Es schwankte herauf und herab in dem Treiben, bald obere, bald untere Welt, Fahnen und Wagen, auch Meer. Sah Heringsdorf, Menschen bogen sich, verkrampften den Blick, sahen in die Sonne, neigten die Hälse, flüsterten, trieben Neugier aufs Gesicht. Durch solch gewölbte Gasse kamen Heroen: Lyonel, Böhmer, Brandt, Below. Umzischelt, vertuscht, aufgerissen. Vorbei. Sie lenkte den Blick kühl darüber, er trieb nicht ab, blieb nicht haften, kein Drang schlug dort hinaus. Sicher fast, in die Höhe gehoben, blieb er dort. Haftete. Sie spielte einen Preis im Single heraus. Das Lächeln, das sie zerstreut dem Preisrichter gab, lief durch Revuen, machte ihr Gesicht bekannt. Darauf, in Zopott, trat im Doppel Stefan gegen sie. Machte ihr Fehler hin, sie nutzte nicht aus. Schlug erstaunliche Drifs, sie bewunderte nicht. Schlug einen Ball gegen ihren Schenkel, mit einem Wehlaut sank sie zusammen. Seine Entschuldigung lenkte den Blick an ihm vorbei. Gewalt gegenüber war sie eisig verschlossen. In München schwärmte sie unter herber südlicher Sonne einen Festabend. Unter der Dielentür sah sie Caspare Symes, er sah sie nicht. Da schwankte ihr Gesicht,
an den Molen des Innern brach sich es, schäumte herum. Sie stieg hinauf. Nahm den Spiegel. Ungewisses, Zögerndes stand vor ihr, schlug dort hinaus, woher sie kam. Sie bog ihr Gesicht auf, lernte eine Bewegung, die es zurückschlug, was tastend offen stand, hinein fuhr in die Tiefe. Das Harte, Gespannte, sammelte sich dichter unter dem Schleier, ward reifer, fiel fast als Frucht schon heraus.
Sie saß im Zirkus, wo Sägemehl und Pferdeschaum schwirrte. Mit Steinen um den verhaltenen Mund neben dem französischen Botschafter. Fuhr im Auto durch Eifel und Rhön, über Matten, zu den stählern gereckten Chausseebändern des Bennetrennen. Kinder, Frauen, hinter ihr her, hinter nie Gesehnem. Offiziere ritten neben ihr im Herbst. Im Lunapark verlor sie einen Ring, lachte. „Masseldoff“, flüsterte Holl. Sie sah zurück. Die Zeit staffelte sich darunter. Es ward klar. Was war das all? Nichts. Die Männer, es beschäftigte sie nicht. Hochmut sprang um den Mund, als sie aufsah. Was blieb, kannte sie.
Noch blieb sie in der Schwebe, blieb sich gleich, hingegeben noch wie stets dem, was bereits vorbei war. Unbestimmbar so auf Straße, Wagen, Park. Verdichtet aber im Innern. Sie hörte Stimmen, vernahm Dinge, hörte Stefan, Holls Regie. Wohlig streckte sie sich darin, es ging sie nichts mehr an. In Christiansand an einer weißen Mauer entschloß sie sich plötzlich, bestimmte
die Rückkehr. An der Reede, von einem Schiff steigend, das kam, traf sie Symes. Er grüßte. Ihr Gesicht blieb kalt, wie sie es sich gelehrt. Aber Ohnmacht überfiel sie, so straff hielt sie unnatürlich die Maske. Es schlug sie den Fahrtmittag nieder, erweichte ihr Gesicht, das mit den heißen Wellen ging und kam. Gegen Abend warf sie den Aufruhr in sich nieder. Erreichte den Punkt wieder, wo ihr Blut hinhielt. Hielt die Richtung ein, verschärfte sie sogar aus Trotz über die Abschwenkung. Warf alles zurück auf das Zentrum. Der Schleier fiel ab. Das Gesicht fiel reifer heraus, suchend, ruhig, bestimmt.
