auf ein Buch. Als sie es in der Hand hatte, fiel es ihr vor Schwäche heraus. Sie sagte: „Nehmen Sie vier.“

„Es ist zu viel.“

„Ich habe Eile“

Am fünften Tag war Sonne. Am achten kam sie in den Garten. In Zweigen und Flüstern bewegten sich sanft und weich die Sätze. Die Melancholie der Boskette träumte gold umrahmt vom Mondlicht. Ihr Entzücken entlud sich unaufhörlich quellend, gleitend auf einer wundervollen Bahn, der die Nachtigallen sich anschlossen, die aus dem abgeschüttelten Schlaf sich mit aller Inbrunst entfalteten in ihrer Elegie.

Fand im Garten, wo der Kies lehmig war, Spuren. Folgte mit dem Fräulein. Sie liefen durch den Busch zum Eisengitter. Sie zog an den goldgespitzten Lanzen. Drei gaben nach, machten ein Loch. Die Lanzetten waren angeschraubt. Nachts nun, wenn sie nicht schlief, ging auf der Straße der Schritt eines Passanten ruhelos auf und ab. Der Schritt gab Regen und Wolkenwind den Rhythmus, hallte, lief ohne Pause. Wo es schwarz war und undurchsichtig hinter dem Gebüsch, erschien ihr ein kreideweißes starrendes Gesicht manchmal, doch es war in ihr, sie sah es nicht nur draußen. Bei einer Pfütze blieb sie stehen, der Regenbogen darüber entführte sie, mit geröteten Wangen wickelte sich ihr auf ein Strom von Bildern, die

zogen. Sie kehrte sich scheu ab. Holl warf das Mädchen an die Wand, stürzte herein, in jeder Hand Orchideen, verzweifelt, weil man ihn abwies. Sie öffnete die Fenster hinter ihm, das Szenenhafte nahm der Luft die Ruhe. Vaudreuil schrieb: Schlug Wechsel ihr vor, baute Pläne auf, was sie sehen, nehmen solle. Syg reiste nach Ägypten, kam an den Hafenstädten vorüber. Sie konnte mit. Es hob sich schmeichelnd vor ihr, die Schwester und der Bogen, der die Ferne einfügte in den Punkt, wo die Sehnsucht in ihr sich staute. Sie schluchzte eine Nacht. Dann war es vorbei. Sie ließ einen Hund in den Garten setzen, streichelte ihn und führte ihn am Gitter entlang. Die Spur ihrer Hände an ihm war noch nicht warm, da war er schon verschwunden. Sie empfing Lewinsky nach ihrer Krankheit erstmals, sprach nicht von dem Nächsten, der Arbeit, der Hoffnung mit ihm, sondern erzählte ihm, was all wünsche, sie zu entführen. Sein Augapfel ward grün, das Gesicht schwammig. Sie zeigte ihm die Gartenspuren. Er zuckte die Achseln: junge Leute schwärmten für sie. Er erzählte diese Geschichte, jene Geschichte. Erwärmte sich Sie sah ihm fest, forschend unter die Stirn. Dann schwamm es weiter, dies und alles. Sie warf sich der Arbeit hin.

Holte kleine Kinder, die an Konditoreien die Nase platt drückten, erfragte sie, erfüllte sie, nahm die Laute auf. Nahm von der Straße einen Bettler herauf,

setzte ihn an ihren Speisetisch, wühlte in ihm. „Warum haben Sie Furcht?“, frug sie erstaunt. Erregt mit sich selbst redend, machte der sich pulde. Sie eilte ihm verständnislos nach, er war schon fern, sprang und lief.

Um zwölf Uhr schlief sie ein. Sie hatte Begeisterung auf der Zunge. Um Fünf erwachte sie. Alles war blöd und idiotisch. Schlaff sank sie zurück. Um Acht erhob sie sich, holte Frische und Lust aus dem Muster des Teppichs, dem Ton der Tapete. Im Schwanken erfuhr sie die Grenzen, erfuhr sie den Arbeitssinn. Stellte fest, wie weit sie vorkam, wie stark manches sie zurückwarf. Sie bemühte sich und erkannte, je näher sie kam einem Ziel, wie größere dahinter standen. Ihre Kindheit kam manchmal, rührte sie zu weichen Klängen. Manchmal fehlte sie, der Ton ging leer, verpuffte. Hatte sie etwas sicher, war es schon nicht mehr von Bedeutung, denn ein anderes hemmte. Sie lernte aus jedem Erfolg erst die rastlose Verantwortung, die Verpflichtung der Erfolge, das ungeheure kreisende Räderspiel der Kräfte, die sich bedingten und steigerten in einer nicht meßbaren Form. Sie sah, daß Ziel kein Punkt war und kein Ende, sondern nur Etappe, nur Weg, nur ein Stück der endlosen Bemühung, daß die Aufgabe wachse mit der Potenz der Kraft. Am Versagen spürte sie, was es bedeute genau wie beim Erreichen: heißer, heftiger zu streben. Aber manchmal, wenn nichts den Ausdruck ihr brachte, geschah das

Wunderbare und Unerklärliche. Von dem Wind, von dem Grastau kam es. Von dem Teich stieg es auf die Veranda, vom Himmelabschnitt über der Ulme sank es blau und bebend. Da war es. Unverlangt und unerbeten. Es war da. Es umflockte sie hell, blau, klar und alles berührend, was sich danach in ihr streckte und sehnte. Das war das Äußerste und rauschte sie auf wie einen Baum.