Da sah sie: im Kreuzschein der großen Signallaternen bewegten sich Fribaurt und Le Beau wie Ratten, mit Brustschild und Maske, florettierend gegeneinander. Le Beau lag wundervoll in der Hüfte, bewegte sich in der Lendenwage nach oben gedreht mit fesselloser Kraft. Stieß vor, im Angriff, schien plötzlich müde. Übersah die Quintrone, die mit aller Haut atmend in seinen Blickkreis kam. Warf nur einen Blick seitwärts, der dirigierte Moki hinter seinen Rücken ins vollste Licht. Seine hitzig kalte, fast brausende Geschmeidigkeit verwirrte

sich immer mehr in dem weichen unberechenbar eleganten Schlag, den Fribaurt in zu seiner Größe und Breite erstaunlichen fast mit dem Handgelenk gefächerten Etüden heraufwarf. Plötzlich machte Le Beau eine stumme eindringliche Geste. Mokis Körper schälte sich bronzeschmal aus der Dämmerung. Beau entblöste die Brust, fing Fribaurts unsicher schwankende Spitze in letzter Sekunde auf, pfiff von unten die Gegenlage, schleuderte aufspritzend das Florett des Gegners in die surrende Dunkelheit. Legte Brustschild, Maske ab, sagte Fribaurt kalt Schmeichelhaftes. Drehte Wasser an, wusch die Hände. Hob plötzlich den Kopf.

Sammelte das Gesicht zum erstenmal ganz, legte es in den Blick. Warf ihn mit einem wehenden Ruck herum, mitten in Daisys Gesicht. Entjungferte ihr Auge. Traf es mit einer Gewalt und Absicht in einer eindeutigen Sicherheit, daß sie wankte. Schmerz spürte, als durchstäche er sie. Ihr Blut aufflammen fühlte, zurückstürzen. In den Adern eine bäumende, auflösende Kraft. Sie gab den Blick nicht zurück, schloß über dem Vorgang die Lider herunter, ging mit dem Gefüllten rasch hinab, unsicher, überwältigt wie ein im Schlaf begattetes Tier, in der Haltung zart und süß, den Kopf mondhaft, nicht weinend, zur Seite gebogen.

Sie schnitt ihn. Er übersah es. Sie brüskierte ihn. Er sah es nicht. Sie reizte ihn, brachte ihn zu keiner Äußerung. Sie traf ihn auf Vorderdeck, drehte um. Am Lunchsaal strich sie ihn fast, sprach abgewendet zum Steward. Fuhr in seinen Satz, sprengte die Gruppe, in der er stand. Zeigte ihm ein Maß der Ablehnung, das sie derart steigerte, daß er ein Lächeln einmal abends darauf gab. Sie setzte die Kiefer fest aufeinander, behandelte ihn gleichgültig, suchte seine Nähe, die sie gemieden. Frug ihn nach der Zeit, lachend nach dem Barometer, scherzend, als glaube sie, es sei von der Jagd, nach den Narben seines Gesichts. Er nahm es gleichmütig, erinnerte in nichts an etwas, das traumhaft hinter ihrem Leben nun stand, sie trennte von allem. Sie aufhob und ungestüm machte nach einer Entfaltung. Ihr Drang nach Geben und Zurückströmen des Gefüllten war so groß, daß selbst die nichtssagende Bewegung ihres Ganges, die Haltung ihrer Zigarette eine Zugehörigkeit und Verbindung mit ihm annahm. Ihr nebensächlichstes Wort hatte eine Umkleidung, das ihn stach. Ihr Gespräch mit anderen nahm Richtung auf ihn. Er blieb gleich, unberührbar in seiner Glätte.

Sie wandte sich Fribaurt entgegen, holte den Klatsch herauf, trat ihn breit mit ihm, vermengte, versträhnte ihn, daß Le Beau schweigend hörte. Sie gähnte nicht mehr in des Riesen weibisches Gesicht. Holte neues heraus, Unerfindliches, Entferntes und breitete es hin.

„Sie haben durch den Fächer bei der Quadrille einen Feind in meiner Familie. Mein Vater haßt Sie, daß er Sie fast liebt.“ Sie lachte ein Lachen, das kein Lachen war. Das Schweigen neben ihr blieb. Sie lockte es nicht heraus. Sie übernahm sich im Grauen davor, schob Fribaurt in Dialoge, denen er kaum folgte, erreichte die Spitze des Erreichbaren: das Gespräch brach ab. Eine Pause fiel.

Da machte Le Beau eine Bewegung. Moki begann auf der anderen Seite herumzulungern, glitt auf eine Bank. Fribaurt stotterte, zog den Hut, verschwand Ihr Alleinsein machte sie wortlos, verlegen, fühlte sich verloren. Was sie in ihn überleiten, ihm zurückgeben wollte, den Zwang . . . es bog sich herum, ward Leere und Fassungsloses in ihr. Sie wartete, daß er ihre Hilflosigkeit erkenne, benutze. Allein er schmiegte sich nicht hinein, ließ den Augenblick verklingen. Es kam eine Ruhe über sie. Ihre Hände ballten sich ein wenig zusammen. Er änderte seine Stimme nicht. In der Nacht hörte sie sie im Schlaf, sie stieg mit ihr herauf ins Erwachen. Sie bog die Beine herauf, legte das Gesicht darauf in schmerzhafter Umarmung. Da schlug ihr die Stimme heiß ins Gesicht aus jedem Knie.

In ihre Augen, Schalen, legte er, was er wollte. Es war Schmiegsames, Zartes, das sich mischte mit Stahl. Auf ihr Gesicht schrieb er Vorgänge, ohne sie anzusehen. In sie hinein sprach er, ohne Widerstand.

Nichts stieß ihm entgegen. Gewölbt stand ihm offen das Ganze. Er schmiegte sich hinein. Warf sein Leben hinaus ans Meer, es prallte zurück, umgab sie. Dämpfte das Gute, hob das Schwanken. Baute sich aus in ihr, langsam, gespannt, weich mit einer eindringlichen Unerbittlichkeit. Die Sonne ging in weißem Bogen. Lauschend bog sie sich über den Tisch. Langsam sammelte es sich bei ihm. Kam diesmal ohne Wucht, aber mit bis ans Schreien unterdrückter Süßigkeit. Er flüsterte zwei Worte. Sie gab den Blick langsam, schwer zurück. Nickte.

Sie stand nachts auf. Es schlug zwei. Die Tür der Kreolin schloß sich, bei Fribaurt glitt es heraus, dunkel und braun, verschwand. Sie ging die Treppe hinauf, sagte die Nummer der Kabine mit weißen Lippen vor sich hin, suchte mit den Augen, den Händen in der Dämmerung des Korridors. Ihr Arm blieb stehen. Ihr Bein, magisch gezogen, ging unter ihr weiter. Ihre Haut glühte mit einem Ruck. Da hörte sie neben sich in der Nische ein Geräusch. Sie bückte sich, durch die Luke kam Nickellicht vom Wasser. Hinter Gittern kamen die roten Augen kleiner Hasen an sie heran. Ihr Finger berührte die bewegte Schnauze. „Go . . .“ Die Tiere hoben sich, neigten sich herauf. Begannen sich zu bewegen im Ruf, der sie traf. Ihre Stimme aber kam auf sie zu, umfaßte sie selbst wie von anderen gesprochen, breitete sich in ihr aus und verließ