Die Leistung atmete sich fort, ohne Gespräch, ohne Leitung. Das Geschaffene drang durch die Poren des Raums, durch die Straßen, die Stadt. Die Leistung erhielt die Ausbreitung, die Durchschlagkraft jeder Tat. Die Florath lud sie ein. Sie ging nicht. Lewinsky bat sie, sie kam. Bei Tisch warf Stefan Böhmer, der neben ihr saß, ein Billett zu. Nach drei Tagen erschoß er ihn. Das Lächeln, mit dem Böhmer das Papier geöffnet, begleitete sie einige Tage. Doch kam sie darüber, leicht, als sie sich bemühte, hinein in den Strom, der sie führte und weiterspielte. Erklomm solche Ausdehnung und Tiefe in ihm, daß Lewinsky den Schlußstrich zog. Er bereitete das erste Auftreten, legte Listen der Geladenen vor. Sie war glücklich den Tag, weich durch das Erreichte, spielte mit seinen Gästen, saß mit Holl bei Pharao, und, als sich vor Neid ihm die gebrannten Locken lösten, mit Fribaurt bei Quarante-et-un. Am Bassin traf sie auf Stefan. Er war versunken. Er hatte bis zum dreißigsten Jahr gekämpft, gelebt,
zugeschlagen. Hatte die Kinnbacken angezogen, war damit über alles getreten, hatte alles sich, jede Laune, das Verbrecherische, Wüste zugebilligt. War wie ein Eber nach ihrem Leben gesprungen. Doch dieser Zug ging in die Luft. Er traf nichts. Stand erschüttert, verzaubert vor dem Widerstand. Sein Leben fiel von der Achse, formte sich darunter um, erhielt eine neue Einstellung. Es ging ums Ganze. Sein Auge drehte sich, besann sich. Hier war die Entscheidung. Er wollte sie erzwingen. Umlagerte sie von allen Seiten, spielte jede Note, die er beherrschte, zum Erfolg. Sie sah es nicht. Sie ging an ihm vorüber am Bassin. Er holte sie ein. „Ich war der Bettler.“ Zerriß ihren Weg. Es war spielerisch, was sie unternahm. Sie gab nicht dem Elenden, half nicht dem Gestank. Sie durchforschte ihn nur und das war ihm widerlich. Sie trat zurück, wütend. Da sah sie an seiner Haltung: es war gut, was er wollte. Hinter ihm trat hervor, was er geleistet: er war das Gesicht in den Büschen, die Spur im Garten. An seinem Knie rieb sich der verschwundene Hund. Sie spürte die Kraft, die auf ihr Ziel eindrang, es formen wollte, abreißen, hinüberzwingen zu sich Es kam mit Beherrschung, gezähmt zu Güte fast, es machte sie aufsehn, bedenken, es rührte sie, sie reichte ihm zum Ausgleich etwas zurück, eine Lüge, einen Trotz: „Ich danke für Ihren Brief.“ Langsam, leis. Es beeindruckte sie tief, wie er es nahm. Aber im gleichen Augenblick war nie der
Widerstand stärker gegen das, was männlich sie hemmte, den Weg kreuzte. Sie hob sich, fast wild, übersprang es, schlug es zurück. Es blieb im Boskett, als sie darüber war. Kühle, Befreiung kam. Wie klar die Luft. Weich hingegeben, vom Erfolg und Sicherheit empfänglich und aufnehmend gemacht, sog sie Hyazinthen ein, die toll aufdufteten. Da sah sie zwischen Lampions einen Mann. Caspare Symes. Der Garten stürzte hell mit einer Flut Apfelbäume in die Nacht.
