Im einzelnen Fall gesehen ist die Antwort vielleicht schon zu einfach:

Die ägyptische Plastik war wohl der größte Versuch, das Persönliche in das Mächtige münden zu lassen. Berninis Büste des vierzehnten Ludwig erstrebte nicht den ähnlichen Mann, sondern allerdings darüber hinaus das Königliche. Flaubert spießte nicht mit seiner Pinzette die tausend Details, sondern sammelte das Kleine immer in bezug auf die Größe. Voltaire machte nicht Witze, sondern suchte die Ernüchterung seiner Epoche, Beaumarchais hatte zwar nicht nur Haß, sondern erstrebte nur Wahrheit. Das ist deutlich und einfach. Wo aber liegt der eigentliche und letzte Sinn?

Die Inhaber der Schulen haben allerdings nur wie die Wilden gegeneinander getobt und dem Mißverständnis der Stile auch noch die Irrtümer ihres Charakters hinzugefügt. Von ihnen ist keine Antwort zu erwarten. Sie wird höchstens Komödie:

Schiller schwamm durch den Sturm und Drang, beknabberte die Romantik, durchstelzte die Klassik. Goethe schrieb nicht nur den wüsten Götz, vor dem noch der große Friedrich schauderte, sondern auch Iphigenie, aber auch das italienische Tagebuch. Musset, der die Romantik an allen Seineufern zärtlich bekannt gemacht hatte, schwor ihr mit furchtbaren Witzen wieder ab. Das Rokoko erfand sich selbst zum Kontrast auf seine Eleganz die lockeren Schäferszenen. Die ritterliche Hochkultur des vierzehnten Jahrhunderts stürzte sich auf die Wilden-Männersachen und schuf in den „ballets de sauvages“ sich ein romantisch phallisches Ventil. Der kleinbürgerliche Gefühlsbulle unserer herrlichen Zeitwende sogar, der sentimentale Bonsels, begann mit abenteuerlich lasterhaften Eroticis, während er nun über Jesu gerne ausführlich spricht. Joachim Kändler, der den europäischen figürlichen Porzellanstil von Meißen aus schuf, ein bewundernswerter Meister, arbeitete zuerst im Augsburger Goldschmiedstil, fertigte das berühmte Schwanenservice in den vierziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts bereits in Rokaille und zehn Jahre später das große Geschenk seines Königs an den fünfzehnten Ludwig „im jetzigen goût der kunstliebenden Welt“, nämlich in Rokoko. Ist das nicht lustig?

Keine Pamphlete, keine der trojanischen Schlachten, welche die Vertreter des einen gegen die des anderen Stils schlugen, täuschen über das Komische jener Einstellung hinweg, die vermutet: daß der Stil das Wichtige und der Künstler das Unwichtige, die Kunst aber ein Feldlager sei.

Der Professor Bergeret bei Anatole France hatte eine geruhigere Ansicht, als er nach dem Ehebruch seiner Frau aus dem Hause stürzte und plötzlich an allen Ecken in Kreidegrafittos seine Karikatur als Cocu sah. In der einen Auffassung der Zeichnungen wuchsen ihm die Hörner aus dem Kopf, in der anderen aus dem Zylinder. „Zwei Schulen“, dachte Bergeret und ging gelassen durch die Promenaden.

Als der Baron Marcellino de Sautuola die Höhle von Altamira vor vierundvierzig Jahren mit ihren Eiszeit-Rötelbildern fand, lachte ganz Europa, und Cartailhac, der das später männlich zurücknahm, erfand den Spaß vom Ulk der spanischen Mönche. Bald aber war nicht zu bezweifeln, daß hier eine Kunst vorlag, die vor fünfzigtausend Jahren an die Wände gemalt ward. Der Wolf in Font de Gaume sowie der Bison von Altamira sind gewaltigere weitere Kunst als alle persischen Miniaturen und Teppiche und unvergleichbar großartiger als die ähnliche Malerei des Franz Marc.

Fünfzigtausend Jahre sind eine erhebliche Zeit, alles, was uns wert ist, liegt im wesentlichen höchstens dreitausend Jahre in der Welt. Wollte man in der zwanzigmal größeren Spanne bis zur Eiszeit nach Schulen suchen, würde selbst der Gott der Historie platzen vor Lachen.

Wir haben ohne Zweifel die Schulen von siebenundvierzigtausend Jahren vergessen, aber die von dreitausend Jahren eifrig auswendig gelernt.

Den ersten Napoleon hat seine Schildkröte hundert Jahre überlebt. Und von Fieldings „Tom Jones“ meinte ein Kritiker, es werde, da der Autor habsburgisches Blut in seinem englischen Körper hatte, den österreichischen Doppeladler überdauern, und es hat ihn überlebt. Was bleibt, Mijnheer, an alledem, wenn aus der Nähe, von Pupille zu Pupille gesehen, dem Sucher der Sinn der Stile nichts anderes scheint als der Anlaß zu Albernheiten für die Zeit und spöttischen Kartenspielen der Jahrhunderte?