Die Brauen bogen sich vor Spannung. Das I schärfte, jagte sie in den Plafond gegen Dogo, daß er flatterte und es zurückschrie. Das A baute sie zu Brücken, weiten Wölbungen, die funkelten vor Kuppelschwung und Material. Aus dem O kamen schwingende Trommeln, ferne Gewitterstürze, die erregten. Die Leidenschaften der Wälder, das Sichsagen der Leiber brannte aus dem U. Die Diphtonge glitten dazwischen. Sie trat ans Fenster, die Hände, die Brüste am Gitter.
Ein Lehrer kam, der den ausländischen Akzent abschliff. Nach acht Tagen sagte die Zofe ihm, es sei genug. Lewinsky sandte andere. Sie verbrauchte viel und rasch. Fand sie, wo sie einhaken konnte, blieb sie zäh dabei. Das Regulieren von Zunge und Zähnen, das Siebenmaldurchsprechen der Rolle, bis die Figur sich entschälte, das Hartnäckige und Sichere, das war ihr Fall, dem blieb sie treu. Ein Lehrer wies ihr die
Bewegung im Raum, teilte ihn geometrisch, wies ihr die Plätze dekorativ. Stellte ihr die Gebärden, zog eine Kurve. Sie sah vorbei. Er stülpte den Ärmel hoch, den Arm auf zur Ekstase. Sie machte es nach mit der Linken, die Rechte gähnte. „Wozu?“, frug sie Lewinsky mit ermüdeter Schmerzlichkeit. Da brachte er Statisten, belebte mit Fleisch, mit Blut das Zimmer, suchte durch Lebendes ihre Verwöhnung zu überwinden. Er machte ein Kabinettstück, bezauberte mit seiner eigenen Regie, hetzte das Zimmer, die Luft zu Drama. Sie lächelte. Sie nahm drei Stühle. Sowie sie aus sich selbst sich bewegte, kam Leben in das Holz, ward Aufruhr und Ergebung. Sie entflammte es. Er zog beleidigt die Unterlippe ein, grinste impertinent, als sie den Rücken kehrte. Ließ sie aber tun, was sie wollte. Überzeugt selbst über seine Eitelkeit hinaus.
Einmal gönnte sie sich Erholung, als Dogo schrie, sie ihn im Hemd mit Tintenfischen fütterte auf der Veranda und die Morgenkühle ihr unter dem Leinen den Körper hinauf tastend lockte. Sie ritt mit Guildendaal und Rotbefrackten eine Allee hinauf. Die Hunde rannten Hasen nach im Gras. Von einer Pappelreihe her hob sich ein Staubkreisel, flackte über die Äcker und Weiden herbei. Als er die Allee berührte, fingen zwei Drosseln an zu schlagen, unaufhörlich. Da wandte sie um, trabte ohne Abschied herum, wie im Spiel, kam nach Haus, empfing von
rückwärts in die Einsamkeit das Durchflogene, gab sich hin an das Wehen der Gräser, das Summen, Vorbereiten und dann dem Ansprung des jungen Winds, entfachte sie. Mit glücklichen großen Augen und einer ganz beschäftigten Stirn versank sie in die Arbeit.
Besuche nahm sie nicht an. Selbst machte sie keine. Holl, da er Regie hatte, traf sie manchmal, doch wünschte sie Tips. Ging sie aus, war es mit Freude und Spannung schon auf die Rückkehr, wo die Distanz zur Arbeit sie frischer machte, angriffslustiger, heiterer im Spiel. Moki suchte ihr etwas zu überreichen, sie nahm es nicht. In einer Gartenstraße schlich ein Mann und riß an ihrem Beutel. Das kleine Messer aus dem Gürtel in der Hand, begann sie den Widerstand. Doch ließ sie fast im gleichen Augenblick den Beutel fahren, steckte das Messer ein. Sie hatte wichtigeres vor, um dies zu riskieren. Der Dieb lief. Sie kleidete sich um. Fuhr den Abend ins Theater der Florath. Die war nicht da in der ersten Szene. Im Hintergrund der Loge bereitete eine Frau sie vor, schilderte ihr Bein, ihren Busen. Ihre Laster. Da kam sie wie ein Tier, das Kleid schaukelte erregt um sie, als sei ein Abstand zwischen Haut und Kleid. Selbst im Unsichtbaren war ihr Körper entblößt. Es war, als säße ihre Seele in den Hüften. Alles strömte zusammen da, erhielt dort den Ausdruck der Verhaltenheit, der erregte bis zur Stummheit. Sie lächelte einen Mann zu Tod. Er
verschwand mit seinem blonden Bart. Später dirigierte sie sich gegen einen Slawen mit Bauernschultern, an seiner Stumpfheit blieb sie hängen. Schwebte eine Herzspanne in der Luft, das Verhüllte knisterte um sie. Sie sog die Sprache in sich hinein, hinter dem Marmor leckte schon tosend die Glut. Die aalglatte Hüfte stand fast ruhig, sie spielte mit einer Dose. Ließ sie fallen. Bäumte, brüllte wie ein Tiger.
Entsetzt, mitten in der Szene ging Daisy. Sie sah, was fehlte. Wie unheimlich jene mehr konnte wie sie. Lächelnd stumm in sich hinein, weil ihre Inbrunst größer war als die Routine der andern. Sie zog den Schluß: arbeitete heftiger, tief in die Nacht, schon gierig auf den Morgen.
Doch war die Nacht auf ihr heißes Decolleté gefallen, die Grippe in der Nacht zurückgerollt. Weinend, fiebrig, schleppte sie sich zum Diwan. Da stand die Aufgabe. Sie konnte nicht. Die Zofe schellte den Arzt herbei. Er frug nach Schmerzen, hielt an langen gepflegten Nägeln das Hörrohr ihr an die Brust. Sie delirierte: „Sie kann die Übergänge . . .“ Der Arzt neigte sich herunter: „Nehmen Sie alle zwei Stunden ein Pulver.“ Abends zur Zofe sagte sie: „Nehmen Sie drei.“
Achtundvierzig Stunden wimmerte sie, die Zofe verstand nichts. Am dritten Abend schlug sie die Augen auf, besann sich, bekam ein opaliges Licht hinein, wies