Wies auf die Bilder und sagte: „Es ist keines darunter, in dem nicht ein Erlebnis wühlte. Es ist eine Laune oder ein Experiment. Ich muß es abwarten. Ich habe sie hier aufgehängt ohne Auswahl, ohne Ordnung, je wie ich hierher zurückkehrte und wie es mir gefiel. Es liegen Jahre in manchem eingeschlossen und strömen sich aus.
Oft ist mein ganzes Zimmer hier voll von dem Frühling in Paris. Dieses Bild ist die Schaukelnde des Fragonard. Sie hat das eine Bein zurückgezogen, das andere zieht in dem trotzigen Aufschwung noch die Volute der losgeschnippten Pantoufle nach, und um diese graziöse Entblößung fällt das Schwebende der weiten Robe und der Duft der Farbe, der gleich einer Wolke darübersteht.
Ich kaufte es eines Abends an einem Tag, da wir morgens nach St. Germain gefahren waren. Es war der erste jener bezwingenden Tage, die aufquellen aus einer gleichgültigen Nacht und voll sind von der Zärtlichkeit des Blaus und der warmen Stille einer Verheißung. Wir standen auf den Dächern der Waggons, die starrten von Ruß. In den Gärten brachen die Mandelbäume auf. Wir liefen wie ganz junge Hunde die Quere durch den Park. Es gibt in dieser Zeit nur eine Seligkeit: fühlen, wie das Spiel der Muskeln um eine Freude herum erwacht. Wir lachten und liefen, sprangen über Hürden, öffneten eine Holztür mit Lilien . . . und dann wußten wir erst, daß wir Eindringlinge seien: als wir gerade hineintraten in das Rondell.
Aus einem Bogengang ließ sich eine Schaukel nieder. Eine Dame saß darin. Sie trug ein dünnes hellrosa Kleid. Wir sahen sie vom Rücken. Ihre Arme umfingen die beiden Schnüre und zogen sie in einer lässigen Knickung zusammen, wobei sie sich etwas nach rechts lehnte. Ihre nach vorn vereinigten Hände mußten etwas halten, über das sie den Kopf senkte. Es war so still, daß man die Schaukel quietschen hörte, wenn die Dame am vorderen Auslauf sich mit dem einen Bein an einem in rotpunktierten Blüten stehenden Aprikosenbaum abstieß, während sie das andere hastig zurückzog. Dabei senkten sich jedesmal eine Handbreit Spitzen unter dem Brett augenblickslang über ein sehr zierliches Bein.
Dann hörte sie uns. Sie glitt von dem Holz. Ihr schmaler weißer Kopf senkte sich schräg. Sie raffte mit einer schützenden Bewegung die dünne und kurze Matinee. Damit gab sie sich noch mehr preis. Wieder erschien ihre Wade in dem glänzenden Strumpf und der noch hellere Schuh. Allein das merkwürdige war . . . sie ward nicht rot, nicht verlegen, sagte nur mit einer Stimme, die kindlich war, anklagend, alles war und umschloß in Inhalt, Tiefe und Modulation dieses ‚Good morning‘ — nur dieses —, schritt langsam, ohne wieder herzusehen, in einen Seitenweg.
Wir zogen uns zurück.
Ein Erlebnis wie ein Pastell . . . sagte einer.
Kindlich, dachte ich, niedlich, ästhetisch! Verstehen Sie! Es war kein Herr dazugekommen, niemand hatte gerufen, etwas gesagt, nur ein Geräusch: good morning.
Aber am Abend im aufheulenden Lärm des Boulevards kaufte ich dies Bild. Manchmal hörte ich den Klang der Stimme nachts im ganz Stillen, oft am Meer, im Orkan der Versammlungen, im Räderstampfen und in der Explosion der Dampfer. Jetzt im Augenblick rieche ich, physisch — Sie lächeln — ich rieche jeden Geruch jenes Morgens, das Feuchte vom Boden, das Arom der Luft zwischen den Knospen, den Aprikosenbaum und das Warme darüber. Sie sehen, mit welch wahnsinniger Intensität sich ein Erlebnis einfressen kann, das wir zuerst flach empfinden und leicht ablösbar wie die Spur des Atmens an einem Spiegel . . . und das bleibt, stärker und nachwirkender wie das Ungeheuere im ersten Erblicken eines anderen Erdteils, wie verstörter Ehrgeiz und Tod der Schwester. — — —
Ich habe stets das gedacht, was mich retten konnte. Darum liebe ich jenes Bild. Es ist wenig daran. Eine alte Radierung, zwei alte Menschen, ganz dunkel, um die Köpfe nur ein wenig Licht. Ich dachte mir einiges Angenehme dazu. Es half mir. Ich lag damals immer zu Bett, krank und mutlos. Ein kleines Mädchen schenkte es mir, das abends in den Vorstädten geigte. Ich besinne mich vergeblich auf ihre Haltung. Ich weiß keinen Zug mehr von ihrem Gesicht. Aber ich weiß, wie sie das Bild auf meine Decke legte und ihren grauen baumwollenen Handschuh daneben, der irgendwo dunkler geflickt war. — — —