Sie starrte in den Raum, faßte sich, sprach weiter. Sie ließ den Silberstift, das Spiel ging nun in Tragödie. Sie machte den Aufschwung. Aber unter dem, was geschah, hörte sie dumpf, daß ihr entflog, was sie suchte. Der dunkle Ton, der Erguß, das selige Gefühl des Hingegebenhabens in die Worte . . . es fehlte. Sie suchte. Fand es nicht. Die Stimme flog voll Schmerz, aber das Blut spielte nicht mit.

Sie wartete, verzweifelt. Sie zwang es. Ging auf und ab, ganz neu und unerwartet. Warf Worte ein, die der Text nicht hatte. Die Taille verjüngte sich zu einer Wildheit, die die schmächtige Szene anriß und dehnte. Die Souffleuse hustetete, verwirrt. Ihr Bein stand federnd, abgezeichnet im Kleid, ins bleiche Gesicht des Partners drang sie vor, zerstörte es. Brach mit Leidenschaft ein in das schwankende Schicksal, die die Gefühlshöhe erweiterte, ihren Ausbruch und die Dichtung abhob. Grenzenloser wurde unter ihr das Leere.

Dabei spürte sie, ihr Spiel war gut. Augen hefteten sich gefesselt daran. Atmosphäre der Erregung band sie an das Parkett. Es genügte nicht. Eine Traurigkeit,

die ihr Bewußtsein nicht traf, da es spielte, das es ahnte aber, wölkte wie unter ihren Füßen herauf. Sie brachte es fertig, nebenher zu denken, zu wünschen und herzurufen, was die Inbrunst wecken konnte. Was ihr Schönes seither gegeben, Zärtlichkeit, Pa und Syg und Brown und das Porzellanschiff. Es blieb entfernt. Ihr Gehör verdoppelte sich, sie vernahm sich selbst. Ihr Auge schärfte sich, sie sah sich spielen. Das Bewußtsein spaltete sich, war nur zur Hälfte beteiligt. Da spielte sie. Dort sah sie Köpfe, beschaute es müßig: Die Florath, vorgebeugt, der Kopf eine schamlose Entblößung. Fribaurt mit weibischem Lächeln gebannt an ihr Bein. Guildendaal, über den Favorits Froschaugen, Holls nervöse spielerische Stirn. Sie sah, sie hatte sie im Bann. Doch sie selbst, sie selbst . . . Es sank ab vor ihr, verschwand in der Tiefe. Ein Riß ging durch sie, doch sie verstand. Sie spielte die Szene zu Ende, sie steigerte sich, schmiß die Effekte, sah den Erfolg in der Pupille der Florath. Aber in einer Traurigkeit, die ihr Herz erreichte, wußte sie, es genügte nicht. Der große Ruf versagte. Es war vorbei.

Was war ihr Beifall? Erfolg? Nichts drängte sich dazu. Sie wollte, daß ihr Spiel ihr inneres Wesen erfülle. Daß sich darin restlos und ohne Sehnsuchtsrest ergieße, was sich aus ihr hob und senkte, was sie gegen das Meer getrieben und darüber geführt. Sie suchte, daß es in ihr klar werde. Nicht daß sie nach

außen Wirkungen leiste, deren Sinn sie nicht faßte. Dies war ohne Bedeutung. Es zählte nicht. Und nun begriff sie, daß nicht zu zwingen sei, was vor den Menschen sich versagte. Es war das Wunderbare, das aus der Mondnacht, am Fluß und aus den Büschen manchmal schwankte und sie erhob bis an die Spitze der Sehnsucht. So umflog es sie. Aber sie hatte keinen Teil. Was in rollenden Kreisen sehnsüchtig, lockend und treibend vor ihr sich schwemmte, das war noch nicht gefüllt. Doch dies da war nicht der Weg. Umsonst. Vorbei.

Es stürzte ab mit jähem Ruck. Wehmütig kam es, für was sie sich bemüht. Das Erwachen am Morgen, die Seligkeit des Schaffens, die Befriedigung und der Stolz. Es war noch nicht am Ende. Irgendwo lag es, noch unfaßbar. Blieb ein Zwiegespräch zwischen ihr und der Ulme. Weiter nichts. Kein Ziel, keine Erfüllung. Ein Irrtum der Weg. Verworfen. Was erfolgreich daran war, hatte für sie keinen Sinn.

So entzog sie sich dem Beifall, entriß sich den Menschen, sah Lewinskys gerötetes Gesicht, kam durch den Seiteneingang ins Vestibül, auf die Straße. Ging weiter. Menschen quollen aus Toren, Gehsteigen, Häusern. Hindurch. Sie hielt nicht. Es röchelte neben ihr. Ein Pferd. Sie strich ihm über die Stirn. Ein Licht schien grell heraus. Im Spalt saß ein

Paar, sie weinte, er senkte den Nacken. Die Steife blieb um ihren Mund. Dennoch empfand sie, daß sie mit nichts tiefer verbunden als diesen beiden. Ein Strom faßte sich an von ihr zu ihnen. Und zurück. Eine Sekunde empfand sie den Anschluß, das Mitleid, es löste sie fast aus. Doch es währte nur kurz. War noch nicht so weit. Eiskalt vor Schmerz ging sie weiter, bis an den Rand gefüllt mit sich selbst, verschlossen wieder. Sie hatte einundzwanzig Jahre, die Brust war herrlich, der Körper braun, schlank, schön. Sie begann zu laufen. Alles fiel von ihr ab. Nur der Geruch ihrer Möbel, die Wände ihres Zimmers lockten, waren da, waren ein Punkt, der stützte, wohltat, barg. Im Vestibül saß das Fräulein und stickte. Sie hielt kurz an bei der Pforte. Dann ging sie langsam auf das blonde Geschöpf zu, fiel hin, tat den Kopf in ihre Knie. Die Schultern zuckten.

Das Fräulein saß da, die Beine auseinandergerissen. Das Gesicht von nichts tief gezeichnet, blöd und sinnig, an dünner Sehnsucht erstickt. Sie war übersehen im Leben, zu einem Bündel gemacht, das Mitleid umspülte, Verachtung, kleiner Lohn. Kompost für Überfluß, häßlicher armer Lappen. Badete nicht täglich, war schlecht gekleidet, roch nach Korsett. In ihrem Gesicht entbrannte ein Staunen: „Auch sie muß weinen.“ Dumm sah sie in die Luft, stierte, faßte es nicht. Doch vom Elend einer Kreatur gereizt, gerührt,