herüber. Nahm es mit allem auf. Ein Mann stand noch zwischen ihnen. Rasch: „Leben Sie wohl!“ Sie ward verwirrt über ihre Kühnheit. Im Vorübergehen hörte sie seine Stimme, aber entfernt: „Es geht eben schlecht. Ich sehe Sie wieder.“ Als der Zug anfuhr, sah sie durch die Scheibe, daß er, draus auf dem Perron vorwärts strebend, bleich war. Er sauste ab. Hinunter. Le Beau riß es hoch zu ihr. Sie zuckte ein wenig die Achseln. Ihr Ohr vergaß aber nicht, was der andere gesagt, ihr Auge nicht, wie entfärbt er war. Dann drehte sie sich herum, glitt auf Claudius zu, es war leer geworden.

Er brachte ihr Katzen, sie behielt eine. Sie spielte mit ihr im Garten. Zog einen Strich, rief, sie sprangen beide über das Hyazinthenbeet. Drüben, im Sprung, fing sie das Tier wieder auf. Es legte sich an ihre linke Brust, hielt sich mit den Pfoten am Schlüsselbein und reckte sich in die Kurve der Weiche. „Anjá“, rief sie, fuhr mit der Hand blitzschnell gegen den Strich durch das elektrisch aufschäumende Fell. Das Tier bäumte den Rücken, daß Vorder- und Hinterfüße nebeneinander standen, sah in die Luft, mit gerecktem Schweif. Laue Schatten lagen um die rostbraun fallende Sonne, Raben standen zwischen unruhvoll blauen Wolken.

Anjá sprang auf die Schulter, von dort in einen Baum. Gegen jeden außer Daisy ward sie feindlich. Sie tauchte auf, sprang, man sah sie nicht. Steckte

den Kopf in den Lichtschein um ihr Haar, legte die Schnauze auf den Brustansatz. Aus dem Horizont kamen schwarze Punkte, ruderten herauf, begannen rauh zu schreien. Daisy gähnte, hielt Anjá nieder, daß sie nicht fauche, die auf ihrer Hüfte sonnte. Le Beau stand vor ihnen. Ein Hauch schoß in ihre Haut. Sie sprang auf, gab ihm rasch die Katze hinüber, gab ihm das Warme, das das Tier von ihrer Lende noch an sich trug. Die Nüstern schwebten nach außen. Anjá sprang zurück. Sie sah sie bös an, warf sie zurück an Le Beaus Brust. Das laue faule Treiben der Natur um sie, das scholl und geschah und sie umkreiste, schwang ab. In den Kreis war Blut getreten, ihre Schulter hing untrennbar an der Le Beaus.

Mittags querte sie einen Platz, kein Mensch ging durch die Glut, dünne Bäume wagten keinen Schatten, ausgedörrt, elend, daß Hunde nicht einmal sie näßten. Der Kies und Sand flimmerte trocken und müd. Plötzlich sah sie eine Figur, ein Gesicht. Es schien auf sie zuzugehen, ja fast in sie hinein. Sie wich aus. Sah sich um, in der Mitte des Platzes ging eine Frau, sonst niemand, da kam der Mann wieder auf sie zu aus der anderen Richtung, ging an ihr vorbei. Sie sah ihm nach. Langsam, den Kopf gesenkt, schritt er auf die Bäume zu, er hatte sie nicht gesehen. Es war das Gesicht des Traums. Ihre Augen drückten sie, als seien sie von Blut überfüllt. Sie stieß den

dünnen Stock in den Sand und sah rasch auf. Der Mann war echt. Ihr Schreck hatte ihr eine Vision gegeben. Sie zuckte die Achseln, spürte die Müdigkeit, die voll und groß abschwemmt, von der Nacht her. Schlief ein den Abend, aber im Augenblick, wo der Schlaf den Halbtraum abtrennt und hinunterreißt, standen die Augen des Skandinaven über ihr, quälten sie.

