Sie konzentrierte alles auf Flucht. Er widerstand, schon halb in neuer Ohnmacht. Die Zähne entblösten sich gierig, er war im Kampf, blieb auf dem Posten. Sie streichelte ihn: er stand nicht auf. Sie frug, was er mehr liebe, seine Eitelkeit gegen Gefahr oder sie, Daisy. Schmollte mit dem Mund und lächelte, und lauschte, während sie überredete, auf jedes Geräusch. Sein Blick fiel in den Spiegel, blieb am Bild seiner Kopfkompresse, schüttelte fiebrig den Kopf. Sie bat. Sie befahl. Unter dem Ton zuckte er zusammen, durchschaute den Klang, wehrte ab: „Kein Mitleid“. Je tapfrer er sich wehrte, wuchs in ihr das feste Ziel: ihn in Sicherheit zu wissen, das andere all war Abgrund. Sie drehte den Plan um, kam mit List, während er fasziniert vor sich hinsah. Sie lockte ihn weg von seiner Fechterei. Sprach von seinem Haus, dem Park, den Zimmern. Sprach, wie alles zerfließe, die Jagd ihr Ruhe nehme und Freude, wie sie in Sehnsucht ihr Leben sich anders gedacht. Wo sie froh gewesen, ihm entgegengereist, sei dort gewesen. Sie sah in ihren Schoß. Er nickte langsam, schwer überzeugt.

Sie wartete eine Stunde, verriet ihre Erfolgfreude nicht. In seinem Haus war wenigstens ein Wechsel des Orts, parierte Gefahr. Sie fuhren dann Place

St. Michel, nahmen den Métro, erreichten Mont Parnasse, fuhren umsteigend zur Etoile, nahmen einen antrabenden Fiaker, stiegen irgendwo aus in einer Gasse, deren Dunkel sie selbst unbekannt umschwirrte, liefen, an den Händen gefaßt, in den Schattenbogen, drangen in ihn ein so tief, daß hinter ihnen nichts blieb, alles zurückfiel, nicht die Idee einer Verfolgung in der Luft hing. Vor einer Taverne standen Wagen. Bis dorthin hielt Le Beau sich. Vorm Einsteigen schwankte er wieder. Sie legte, während die Gassen, Straßen zurückblieben, in das Schwindelgewoge um ihn den Körper, die Hand in sein Gesicht, ihren Mund an sein Ohr: „Ich bin bei dir.“ Voll, scharf umrissen kam sein Gesicht ihrem entgegen.

Über die Dienertreppe stieg sie zum zweitenmal ins Haus des, der sie zuerst aufgebrochen. Ihr Blut suchte ihn sofort. Hier lebten sie nun. Niemand wußte es, es drang nicht nach außen. Ein alter Arzt behandelte ihn von der Erschütterung. Sie wartete, bis dies vorüber war, dann lockte sie jeder Platz, selbst der fernste, denn dort war Sicherheit. Aber als selbst der Siebzigjährige beim Untersuchen eine Schmeichelei hatte für ihren Arm, brach sie in Weinen aus, verließ das Zimmer, warf sich auf ihren Diwan, schloß ab, öffnete nicht vorm Abend. Maß sich die Schuld zu, ihrer Haut, dem Wuchs, dem Duft ihres Haares, daß Le Beau leide. Denn um ihretwillen zog er sich

Feinde, erlitt er Angriff. Sie spürte, so lange sie da sei, schiebe sich dies und dies zwischen ihn und sie und bohre ihn weg, weil sie auffiel, weil sie reizte. Er aber trat ein, faßte das überall an, sagte: „Liebe ich das nicht, warum verletzt du es?“

