sie wieder in Seligkeit und Erfüllung. Was vorging, was sich sammelte aus ihr heraus im Ton, der sie umschwamm, brachte Ruhe in sie. Trieb sie in eine Klarheit. Stellte irgendwo etwas auf, dem plötzlich alles in ihr wie an Fahnen hingeweht sich zubewegte. Ihr Blut spannte sich dem entgegen. Es ging über alles hinaus. Trieb darauf zu mit der Kraft und der Inbrunst des Ziels. Sie lächelte. Kehrte zurück, fiel in Schlaf wie Traum.
Abgelenkt, vorbeigeführt innen an ihm, gab sie ihm die Hand. Keine Miene zeigt, daß ihn etwas enttäuschte, Unter den Sätzen warb seine Stimme um sie, um jeden, er blieb gleich. Sein katzenhaft gestraffter großer Körper blieb neben ihr. Hörner heulten aus dem gegen die Wellen trommelnden Abend. Blinkfeuer stachen kreuzend ins Licht. Aus Landduft quollen roh, verquatscht, Hupen. Die Räder gingen langsam, fielen zurück, die Mole hing voll Menschen gedrängt, wimmelnd, sich verlierend auf der tiefen Fläche. Unter den rücklaufenden Wogen schellten die Bojen los. Das Schiff stand. Da sprang plötzlich ihr Herz.
Die Barkasse legte an. Zwischen gestapelten Koffern irrten Passagiere, auseinandergespritzt. Hände durchglitten ihre. Das Fräulein stieg auf der Treppe hinunter zum Wasser. Sie sah scharf nach dem Ufer. Es kam auf sie zu.
Sie gab Le Beau die Hand. „Wohin?“ Sie
wußte es. Er sagte: Paris. Lächelte plötzlich: „Wohin fährt ein Franzose . . .“ Sie lachte über die Schulter dem Reeling zu. Sie sah zurück: Versäumtes, Verfehltes lag auf seinem Gesicht plötzlich gesammelt, Schmerzhaftes zog es tief in ihn hinein. Es blieb. Verließ sie nicht. „Leben Sie wohl.“ Wind bewegte sein rotes Haar. Den Hut unterm Arm. Von unten sah sie ihn am Geländer verschwimmen. Zwischen den weißen Hosen der Kapelle brach der flackernde Untergang auf. Die Musik spielte über der Sonne. Die Barkasse legte sich fest an Land.
Der zweite Abschnitt
Da war Berlin, sie erkrankte an Grippe, ihre Umgebung fürchtete den schlechten Ausgang. Sie genas. In Zackstrahlen von diesem runden Verharrungspunkt ausgeschleudert, durchschwebte sie die neuen Schichtungen. Das Fräulein führte die Liste der Stunden. Die Tabellen verengten sich, gingen bis in die Nacht. Man holte sie. Sie schob sich selbst in das Drängen. Bald stand ein Defilé vor dem Haus. Mit Holl ging sie in Lewinskys Generalproben. Vom Bazartee kam sie mit Rosen, die Zofe brachte das Abendkleid ins Bad. Das Fräulein reichte die Tabelle. Sie runzelte die Braue etwas hinauf. Verreiste. Böhmer, Below traf sie bei der Holmberg, überging sie. Erlebte den Skandal, als Männer auf der Nizzapromenade sich um deren weißbemaltes Fleisch schlugen. Drei davon starben. Andere hätten sich gewälzt vor Wonne. Fuhr weiter. Drang von Schicht zu Zelle, lächelte. Es gab keine Grenze, Geld, Wille machten vor ihr alles frei, sie folgte traumhaft. Bei Utö kam von der Regatta Symes herauf, schlenkerte im Sweater auf sie zu. Sie sah zuerst vorbei, traf plötzlich seine Gestalt,
spürte in den Knien, im Auge den Schlag, erblaßte. Lief am Strand auf und ab abends, allein. Reiste zurück nach Nizza die Nacht.
Bezauberte drei Tage von neuem die Holmberg, deren Hand schmeichelnd kam, fuhr mit ihr den Korso, dessen Blumenwoge symphonisch in den Himmelrand schlug. Ihr Blick hing fest irgendwo über ihr, zog etwas daraus fest in sich Die Gräfin fragte. Sie ward scheu, umschwebte mit dem Blick ihren Kopf, wich der Hand aus, verschwand. Sah in dem Parkfest eines dekadenten Mitteldeutschen Fürsten die Megrée auf gemeißelten Beinen kommen, auf einem Wallach, zwei Messer im Mund, abspringen, den Norweger Stefan umarmen, nicht tanzen, lachend abreiten. Der mit den eisernen Backenmuskeln wandte sich ruhig um, sah, überstürzte den Blick nach Daisy. Seit dem Tag war Stefan hinter ihr her, reiste Station auf Station nach, vermochte nicht zu bitten, versuchte einen Einbruch, setzte sich selbst herab, mußte sie unter Menschen ihn hören. Seine athletische Brust zuckte zurück vor ihrem grau geworfenen Auge. Sie sah ihn kaum. Sie gab sich hin, ließ sich aufnehmen wie willenlos, von diesem bald, von jenem Hauch. Kam es vom Meer, war es gut. Kam es vom Land war es gut. Ihr Gesicht selbst war verschleiert. Es war unsichtbar, was sich vollzog. Nur war das Obere deutlich nicht das Letzte. Etwas saß darunter, fest zusammengedrängt.
Nur, je mehr sie sich dem Umstrahlenden anschloß, genoß, sog und hintertrieb, bedenkenlos die Stationen nahm, die sie umwölkten, war etwas in ihrer Hingebung, das sie dem so heftig Genahten tief entzog.