beginnt der ganze Erdball aufzuzucken, mitzuleiden. Sie heulte nicht. Es ging in die Hände. Die strichen sehr zart über den Kopf zwischen ihren spitzen Knien. Falteten die Strähnen auseinander, legten alles von ihr selbst Vernachlässigte, Versäumte in die Bewegung, flochten Zöpfe, berührten das Haar als seis ein Kind. So kam die Liebe über sie. Die Zunge machte einen Ruck, machte den Zug der Nurse, schnalzte, wiegte die Hüften, summte: „Do . . . do . . . do . . . Daisy.“ Pfiffs auf den Zähnen. Eine Sehnsucht gebar sich riesengroß. Wollte gern ihren Backen an Daisys Wange legen. Aber rührte sich nicht, obwohls nie heißer in ihr gezündet. Wagte es nicht. Tat es nicht. Sie brachte das Mädchen hinüber, machte Licht, zog es aus, legte es ins Bett. Löschte das Licht. Morgens fuhr Daisy ans Meer.

Windstille war. An den zweitausend Metern Grundschnur fuhren Kähne raus, man zog die Angeln an, warf die Kabeljaus ins Boot. Zwei große Ewer hielten die Schleppnetze ein, ließen Bramsegel vor den Wind fallen, kamen gegen Land, hochgeschwebt. Seeschwalben überjagten Steingebröckel, zuckten am Wasser, hakten mit gebogenen Schnäbeln: griä. Jüns hielt eine geschwollene Aalmutter in der Faust, drückte den Bauch,

spritzte durch den Eiergang junge Zentimeterfische, eins nach dem andern. Sie waren durchsichtig und quallig, ein Darm ging durch und Aderfäden. Sie lachte mit ihm. Wind ging den Abend los, pfiff leis, klatschte an, strudelte schon hundert Meter hohe Pfeifen und Rollen. Krebse schoben über Miesmuschelkolonien, rolzten, ballten sich, schossen hinunter. Regenpfeifer sausten über den Sand. Hahnenfuß und Binsenkraut verschlangen sich Die feigen Sturmvögel klatschten sich an Häuser und Raine. Strandnelken und Butterloch knallten gegen Dünengras, die Weidenstümpfe. Die Wimmermöve schlägt an, der korallenrote Schnabel fliegt vor dem samtdunklen Kopf, ehs dunkelt hört sich nur noch ihr Schrein: gräik . . . gra . . . ik. Das Meer steht toll verliebt die Nacht vorm Gedün, dehnt sich und schlägt hinten am Horizont sich fest, beißt dann ans Land, türmt sich haushoch davor. Die Bäume im Binnenland liegen platt am Boden, die Amseln haben sich verkrochen in Mauslöcher und Ritzen. Die Keller stecken voll Fledermäuse. Das faulende Leberzeug der Maischollen duftet weg. Die Fenster sind geschlossen, Kugelblitze laufen über die Dünung, die weißkochend vor dem zerwühlten Meerbauch hängt. Daisy legt sich. Die Nacht spielt das Getös geil mit ihrem Bein, ihrem Ohr, treibt in ihr Blut. Die Kiesel knirschen draus ineinander.

Von einer hellen Flamme ist der Tag aufgerissen.

Es ist der Wind, der blau, böig, bleibt. Es gibt Lärm, Stimmrufen. Ein Schellfischkahn, der getrieben, will beilegen. Es gelingt nicht. Sie stehen mit hochgekrämpten Hosen bis an die Hoden im Wasser, schreien und hantieren und es wird nichts draus. Sie kämpft sich durch den Wind gegen das Meer runter. Sie kommt durchs Getümpel noch geschützt, muß aber Schuhe, Strümpfe zurücklassen. An den Erlen hängt das Wassermerk fest, Berle und Hahnenfuß liegt klatschnaß. Im flachen Sand faßt der Wind sie, reißt unter die Röcke, nimmt sie vor, gattet sich an sie, schont den Busen nicht. Sie läuft gerötet durch die Tümpel. Taufrösche verschwinden schweigend, murren, grunzen hinterher. Feuerkröten wie aus einer Glasglocke donnern: ku . . . uh, lassen die angewachsene kreisrunde Zunge auf dem Paukenfell schlagen. Wasserläufer gleiten wie auf der Eisbahn über die Pfützen, in denen Flohkrebse, Steinsack, Laich liegt. Sie steigt, hält sich an Gras, versinkt im Sand, hält sich an Hahnenkamm, gelber Stranddistel. Wie sie den Kopf über den Damm hebt, kocht das Meer, rast drauf besinnungslos unter ganz blauem Himmel. Sie steigt gänzlich hinauf, bekommt einen Windschlag, springt hoch, lacht, fällt um, rollt zurück. Triebsand rutscht nach, verschüttet Knoblauchkröten unten, die wie Katzen jammern, sehr bunt waren. Eine Möve ist vom Sturm erschlagen worden. Zwölf Federn am Schwanz, die

Brust pelzig im Gefieder. Der Wind hält durch, kommt jetzt vom Land, stößt das brüllende Wasser zurück.

