Sie fährt zurück, findet den Wagen nicht, nimmt die Tram, steigt aus, um den Rest zu Fuß zu gehen.
Auf diesem Stück Trottoir sieht sie von einer Menschenmenge vorbeigespült, in ihr langsam wandelnd, Caspare Symes. Sie bleibt angedonnert, wiegt den Kopf hin und her, als sei sie alt geworden. Dann reckt sie sich, fährt um, ihm nach. Sucht ihn zu erreichen. Sie bohrt sich durch, hört Schelte, Wut, sieht den Schirm, den eine Frau nach ihr sticht. Sie kommt näher, kann seine Schulter fassen. Alles an ihr ist durchblutet, entfacht. Da läßt sie die Hand sinken. Es fehlt ihr die Kraft mit einemmal, ihre Bewegung wird armselig, er aber wächst und steigt maßlos, daß sie erblaßt. Sie findet den Mut nicht, jetzt das zu fordern, was sie überging, als sie noch erstrebte, was sie nun abgeworfen. Es geht süß durch sie hin, während sie stehen bleibt. Sie tut eine große Tat, indem sie sich nicht rührt, fühlt sie im Blut; was sie opfert, erhebt sie. Sie nimmt etwas auf sich, während ihr Auge dunkel wird. Sie bleibt immer stehen, sieht ihn zum letztenmal für immer, weiß daß dies das Höchste ist. Er biegt um einen Wagen, betrachtet einen Erker, geht über die Straße, ist verdeckt. Taucht auf zwischen hellen Mützen, dann dreht er ab. Mit einer unnachahmlichen Bewegung des Halses zieht sie die Linie nach, als er um die Ecke geht. Dann ist es vorbei.
Sie stellte den Fuß in die Schnur des Vogelbauer und hörte zu. Zuckte die Achseln. Sie wollte nicht. Als Lewinsky sie bedrängte, drehte sie um, ihre Ringe klirrten. Die Karte der Florath wies sie ab. Sollte sie am Neid der Wolfsaugen sehen, wie sehr diese sie fürchtete? Vom Tisch entfernten sich Bücher und Rollen. Mit diesem Tag verschwand das all. Einen Augenblick kreuzten sich ihre Blicke mit denen des Fräulein. Ein rascher Blick suchte in ihren Wärme, klatschte ab. Daisys Augen wurden schmaler, visierten die Schleife ihres Schuhs. Dann frug sie, das Fräulein stammelte. Ging hinaus, kam wieder, legte ein Blatt auf den Tisch. Es war Dienstag. Daisy schrieb einen Brief. Dann legte sie das Blatt der Gouvernante beiseite, hob es wieder, als röche sie daran. Ging hinaus in den Garten. Donnerstag früh kam Le Beau. Am Abend besuchte er sie wieder. Als er ging, löste sich ein Schatten im Garten, er pfiff. Der Schatten bewegte sich hinter ihm. Freitag brachte er sie aus dem Theater, half beim Aussteigen, steckte den Schlüssel ins Gartentor. Als sie sich umdrehte im weißen bauschigen Mantel, küßte er sie mitten in die Brust. Er machte dabei einen kleinen Schrei, sein langer, katzenhaft geschnellter Körper riß ihren mit allen Muskeln in seinen hinein. Der Nebel dampfte um sie, abenteuerlich durchschwammen Gebüsche den Laternenschein des Wagens. Langsam und wild wogte ihr
Leib gegen seinen, sie seufzte, schrie ein wenig, aber heiser. Auf dem Parkweg lag Dunkel. „Ich bekam heute deinen Brief“, flüsterte Le Beau. Sie verstand ihn nicht. Er war durch Zufall gekommen . . . Er wies auf den Schatten, Moki. Er hatte ihn hergegeben, selbst Fribaurt, sich schüttelnd zwar, aber er war so nie ohne Tip von ihr. Sie schloß die Lider, sah doppelt, schwankte, warf sich über ihn, zog mit den zarten Schultern den Kopf herunter, fand seinen Mund, öffnete ihn.