Sie traten in die Parklauben, der Sommerduft strich darin herum, sie blieb stehen, an der Stirn getroffen, machte die Augen zu, küßte ihn besinnungslos. Gewärtig eines Überfalls hielt sie den Kuß an bis zum Ersticken, sah lauschende Köpfe aus dem Rosenbeet kommen, Leitern nachts gegen die Wand sich stellen. Von der Silberkugel zwischen den Staketen, wogte aus der Metalltiefe Zwielichtiges, Schatten, gedämpftes Ungeheures heran, gegen sie. Dies drängte ihr Leben zusammen, zielte es in einer unbekannten Verdichtung gegen ihn allein. Bleich vor Erregung strömte sie ihre Seele mit der Zunge in seinen Mund. Dachte nicht, selbst nie im Halbtraum, der fremde, sehnsüchtige Glieder formt, an andere Männer, ja haßte sie, wurden sie aufdringlich deutlich in der Phantasie. Die geschmeidige Stoßkraft seines Körpers gab ihr jede Seligkeit, die ihr Körper verlangte. Er trieb sie höher noch, als sie vermochte, schleifte sie in die letzte Wollust, schon besinnungslos. Oft lag sie über seinem Gesicht nachts, bog die Haare ihm aus der Stirn, lauschte, ob sie sein Traum sei. Legte die Hand auf sein Herz und zog mit dem Finger ihren Namen auf die Haut

der Grube. Ging er von ihr, nur in das nächste Zimmer, war ihr, es sei für immer. An ihrer Angst wuchs ihre Liebe höher, weiter, als sie von ihm empfand. Er gesundete, war gefährdeter, je mehr er sich bewegte. Mit jedem Tag ward ihr Auge größer, erwartender, eingestellter auf Unheil. Er aber blieb gleich, umschürfte ihr Fleisch mit Witterung, griff an, quälte sie, liebte sie ohne Änderung, ein Marder, ein edles Tier, voll Geist, der nie die Beherrschung verlor, nie mit ihr sich traf in einer Höhe, die nur die übersinnliche wahnsinnige Angst ihrer Seele erreichte. Da blieb das Männliche zurück, sank zurück, wenn er sich ihr ergossen, flog nicht zu dem erlösenden Wort, das ihr Mut gab jenseits der Umschlingung der Körper. Während sie sich noch auftat, ihm entgegenatmete, durch seine Umarmung das Hemmungslose durchbrach und aufgeschleudert flog in eine leiblose Ergriffenheit, spürte sie unter wütenden Küssen das Zurückgleitende, Fremde an ihm, das, was sich nicht gab: den Mann. Sie schlug verschleiert die schräg gebrochenen Augen auf: „Du mußt mich mehr lieben.“ Schmeichelnd umwand sein Körper sie wieder, sein Geist begleitete seine Hände, gab ihnen Linde und glatte Bewegung, sagte ihr Worte der Liebe, toll, ausschweifender, als ihr Hirn es träumte, machte sie hingeflossen, in jeder Blutfaser geöffnet nach seinem Angriff — er trieb sie in den Abgrund, erhob sie aus den kleinen Seufzern

und Stammeln zu Geschrei, bis ihr Kopf besinnungslos ward . . . aber erwachend spürte sie unsinnige Angst um ihn, daß sein Herz das letzte Zerschmelzen kühle, und empfand verzweifelt, was er nicht zu geben vermochte, was fehlte, und daß sie ihn darum auch lieben mußte, mehr als er sie.

Nachts kam er spät zurück. Zwei Arme fielen in der Pergola um seinen Nacken, eine Stimme, die kaum sprechen konnte, flüsterte seinen Namen. Zugleich strömte der Weiße-Flieder-Duft mit einem Hauch herunter, Dolden bebten am Parktor nieder und berührten ihre Gesichter. „Lieber“, atmete sie. Er hob ihr Gesicht ins Helle. Da hing es, nur sammelnd und aufnehmend, was sie erwartete, was auch kam. In den Tränen, die es übergossen, sah er mehr, als was sie bot. Es leuchtete tief in der Stunde und seinem guten Willen kam es entgegen herauf und er spürte ihr Warten, ihre Angst, die sie verschwieg. Sie hatte die halbe Nacht am Tor gewartet. In eins zerflossen gingen sie hinein. Weich von den Tränen und gerührt von seiner Milde mahnte sie sein Versprechen zum erstenmal die Nacht. Er spürte, wie schwer es ihr ward. Stand auf, hingegeben an solche Innigkeit, schob den Hochmut beiseite, brachte aus dem Nachtblau gelb aufflimmernd vom Fenster den Globus, legte ihn in ihren Schoß, brachte den lauen Blütenwind mit in ihr Bett: „Was willst du?“, frug er und bot ihr jeden Fleck, den sie

benennen wollte mit dem Fingernagel. Dorthin führen sie morgen. Schon der Sonnenaufgang hieß Abreise, schon der Mittag Sicherheit. Ihre Liebe stieg aufs Äußerste. Sie verschmähte es.