Aus ihrer Brust riß alles mit. Die Knie standen eng aneinander. Alles war Bewegung aus ihr hinaus. Nur sein dunkler Kopf kam. Sie nahm ihn auf, in die Hände, öffnete die hochmütigen Lippen. Sein Mund war schmal, weich. Sie gingen, es gab keine Leidenschaft, keinen Zorn. „Caspare“. Der Garten glättete sich in der Lichtwelle. Besinnungslos hing die Minute um sie, kam auf sie zu. Alles bot sich an, voll Glück. Die Büsche stiegen in dunkelrotem Ring bis zum Goldbogen auf. Die Äste flammten mit einem Netz von seidenen Strahlen an den Lauben. Die Schläfen lagen fest aneinander. Es kam die Obstflut. Da fielen Blüten ins Gras ohne Pause. Es war der Fall seines Bluts, das von der Ader seiner Schläfe herübersprang. Ihr Blut hörte auf und setzte in seinen Takt ein. In diesen Bogen spannte sich alles ein, das Ende sah sie nicht, aber sie spürte, daß es gegen den Rand ihres Lebens hinunter sich neigte. Aber von der anderen Seite kam
zum erstenmal wieder die Jugend herauf. Unbefangen, ganz das Ohr erfüllt, kam von fern die Lawine des Ottava und die Flöße. Der Ontario schliff sich blau mit wiegenden Segeln. Dazwischen stand die Sekunde, in der sie atmete, als sei sie dem Vergangenen zugehörig. Da fielen die Rosaenden der Blüten sanft herab, die Erde wogte mit Wurzeln innen entgegen. Und die Bäume bewegten sich nach dem Tempo ihres Atems. So war durch das Blut, das zusammen floß, diese Zeit und die andere vereinigt. Das unbefangene Glück der Kindheit zog an diesem Glück, zog es hinüber, als sei es abgeklärt, schön geworden und still. Sie schloß die Augen, ein Arm faßte fest um ihre Brust.
Sie wimmerte, stieß den Fuß auf, beugte den Leib nach vorn, zog ihn zurück, drückte den Nacken ein paar mal zum Rücken. Dann riß sie sich los, öffnete die Lider, lief den Kiesweg hinauf, das Tor. Sie sprang in den Wagen, der zuerst stand. Ein lahmer Klepper. Sie weinte, brüllte in das Tuch des Kleids. Der Horizont war angefüllt von einem Donner: Caspare . . . es würde klingen bis in die letzte Süßigkeit alles, was noch kommen konnte. Sie hielt nicht an, fuhr weiter. Ihr Garten kam. Ihr Zimmer. Die Onyxschale mit den drei Kugeln, es stach stumm wie von Augen nach ihr. Der Park grollte den Wipfelwurf ihr zu: den Namen. Die Spiegel fauchten ihn ihr zu. Sie zuckte die Schenkel, legte die Stirn ans Glas. Verloren.
Bis in die Todesstunde nicht einzuholen. Sie lächelte: es war nicht gewesen, war drüben vor sich gegangen, wo alles lag, was schön war, sie befreite, die Jugend. Bis in das Ende des Haares, bis in die Höhle der Achseln empfand sie: dies war das Höchste, ihr Glück. Träumte sie es zurück, lag tausendfach Geschichtetes dazwischen. Noch unerreichbar, Arbeit und Erlösung und Bemühung lagen vor die Möglichkeit allein geschichtet. Irgendwo wie ein Lichtkegel öffnete diese Sekunde die Ruhe, das Später, oder vielmehr das Zurück, den einzigen Glückszustand, als die Ströme das Kind umrauschten. Es war so weit, daß sie die Sekunde kaum noch mit dem Bewußtsein erreichte.
Sie stellte drei Stühle auf. Gab jedem einen Partner. Erhob sich daran, aber mußte sich bald unterbrechen, denn die Tränen kamen mit einer wilden Wucht, die sie umwarf. Sie lag nur und weinte. Erst nach Stunden, gegen Morgen, gewann sie die grausame Ruhe, die nötig war zu solchem Gespräch.
Das gab Öl in die Sätze, Mark in das Wort, die große Kraft in die Bewegung. Das machte einen Boden, aus dem das Spiel der letzten Tage reif und sehr süchtig schoß. Sie probte den Tag vorher, in einer saftigen Linie lag der Akt. Sie war gefüllt mit
Zufriedenheit, ohne Triumph. Am Abend kamen ihr die Köpfe des Parketts wie ein Strudel entgegen. Sie ging vor ein Bild, vor einen Boudoirtisch, nahm die Puderquaste, ihr Körper rauschte sehnig und voll gedrängtem Saft. Als sie zu sprechen begann, verließ sie etwas.