Nachts sah sie, im Traum, einen Mann. Der kam aus einer engelhaften Beleuchtung. Trat heraus, machte eine Bewegung, die ihr wehtat, aus dem Herz was herausriß. Es ward leer in ihr, Traurigkeit schwemmte sich hoch. Sie fing im Schlaf an zu weinen. Er sah sie zornig an, sie ertrug diesen Blick nicht. Er sah aus gleich einem Skandinaven, gescheitelt, blond, mit einer jungen gefurchten Stirn. Es fehlte nicht viel, er ähnelte Symes. Das machte ihr sofort Ruhe, sie schlief weiter, wachte aber über Tränen auf. Le Beau lag neben ihr. Ihre Hand an seinem Mund. Er streichelte ihr Knie, den Muskel des Schenkels, der sich straffte, als sie das Bein aufstellte. Er küßte ihre lange braune Hand. Küßte jeden Zwischenraum der Finger, hing an jeder Hautphase, sog sie an, als stürbe er mit ihr, löste sich kaum von der Pore hier, der Pore da. Küßte Kreise um die Gelenke, legte den
Knöchel wunderbar damit frei, umflutete ihn mit den Lippen, empfing ihn dann im Mund köstlich und rasend erregt. Wo sie Flaum hatte, blieb er, es strich seine Haut, er atmete schwer, flocht ihn um den Finger. Über den Leib glitt die Hand hoch, machte die Schwebung mit, die unerklärlich schön hinauflief, blieb an den zärtlichen Hügeln. Berührte wirbelnd mit dem kleinen Finger die Warze, sie spürte die Zunge. Das Zittern nahm ihr den Atem, sie stieß die Luft fest aus, und nun kam ihr Leib an seinen, entgegengeflogen, die aufgelösten Gelenke suchten Schutz an seinen. Ihr Blick brach, sie sah nur noch sein Bild unter dem Lid. „Sprich“, flüsterte sie. Es war zuviel. Er schwieg. Die Lippen trafen sich, bleich, wortlos. Sein Körper, ohne viel Fleisch und groß hingelegt, wie ein Römer, spielte auch in der Ekstase achtungsvoll mit, ward lasterhaft und verehrte zugleich. Die Küsse reizten sie langsam, wie er sie setzte. Sie verlor die Besinnung, blieb länger unter dem Bewußtsein, als er wollte, er küßte sie wieder heraus, preßte den Zahn in die Weiche, sog und fuhr mit der Hand die Rückenwirbel herab. Sie stürzte höher ins Unerträgliche: „Mehr“. Sein Kopf glühte zwischen ihren Knien. Seine Hände suchten ihren Rücken herunter, hielten das schmale Becken hoch. Ihre Haut ward nicht feucht, glättete sich unter den Umarmungen, dehnte sich so, daß er daran glitt wie an einer Frucht. Sie wimmerte nur noch, die Lenden
zuckten. Da nahm er die Sehnsucht von ihr. Sie lag dann still, nur manchmal erschüttert von Schauern, die abflogen. Das Silber der Bürsten, der Draht der Ampel kamen in die Glückseligkeit. Die Vögel der Tapete musizierten paradiesisch durch die Seide, sie lächelte, drehte seinen Kopf dahin und streckte Wange an Wange, die Hände danach aus. Er flocht seine Kragenspange in ihren Flaum. Langsam begann er entzückte Dinge. Sagte über ihre Brust Vergleiche. Die schwarze kleine Warze der braunen Brust entflammte ihn wieder. Sie lauschte atemlos. Er erbebte unter seinen Worten, seine Hände entzündeten sich daran. So nahm er ihr Kinn, ihr Knie und genoß es mit den Augen, mit den Fingern. Durch die Dämmerung griff er aus der Schale eine der drei Kugeln, rollte sie über die Wade, die Bucht an der Lende, zwischen der Brust bis an das Ohr. Von da führte er es an den Mund, sie schluckte die Kugel. Er grub sie mit der Zunge heraus, küßte sie, steckte sie in die Tasche seines Pyjama. Der Wind warf die Gardine ein wenig auf, der Wind kam herein, malte dunkle rote Schatten auf die Bronzehaut. Sie erzitterte. Die Frauen ihres Geschlechts hatten die Steine alle vor ihr getragen, es gab eine Lücke im Hirn. Da kam seine Hand, suchte, liebkoste. Sie fiel zurück, stöhnend. Die Hand gewöhnte sich an eine Stelle des Fußes, strich weiter, blieb in der Mitte des Körpers. Die
schlanken Hüften erbebten, hoben sich ein wenig. Ihm entgegen. Die Welle ging über sie.
Ein einzelner Baum stand wie Glas im Sternlicht, dann aber schwellte eine helle Flut heran. Sie zog den Kimono um den Hals fest. Die Terrasse bog sich mit den Stufen entgegen, krampfte sich unter dem Licht, was herauftrieb. Nun fiel das Tor zu. Sie schwenkte die Ampel noch einmal. Ging zurück, warf ihm eine Klavierwelle nach.
Die Sonne ging höher. Die Untergrundbahn rollte durch schmale Korridore. Sie empfand Le Beau durch die Körper, die sich zwischen sie keilten. Die Schienen gleißten stahlweiß, verschwanden. Die Türen knallten. Die Körper standen reglos aneinander gebäumt. Da sah sie in Stefans Gesicht. Er grüßte mit den Augen. Sie hörte seine rauhe Stimme gedämpft reden, aber es war zu weit, sie verstand sie nicht. Rückte gequält den Kopf zur Seite. Wie ein Vogel. Magnetisch wie eine Viper holte er ihn herum. Er hatte einen Koffer, einen Mantel, die Stirn flackerte. Er machte Zeichen. Sie verstand sie nicht. Die Station kam. Nun wuchs sein Kinn, strebte auf sie zu. Es gab keine Hemmung, der Gartenabend hatte ihr Leben irgendwie gebunden, aneinandergelegt. „Geben Sie . . . Geld.“ Sie nestelte an der Tasche, drängte sie gegen ihn, er faßte sie. Der Wagen hielt an, Er brach sich die Schulter frei, der Ruck warf ihn brutal