Jüns wirft eine Muschel hin. Sie haben in dem Fischhaufen, Makrelen, Goldbutten, Affheringen, Schollen Aufruhr bemerkt, einen Seewolf mit grünlichen Jungen im Tang entdeckt. Voll rasender Wut wirft er sich, mit dem Schwanz hauend, herüber, beißt knackend die Muschel auf. Die Fischhaufen laufen schwammig aus, kriechen zum Strand und blenden mit den Schollenflecken. Die Milcher strotzen von Samen, die Weiber haben den Bauch voll Eier. Das Schellfischfleisch ist heller und weißer als das Fettbraun der Dorsche. Frauen heben den aufgestülpten Arm aus den Bütten. Kinder schmeißen die Körper in Kästen, hängen die Eingeweide an Angeln, fangen unter Wasser andere damit. Der Wind läßt nicht nach. Die Seeschwalben taumeln in Rudeln hoch. Der Strand ist freigeblasen.

Die Männer stechen draus Butten, Jungens hüpfen von Tümpel zu Tümpel und sammeln auf. Im Sand ist in der Ebbe viel geblieben. Froschkraut tastet wieder nach Grund, zuckt die Wurzeln zum Boden. Sattelmuscheln liegen fest, Wandermuscheln und wie Eier Steinbohrer. Das Wasser hat sich so gesenkt, daß die Pfahlgruppen von Ellern mit unsichtbaren Gärten auftauchen, von Miesmuscheln im Gezweig bedeckt. Schon fahren Kähne, die die Bäume aufzuziehen. Ein Taschenkrebs hängt an einem Rogen, schmaust, die

Asseln zappeln da und dort. Das Riedohr stellt sich. Dahinter brummen die Kühe, die Körbe voll Kabeljauköpfen aufgeschüttet riechen, kauen und fressen. Schon stehen Segel drauf, Leberblumen fachen sich an, werden hell, trocken und sinken zurück. Sie geht nun durch Tang, Linsen. Seegras dörrt losgerissen unter der weiß und hoch stehenden Sonne. Sie kommt um die Düne. Nun hat sie weißen Sand unterm Fuß, der braunrosa sich eindrückt. Moosenten fallen hinter ihr ab. Auf den Granitklippen stehen blau und rot Gerüste. An Schwänzen hängen Fische in Bündeln daran, klinkern singend im Wind. Sie kommt an die Nehrung, muß steigen, fällt. Der kleine Schmerz macht sie irgendwie verrückt. Sie macht die Arme weit auf, preßt sie an die Seiten. Lachmöwen gauzen los. Eine Sturzentenschnur, blaugrün und weiß rauscht auf, zischt noch fern: rädzsch — — — räb . . . wek. Da steht alles voll Tümpeln. Im Schlick lauern eingebuddelte Klieschen auf die Flut. Die flachen Bäuche wackeln im Flugsand. Die nach oben verschmitzt stehenden Augen zucken mit der Stikhaut, verschleiert. Sie kniet, schaut hinein: sie sind grau. Ihr Auge fällt in sie zurück. Sie hält das Tuch darüber: sie sind weiß. Die Uhr: sie sind gold. Hinter ihr gehen Raben herunter, hacken sie auf. Landkrabben nehmen Deckung, graben sich im Sand vor, greifen mit den Klauen die Sandhupfer. Sie lacht. Ein Faß steht da und Jüns mit Merlans,

weißblitzenden Bäuchen. Hinter der Bucht liegen Raubschwalben, wie nachts, betäubt vom Wind mit ausgebreiteten Flügeln im erwärmten Sand. Nun stoßen sie hoch. Alles schwebt nachher, auch das Wasser schwebt in der Sonne, die es wie von unten her hochschaukelt und hält. Es wird groß und unermeßlich am Knick. Wie sie es so sieht, zum erstenmal wieder, ist sie klar und frisch. Gleichgewicht durchbricht ihren Aderngang, die Enttäuschung ist weg, der Wind war an ihr, hat in den Saft gegriffen. Die Warzen tun ihr weh. Sie neigt plötzlich sich zurück. Was an Hals zum Vorschein kommt, ist heller wie all andere Haut an ihr. Sie faßt hinter sich einen Baum. Der Rücken lehnt daran. Schon tritt der Saft, der nach oben rauscht, in ihr Blut. Die Hüften fangen an, eine Bewegung zu bekommen, werden entdeckt, glühen etwas. An der Schlankheit des Baums wie an einem Tierrücken gleitet sie ab in den Sand, die Knie geöffnet. Die Sonne schlägt ihr in den Leib. Die Schenkel biegen sich lang und schön, als schliefe sie. Sie zittert, etwas ist freier geworden, entschwebt, durchbrochen am Horizont. Himmel und Meer haben sich vereinigt, wölben sich herüber. Sie springt auf und lacht, die Haut ist glatter geworden, das Auge von innen her feucht.