In der Dämmerung wachte sie auf. Die Vorhänge bogen sich auseinander. Le Beaus Kopf, sein Knie standen in der Morgenleuchte, er lachte, sprang herein. Er näherte sich ihrem Bett. Sie zitterte unter der frischen Luft. Er kam geschmeidig über den Teppich. Sie zog die Beine herauf bis unter die Brust. Aus seinem Mund kam so viel Frische und um die Raubtierzähne lag das Rosa des Fleisches so fruchtreif, duftend und voll schönem Saft, daß sie daran alles vergaß. Er hob sie mit den Kissen auf, schwebte sie schaukelnd hin und her, setzte sie auf den Diwan: „Sie werden auf die Zofe verzichten müssen.“ Er schloß das Strumpfband an ihr Korsett.

„Was ist?“, frug Daisy, in Strümpfen und einem Beinkleid, das großfaltig mit dünnen zahlreichen Plissees ihre schmalen Hüften umzischte. Sie bürstete das Haar zurück, die Muskeln liefen aus dem Arm in den Rücken mit einer Kraft und Grazie wie Meer. Er hob den Mund in die freie Achselhöhle.

„Auch auf das Bad.“ Er lächelte und stieß den Löffel in den Schuh. Er pfiff leise vor sich hin, suchte im Boudoir den kleinen Koffer, wählte in ihren Strümpfen, Dessous, warf zwei Necessaires hinein. Der Geruch der aufgewühlten Sachen erfüllte das Zimmer. „Wohin?“, frug sie ratlos, von innen lachend. Er schob Schubladen zu mit dem Knie, besah sich im Spiegel, riß sie an sich: „Du wirst es jede halbe Stunde dem Chauffeur sagen.“ Alles gepackt. Er gab den Koffer durchs Fenster. Eine Hand faßte ihn draußen, während Daisy die Nägel einrieb. Vögel schlugen herein, immer lauter, zogen sich an Rufen höher, immer andere fielen ein, kreisten auf. Büsche dufteten herüber, herein mit einer Gewalt und Hingabe, daß sie stehen blieb, ergriffen, gehalten. Sie sah um auf der Terrasse, das Gitter, die Päonien. Sie faßte den Schaukelstuhl. Verweilte auf dem Tisch, dem Springbrunn, der Flosse eines Goldfischs. Le Beaus Arme faßten unter ihre Kniekehlen, der Schwung in die Luft riß sie los. Nun fing er an zu laufen, schrie wieder etwas, mit großen Sätzen, sprang in den Wagen. Unter den tutenden Raubvogelrufen der Hupe brach wie ein gläsernes Gebäude die Stille, das Haus, der Park mit einem Ruck entzwei.

Sie schwankte, schmiegte sich in die Atmosphäre, reckte sich, faßte Fuß. Wirkung ging von ihr aus. Ihre Wünsche erfüllten sich, eh sie sie dachte. Die Inbrunst einer Blutwelle hüllte sie ein, verließ sie nie. So stieß sie an alles, durch die Wolke verhüllt. Die Lippen hochrot, die Finger voll Gestein, fuhr sie auf der Rue de Rivoli. Sie hatte den Hauterfolg. Trotz dunkler Tönung war sie durchsichtiger als die französische, schimmerte weiß auf Silber. Zwischen alten Tapeten, in Musik, bei den gepflegtesten Frauen fiel ihre Bewegung, selbst wenn sie den Finger nur hob, den Fuß umrückte, wild heraus, schlug ein, machte sie zur Mitte, lenkte das andere ab, schob alles gegen sie. Es verwirrte am Anfang sie etwas. Doch schloß die Welle sie ab. Sie hatte nur Klang und Richtung nach Einem. Es genügte. Gab der große Schneider, während Ballen vor ihr sich häuften . . . Manekins paradierten, um ihren ermüdeten Blick zu erfrischen, durchs Fenster im Parkschatten das Bild eines tanzenden Balletts, erstaunte sie nichts mehr, es glitt ab. Vorüber strich es, neigten sich Akteure bedeutenden Namens, Dichter ihr, selbst d’Annunzios Nelke. Es ging durch sie, wenn Frauen heiße Blicke warfen. Es blieb nur Kälte und Hochmut, lehnten die Herren an der Brüstung, sagten Eitelkeiten in die Loge, hatten aber hinter dem Blick, flüsterten innen kaum verhehlt: bichette, loulou, ma crotte en or. Le Beau umspannte ihren Horizont