Um zu diesem tief vorwachsenden holländischen Rahmen zu kommen, von dem ich wollte, daß er aus dem siebzehnten Jahrhundert sei . . . vielleicht ein wenig früher, aber keine Minute mehr, mußte ich achtundzwanzig Seineantiquariate durchsuchen vier Tage lang, dann fand ich ihn . . . und sollte dazwischen das Überfahrenwerden eines blonden Kindes erleben, das mir jeden Morgen um zehn Uhr auf der ersten Straße des Jardin des Plantes ein Lächeln ins Gesicht warf. Es hatte ein Kleid aus schwarzer Seide und eine gelbe, schöne Krause an.

Von dem Bild in diesem Rahmen, das Segelboote zeigt, will ich nicht erzählen. — — —

An dem kältesten Tag, den ich in Deutschland erlebte, stand ich vor dem Bildzyklus in der Ecke dort, Hallo . . . ich stand nicht. Ging!

So kalt war es. Ging auf den Holzfliesen. Aber die Kälte brannte mir in die Füße. Ich ging rascher und dann sehr rasch. Drei Schritte auf das Bild zu, drei kleinere es entlang nach rechts, sechs die ganze Fläche hinunter nach links, zurück zur Mitte und drei wieder, langsamer, rückwärts . . . und so fortfahrend eilender im Schauen, unheimlich und lautlos gleich der Parade des schwarzen Panthers vor seinem Gitter im ersten Käfig in Frankfurt.

Es ist der Isenheimer Altar des Grünewald. Sehen Sie die übersinnliche Kraft des Lichtstrahls aus der oberen Ecke und den Leib dieses Leprösen, der schon grün ist und überfault und so vegetativ, daß er sich nach Erde sehnt und halb schon Erde ist, aber hier aufgefangen steht als qualvoller Schrei des Fleisches zwischen Sehnsucht und Hiersein und Bestimmung zum Ende. Ganz Kolmar klirrte an diesem Tag vor Kälte.

Ich liebe das Bild, weil es mich plötzlich mit einer überflutenden Intuition mehr als durch tausend Bücher wie durch eine klaffende Wunde hineinschauen ließ in das aufzischende Herz des Mittelalters. — — —“

(Nun hob er den Arm, als wollte er eine Lanze werfen und beschoß mit den zitternden Kreisen der elektrischen Taschenlampe ein ganz kleines Bild) „Erinnerungen eines Monats in einem schottischen Landhaus. Abends Silber, Kerzen, Toaste. Sonst Gehen auf geraden Wegen im Park, Rasen, zwei Schwestern, Lilith und Jane, Rudern mit den Brüdern, die auf Ferien aus Oxford waren, und zwischen all diesem Frischen endlose Ruhe. Holte mir Arbeitslust für ein paar Jahre. Stahl, als ich wegging, von der Diele diesen winzigen Stich. Es ist eine Szene mit Affen. Einer trägt das Kostüm Voltaires. Steht darunter: the travelling monkey. — — —

Weheste und zarteste Erlebnisse, die wahllos ineinanderstürzen, aber binden sich an diese Silhouette. Germaine schnitt sie mir, ultramarin auf orange, in unserem kleinen Haus an den Tuilerien, als der Sommer dunkel und mit Gerüchen durch unsere Gardinen wehte. Niemals in der grenzenlosen Flucht der Zeit habe ich den Leib einer Frau mit dieser Hingebung geliebt wie den Germaines. Ich ließ sie alle Tänze lernen, die ihren Gliedern neue Linien, tiefere Inbrunst und glänzendere Seligkeit geben konnten. Am schönsten war sie, wenn sie auf einem Fell abends neben meinen Füßen lag.

Sie trug ein langes weißes Hemd, träumte und färbte die Nägel ihrer Zehen. Draußen der dunkle Garten bewegte sich manchmal. In Pausen ging jemand vorüber, roter Himmel wuchs über die Rideaux, und wir wußten, wie nah und brennend Paris über der Seine sei.

Germaine saß oft tagelang auf ihrem sechsbeinigen Schemel und schnitt Silhouetten. Dann nahm ich sie mit ans Meer in ein kleines Nest der Bretagne. Tagelang wieder lagen wir da im Sand, ihr Leib an meinem Leib, und wenn sie anfing zu zittern, dann ward es Abend, und die Nacht schliefen wir in einem Bett, das Boot war, und Germaines Glieder lagen auf den schweren roten Decken wie Achat.