mit hartnäckiger Leidenschaft, erfüllte das Erdenkbarste für ihren Körper, jede Möglichkeit ihrem Geist. Zofen im Korridor, Wagen, Diener standen dressiert auf ihren Blick, ihre Hand, ihre Haut. Seine Nerven lauerten auf die Ahnung eines Wechsels, heut stürzte er in die bunte Pfauflamme der Folies Bergères, morgen sah sie steifstes klassisches Theater, am Abend fuhren sie vorn auf dem Seinedampfer in Geruch von Bäumen und Wassernacht. Stieß etwas aus ihr gegen die Welt, stieß es auf Le Beau. Es gab keine unvereinigte Sekunde. Im Musée Cluny begeisterte sie sich an alten Spitzen. Sie besaß sie am folgenden Morgen.

Sie kleidete sich an im Boudoir: „Es reizt mich nicht, wenn Sie Ihr Vermögen verschwenden . . . noch weniger aber, wenn Sie sich exponieren. Polizei ist mir widerlich.“ Er erbleichte ein wenig. „Es geschieht nicht Ihretwegen“, sagte er höflich. „Es ist eine Leidenschaft.“

Er griff in die Tasche, sein großer Körper funkelte in drei Spiegeln, das rote Haar war ein wenig in die Stirn gestrichen. Er gab ihr Briefe an sie, die auf verdächtige Weise kamen. Sie legte sie ihm vor, zurück, errötet vor Zorn, der seidene Unterrock umglockte sie, als sie sich bog. Er lachte. Das Haus ward Mitte von Versuchung. Sie gaben sich Handikap darum. Wo Daisy auftauchte, geschah

ein Start. Breschen wurden versucht, leichte Minen gelegt. Le Beau suchte man zu übersehen. Er lächelte. Sie spürte es kaum. Ward es aufdringlich, schürzte sie den Mund ein wenig, ging darüber. Ihre Wirkung ward aufreizend; tauchte sie auf, war sie Zentrum, schloß um den Kreis, sich angliedernd, immer weiteres Herströmen. Vor der Oper fuhr mit rascher Biegung vor ihren Wagen ein fremder. Hände streckten sich ihr entgegen. Le Beau riß sie zurück. Nun trug er eine Falte, spürte Gefahr, streckte sich in eine wunderbare Abwehr. Es begeisterte sie, wie er Witterung nahm, ohne daß sie begriff, was vorging. Sie ruhte nur nach ihm hin. Als er bei ihr war, nachts, rief er etwas, sprang hoch und schoß durch das Fenster. Am Nachmittag, als er den Korridor querte, fing ein Diener an zu zittern, verbarg etwas, sank gegen die Wand. Er untersuchte nichts, hatte genug. Wartete nicht mehr.

Er löschte alle Lichter, ließ die Bedienung für den Abend ausgehn, veränderte sich, gab Daisy die Kleider einer kleinen Mimi, sich selbst die abgelegte Eleganz eines Alphonse. Durch den Garten aus dem Haus, im Boulevard tauchten sie unter. Wagen rollten, sie sprangen heraus, nahmen andere. Straßen schäumten auf, fielen donnernd zurück, Schatten bog sie in Parkviertel, Schleifen von Laternenstraßen schwangen vor ihnen stumm hinaus gegen das Ende. Sie griff nach

seiner Hand, begriff plötzlich, wie es um sie herum sich sammelte. Nichts Freund war, nur Jagd. Aus der Weite, dem rotumhängten Horizont sammelte sich alles in sie zurück, verweilte eine Minute und schenkte sich ihm ganz hinein, wie nie. Als Reisende aus Tiflis bewohnten sie den Mont Martre, als kleine Juden zogen sie zur Concorde. Ein chilenischer Politiker führte im lateinischen Viertel sein Knie unterm Tisch an ihren Schenkel, zog es rasch zurück, winkte mit den Brauen, flüsterte mit seinem Nachbar. Um ihn lag eine Sinnlichkeit aufgespart, wie nur Weiber sie dicht an die Haut, an den Atem gebunden tragen. Erstaunt, abgelenkt einen Augenblick streifte sie ihn. Da öffnete sich der Mund, bebte mit den Lippen: „Zwei Uhr.“ Das Blut wallte in ihren Hals, in ihren Kopf.

Nachts klirrte die Klinke, Le Beau ging dem Geräusch nach, auf nackten Sohlen entflog ein Umriß. Sie lockte ihn zurück. Aber er folgte, hatte endlich eine Spur, setzte auf diese Nummer, lief einer Figur nach im spitzen Hut, die am Boulevard bald hochschwamm, bald untertauchte. Daisy wachte. Schon drang das Licht vom Haus ab, ergriff in einer weichen Spirale Notre Dame. Die silberne Brust schwankte, die Rippen starr gebläht wie von Glas trieb die Kathedrale in die Mondwelle, glänzte mit Porzellan aus allen Fenstern und schwebte. Bald auch waren die Türme eingelullt. Das Licht stieg weiter, ergriff die

Seine, das breite Flußband schwang am Horizont hinauf und Kähne liefen gegen die Sternbilder hin. Dann fiel das Licht in einen Park und hatte es mit den Bäumen, fiel kurz darauf gegen das Haus. Es ward fast weiß. Die Gurte der Balkone herunter von einem entfernten Haus her, wo die Linien der Eisenschnüre schon fast zusammentrafen in einem spitzen Winkel, kam ein weißer Ballen, geschnellt, gesprungen. Es schlug zwei Uhr. Er tauchte in Mauerschatten, schwang ins Licht, überkletterte Barrikaden, klammerte sich an die Hausfront. Das Licht hob ihn, spülte ihn herüber, er war am dritten Haus. Von unten stieg es herauf, der Schritt Le Beaus hielt vor der Tür. Er kam, die Stirn mit der Hand umklammert. Ein Sandsack hatte ihn in einer Torflucht, in die er folgte, zusammengeschlagen. Nach der Ohnmacht kehrte er sofort zurück, sie hatte nur zwei Sekunden gedauert, denn im Augenblick des Schlags wußte er, er müsse zurück. „Du mußtest zurück,“ flüsterte sie mit geschlossenen Augen, die Angst um ihn stieß sie gegen ihn hin. Sie umschloß seinen Nacken, trat mit ihm auf den Balkon, flüsterte seinen Namen in die Nacht, besinnungslos: „Chéri . . . doudou . . .“, umwärmte ihn mit ihrem Körper, liebkoste sein Ohr, seinen Mund.

Ein weißer Ballen bäumte zurück am Nachbarbalkon. Durch die halboffenen Lider sah sie gehetzt vom Teufel eine Figur im Nachtweiß zurückfliehen.

Zerrissen in der Balkonecke lag ein Tuch, von Speichel feucht. Sie trug es hinein.