Was ist Kunst?

Zuerst ein Mißverständnis von oft entzückender Albernheit bei den Menschen. Welches Panorama von Witzen!:

Friedrich der Große schrieb dem Schweizer Myller, der ihm das Nibelungenlied sandte: „Hochgelahrter, lieber Getreuer. In meiner Büchersammlung werde ich dergleichen elendes Zeug nicht dulden. Sondern herausschmeißen.“ Voltaire krächzte über Shakespeare als ein lächerliches Scheusal. Der Dichter Flaubert ward zum Naturalisten, der Mensch zum Verfasser von Cochonnerien gestempelt. Heine hielt eine Zeitlang Goethe fürs Haupt der romantischen Jünglinge. Zola hielt sich für einen nackten Schilderer der Natur und war doch ein versteckter Romantiker. Man warf ihn aus der Zeitung, weil er für Courbet eintrat, und nannte eine häßliche Frau „femme impressioniste“.

Das Rokoko hielt die chinesische Kunst für eine Pläsanterie, benutzte ihre Schnörkel hochmütig und sprach über sie als „Indianische Malerei“. Balzac habe die Gesellschaft seiner Zeit am Schreibtisch ergrübelt und nicht geschildert und sei ein kindischer Schwachkopf, schrieb ein maßgeblicher Mann seiner Zeit. Und ein anderer fügte hinzu: wie die Mode Hugos restlos verschollen sei, werde auch Zolas schwaches Geschwätz dahingehn. Einer der besten Kunstwitterer Deutschlands, Paul Cassirer, hielt, als ich ihm kurz nach der russischen Veröffentlichung Alexander Blocks mir zufällig in die Hände geratende „Zwölf“, die Jahrtausend-Marseillaise aller Kommunisten, für seine „Weißen Blätter“ sandte, das Gedicht für eine kleine Ballade. Die Piraten der öffentlichen Meinung haben Achtzehnhundertachtzig gegen Manet wörtlich buchstabengetreu denselben entflammten Unsinn geschrieben wie gegen die Expressionisten. Was ist Kunst, Mijnheer, wenn Sie die Zeit fragen? Es wertet nicht das Lächeln eines holländischen Gentleman, der eine gute Zucht schwarzweißer Rinderherden hat.

Wenden Sie sich zu den Künstlern, wirds ein Bajazzospiel des Temperaments. Jeder liebt das ähnliche und kreuzigt das andere. Ingres hielt sich zu Holbein und Rafael. Beckmann schwört zu Mäleskirchner und Bosch. Böcklin, Feuerbach, Schwind wüteten gegen Macart und Piloty. Balzac amüsierte sich über Hugos Stücke und verehrte Stendhal. Corot hielt Delacroix für einen Adler und sich für eine Lerche, während Ingres von Delacroix als einem Epileptiker stöhnte. Heine hat Platen zwischen einer Diarrhoe vernichtet und die Schwaben verlacht, aber Lessing mit strenger Liebe bewundert. Fragen Sie einen Coiffeur, Mijnheer, was Kunst sei, aber meiden Sie die Träger der ewigen Fackel! . . . . . . .

Nun traben die Pferde ums Bärental, geflockt von Lämmerschnee schwebt die Ebene unten bis an den Rhein und der Wald über uns löst unter der Sonne seinen weißen Ballast und wirft ihn dampfend und spielerisch durch das Blau herunter.

Unser Schlitten ist rot lackiert, Mijnheer, und wie ein Minerva-Wagen gebaut, er hat die gleiche Federung auf dem Schnee und den ventillosen ruhigen Gang. Die Pferde knirschen schäumend an den Trensen und werfen die Köpfe in die Luft, und nur die Glocken des Sattelzeugs durchtanzen die Ruhe der landschaftlichen Majestät.

Nun traben die Pferde zwölfhundert Meter über dem Meer mit stolz gebäumten Hälsen und wagerechten Köpfen schon fast hohe Schule von einer Schleife der Straße in die andere nach dem Rhein.

Was bleibt von den Stilen, den Richtungen, den Gruppen der Jahrhunderte, wenn selbst die Gäule eine Schule des Ausdrucks haben, ihre unterdrückte Leidenschaft nach der Ebene in einem prachtvollen Stil zu bezeugen?

Alle Schulen scheinen vorne die Kampftruppe einer Epoche, dahinter aber erscheinen sie nur als Widerstreit zwischen Können und Welt. Was liegt dazwischen, Mijnheer?