sklaven und ihr Reichtum wird darin enthalten sein wie in allen göttlichen Symbolen, die leicht zu entziffern sind, wenn das Göttliche wirklich seinen Atem in sie gehaucht hat.
Denn die seligen Götter waren nie ein anderes als die Erhöhung der Menschen irgend einer Zeit auf einen gewissen Stand ihrer Sehnsucht, sie waren nicht einmal unfehlbar, sie waren unsterblich, aber verwundbar, alles wissend, aber zu betrügen, voll Ethos, aber auch voll Haß und Neid. Sie waren aus beiden Stoffen der Erde gemacht wie die Menschen auch, denen nur die Kunst schließlich blieb, in ihr die Götter wohl mit größter Vollkommenheit, aber auch mit allen ihren eigenen Fehlern zu bilden.
Es ist einfach, von der Kenntnis der Menschen einer Zeit aus auf die Größe ihres Weltbilds zu schließen, es ist noch einfacher, sich aus den Figuren der Götter die Gesellschaft jener Nationen zurückzuenträtseln, die auf dem Rücken der Kunst diese Götter sich gebaut haben.
Denn Kunst ist immer der eifervollste Kämpfer mit der Unsterblichkeit gewesen. Als die größten Künstler ihrer Zeit, Bernini und Corneille, sich trafen, redeten sie sofort ohne Pathos, so als ob sie „how do you do“ sagten, davon, wie schmerzlich es sei, daß man so weit hinter seinen Idealen zurückbleibe. Flauberts Tagebücher weisen Kämpfe, die verzweifelter sind wie jene Cäsars, Alexanders, Napoleons, um die Erreichung einer möglichen Welt. Und als Gelimer nach Karthagos Fall mit den letzten Vandalen in einer numidischen Bergfeste am Krepieren war und die Herrlichkeit eines phantastischen Reichs damit hinsank, erbat er von seinem Gegner Pharas neben Brot und Schwamm eine Harfe, um selbst die Größe seines Unglücks mit der Kunst zu messen. . . . . .
Wir haben, Mijnheer, sechzehnhundert Meter hoch den Schlitten heute angespannt, haben die Landschaft des Schwarzwaldes in langen weichen Hängen unter uns ins Land fließen sehen. Hinter den Spießhörnern malten sich die Vogesen violett an die Dämmerung und hoben Straßburgs Kathedrale aus der fetten elsässischen Erde. Über dem Titisee funkelte die rote Lava der Schweizer Alpen. Von Kolmar bis Mainz lag die deutsche Erde unter uns und sie atmete über den Rhein, wo ihre Geschicke stets geplant, getragen und gemünzt wurden, immer nur das eine wundervolle Gefühl: Gelassenheit.