In der Nacht kam sie an. Im Bett früh telephonierte sie nach Lewinsky. Er war nicht im Theater, nicht in der Wohnung. Sie hörte vom Diener, wo. Fuhr zu Guildendaal aufs Morgenfest im Park. Suchte die Wiese ab. Sah Perlhuhnhunde, des Einladers breite Glatze über Favorits, sah eine Polonaise am Teich. Darin am Ende Lewinsky. Da setzte sie sich beruhigt. Doch unterbrach ein Skandal. Es kam ein Anruf: die Megrée hatte sich erschossen. Man rottete sich zusammen. Holl eiferte gegen Stefan, hetzte fanatisch, jetzt noch in ihre tierhafte Anmut verliebt. Kam Stefan vorbei, schwiegen sie. Man hatte den Mut nicht, es ihm zu sagen. Fribaurt kniete neben ihr, erzählte den Fall das drittemal. Sie sah in den blauen Himmelausschnitt zwischen den Rotbuchen: wie
feig sie waren. Sie sah deutlicher nach Stefan. Eine Stunde blieb sie, überflog die Versammelten, hielt Zusammenhang immer mit einem Kopf. Plötzlich ging Lewinsky, sie sah den Hut in seiner Hand. Da stand sie mit einemmal leicht auf. Sie legte, schon halb herumgewandt, die Hand mit unnachahmlicher Lässigkeit auf Stefans Schulter: „Die Megrée ist tot.“ Ihr Gesicht war anders wie das, was sie sagte. Fern nach anderen Dingen gewandt, erhielt die helle Schärfe eines Vogels. Am Wagen blieb ihr Kleid etwas gerefft hängen. Man sah ihr Knie. Sie fuhr die Allee hinaus.
Sie fuhr ein paarmal, um Zeit zu gewinnen, um das Viereck, nachdem Lewinsky vor ihr ausgestiegen. Ließ halten vor ihrer Villa, ging unter Flieder auf das gelb leuchtende Haus. Im Boudoir zog sie sich um, saß noch einige Minuten am Fenster. Über dem Kiesweg pflückte sie einen Zweig, schwang ihn hin und her. Der Gaul wieherte, als sie wieder losfuhr. Sie ließ sich nicht anmelden und wurde daraufhin abgelehnt. Da gab sie die Karte ab, die Türen gingen auf, im Arbeitszimmer stand Lewinsky, an ihr vorbei, ihn verlassend, ging Stefan. Sie stand an der Portiere und brachte Lewinsky aus der Fassung. Sie hatte ihn den Morgen getroffen, sich nicht annonciert, war plötzlich da. Sein Blick strich die Wände hinauf, da hingen große Männer seiner Zeit. Seine Haare waren in
der Stirn geschnitten, er stieß mit der Zunge an, schlug die Arme über die herausfordernde Brust, um sicher zu scheinen. Er fragte, was sie will. Sie antwortet nicht, macht nur eine Bewegung, die sie ihm ganz öffnet. Erhebt ihre Stimme. Kein Mensch hat sie gehört. Sie fühlt sie schweben. Sie spricht eine halbe Stunde vor dem Gesicht, das an Höflichkeit aufrafft, was es kann. Sie fühlt die Vokale steigen, glänzen, singen. Es entspannt sich in ihr, vieles geht hinaus. Das Beste bleibt, ist gehemmt. Als sie eine halbe Stunde gesprochen hat, hebt sie das Auge auf zu ihm, erschrickt. „Es genügt nicht?“ Er spaltet den Mund nach den Seiten, schaut herauf ihre Figur, herab. Kämpft einen Augenblick mit den Kinnmuskeln. Dann schüttelt er den Kopf.
Viele Tage verließ sie das Haus nicht. Ihr Mut war so stark, daß der Mißerfolg sie nicht schlug, sie begriff ihn kaum. Er brachte sie nur deutlich zu sich, entfernte sie von dem Hin- und Herbewegen und legte sie fest. Sie sah durch das Straßenfenster, da ging gedämpft der städtische Verkehr der Grunewaldstraße, rasch, verwirrend, elegant. Sie ging zum andern, da war rauschender Park. Baumwipfel bogen sich im Wind ihr zu. Sie hob den Kopf entgegen dem Geräusch,