hob ihm die Stimme entgegen. Es klang zusammen. Belebte sie, gab ihr Resonanz, sie kettete sich daran und bekam die Leichtigkeit, die sie selbst bezauberte und hinriß. Da war sie ganz enthalten in den Lauten, wenn sie allein sich preisgab dem Gefühl, das ausfloß. Da konnte sie Sätze biegen, Wonnen rauschen lassen in blanken Diphthongen, spielen mit Worten und ungefähren Dingen, die als Sternnebel um sie waren. Beglückt trat sie zurück.

Am vierzehnten Tag fuhr sie zur Florath. Die wollte sie ablehnen, sah das gute Kupee unten stehen, ward neugierig, winkte, sie hereinzuführen. Sie lag mit gelockerten Beinen auf dem Diwan, musterte Daisy mit den runden Wolfsaugen, leckte die Lippen und führte beide Arme verführerisch nach den hell gemalten Haaren. Daisy begann, ohne sich zu setzen, sprach, nicht lang, aber eindringlich. Beim ersten Laut spürte sie, es fehle, es stoße neben hinaus, was sie wollte. Als sie ins Gesicht der Schauspielerin sah, stürzten ihr Tränen in die Augen. Alles verließ sie. Kein Mut, keine Sicherheit. Mit kindisch unsicherer Haltung raffte sie ein Taschentuch auf, das ihr gefallen, und als sie wieder stand, sagte sie nach unten hin: „Ich hatte mich nicht in der Gewalt.“ Wieder suchte sie jenen Ton, den sie seither immer besaß, der ihr eigentümlich war wie ihre Hand. Sie glaubte, sie träfe ihn, begann von ihm aus sich aufzuschwingen. Als sie unsicher ward, half

ihr der Trotz zu einer intensiven Kraft. Einmal stockte sie, sah die große Frau auf dem Diwan zusammengerollt, sie nickte ihr zu. Sie fuhr fort, schleifte es weiter und brach ab. Die Florath reckte die langen Beine, erhob sich, zog die Knie an, sagte mit ihrer schwärmerischen Stimme: „Gibt es denn nichts, was Sie sonst befriedigt . . .“, kam mit langen Schritten auf sie zu. Sie sah auf, wollte, was sich sprengte in ihr, sagen. Es kamen nur Tränen, sie stampfte ein wenig auf. Als sie den Arm der Florath im Nacken fühlte, wußte sie, daß jene sie mißverstand. Sie schwieg, verschloß in sich das Geheimnisvolle, das sie sofort wieder sicher machte. Demütigung, Verzweiflung bisher, nichts war umsonst gelebt, sie fühlte, es ward klar. Noch machte an der Tür die Florath eine Bewegung mit dem Kinn, das rätselhaft herabkam: „Die Welt ist voll Möglichkeiten, reizvollen, wenn Sie die Ihren suchen . . .“, die runden Wolfsaugen überglitten sie lächelnd, die Hand glitt über ihre Brust. Sie verneigte sich. Auf der Treppe ward sie wieder zäh wie vorher. Gelang dies auch nicht, sie spürte unbedingt, unauslöschlich die Stimme in sich An der Straßenecke stand Moki. Aus dem Laden trat Fribaurt, bedrängte, behing sie mit Geschwätz. Sie log ihm Krankheit vor, erklärte ihre Unsichtbarkeit damit, frug ihn, als er nicht wich, nach dem Diener. Er schmollte mit den Lippen, verschwand. Zu Haus fand sie einen

Brief. Er riet ihr, zu Löw zu gehen. Rivale Lewinskys. Sie wußte nicht, von wem. Der Goldfischteich glänzte aus der hellen Dämmerung. Sie biß die Lippen zusammen über den Eingriff, der in ihr Leben kam, der Garten stand geweitet wie ein Flußtal, Fischflossen glänzten manchmal weich und rasch.

Der Papagei schrie lang und heiser. Sie kraute die gesträubten Haubenfedern. Der Schnabel kreuzte sich, orangen und grün flimmerte es aus der Ecke: „Dogo . . . Dogo.“ Sie wandte sich von ihm um. Nahm ein gepreßtes Buch, schlug es auf. Neben Lewinskys gesalbter Glattheit stand das wohlwollende menschliche Gesicht Löws. Es zog sie an. Sie sah auf den Boden. Im Garten, sangen Nachtvögel herauf, schwebten ihr mit Wind Flüstern entgegen und nassem Buschzeug aus dem Blau. Sie spürte, daß der Brief sie gut leiten wollte, zog den Finger aus den Blättern, empfand im Schließen, wie es sich in ihr spannte, und daß vor diesem Kreuzweg Ja und Nein des Lebens stand. Dann hatte sie etwas plötzlich, was alles vertrieb.

Sie fuhr zu Lewinsky. Er hatte sie einmal besiegt. Zeigte, wie schön sie sei. Hinter der Höflichkeit reckte sich seine Macht. Er gab ihr ein anderes Buch. Sie wollte es zwingen. „Der Text ist nicht gut.“ Ein anderes Spiel. Sie wechselte. Sie bäumte sich auf, klar und weitschweifend zu sein. Schon kämpfte sie

gegen das Unfaßbare, da ging eine Tür hinter ihr, über den Spiegel huschte ein Schatten, eine dünne Bewegung. Es löste seine Oberfläche auf, er stand in Wellen, wurde tief und voll Horizont. Ein Springbrunn kam hereingeplätschert, ihr Mund spürte Blau und Goldregen und Baumbewegung. Es kam Geräusch der Ströme. Auf dem Ontario wogten Segel, hißten Fahnen, grüßten. Rührung und Hingabe legte sich in die Stimme, ward goldhell, posaunengroß, nun erlebte sich alles. Flog an den Drähten hinauf, sank zurück ins Blattgepischper. Trug eine Kraft, die schwoll und wuchs. Sprach zu den Tieren: Ihr Lieben. Zu den Weibern: ei welche Sonne da. Hatte den Ottawa im Traum, den Erddunst in den Nüstern der Vokale. Hatte ihr Herz. War voll. War da.

Ihr Auge frug nicht, ihr Mund hatte kein: Genügts? Lewinskys Kopf war entblättert. Macht, Höflichkeit, jede Maske war weg. Um die Lippen stand eine grausame, bebende Linie. Angst, daß ihm dies entgehe. Er versprach, was sie wolle: Erfolg, Geld, Ruhm. Der Spiegelschatten kam aus dem Polster, Stefan brachte sie an die Tür, hatte Ersticktes in der Stimme: „Erhielten Sie meinen Brief?“ Sie zögerte, sah Gesenktes an ihm, der Brief war gut. Dann hob sie schmal das Kinn: „Nein“. Er lachte heiser durch die Zähne. Ihr Blick blieb verwundert.

Dies war der Durchbruch. Die Arbeit begann.

Lewinsky zeigte klug, was ihr fehle, wie, was sie in sich trug, nur die Flamme war, die das Gerüst entzündete und in die obersten Logen der Erfolge trug. Das Gerüst war zu lernen. Sie sah ein, sie konnte noch nichts. Nun gab es nur dies. Von allem schnitt es sie ab. Keine Segelfahrten lockten, an keinem Zirkus entzündete sich die Lust nach dem Dampf der pochenden Pferdebäuche. Fort gingen die Bahnen, die Wagen. Sie blieb.