Sie wählte nicht, nahm nicht. Sie schenkte ihm ihre Angst. Verzichtete auf die Ruhe, um zu leiden für ihre Liebe. Es war das Höchste. Unverlierbar nahm ihn ihr Auge; als sie ihm die Kugel zurückgab: „Ich will es nicht“, sagte sie, ihre Stimme trug keinen Laut mehr vor Verwebtheit. Legte sich zurück, unter ihm kaum mehr lebend, der über sie kam mit ungekannter Leidenschaft und grausamen Lippen. Was blieb noch, konnte noch kommen? Entzücken selbst der Tod.
Tage, Wochen kamen, gingen in der Erwartung. Sie lauerte auf eine Gefahr, die nicht kam. Manchmal glaubte sie sie nah, gewiß, schon im Vorsaal. Das stieg und fiel mit den Graden der Hingebung, die sie dem Mann verband. Manchmal, wenn sie ihm ferner war in ihrer Blutwoche, vergaß sie es, schrak aber dann zurück. Da die Wochen aber leer waren, ermüdete sich die Spannung, ihre Augen wurden beruhigter, matter. Menschen streiften das Haus, sie mischten sich an die ersten Vorposten heran, es ging ohne Zwischenfall. Ihr Name mit seinem hatte schon Patina in der Verschmelzung, keinen hörte man allein. Man achtete, nahm hin, was hier fest vereint schien, etwas resigniert, ein wenig gelangweilt. Es war ihnen fern schon,
gegründet, kein Raub mehr. Nichts geschah. Kein Schrei, keine Hand gehoben zu ihrer Entführung. Niemand warf sich in Abenteuer. Die Lust umschlich sie kühl. Sie ermüdete mit einemmal. Aber Le Beau federte die Sicherheit erst recht, gab ihm knabenhafte Wildheit. Das Raubtierhafte, das verteidigte und lauerte, spielte nun mit dem Gefühl, tollte darin, daß er sie hatte. Allein der Bogen der Angst war zusammengewachsen mit ihrer Liebe. Es löste sich nicht ohne Lockerung auf dem Grund des Gefühls.
Sie ging spazieren, allein, ruderte einmal am Bois, ritt hin und wieder. Als ihre Schenkel den Gaul erstmals fühlten, traf sich ihr Herzschlag mit Entferntem, sie, wußte nicht mit was, war es ein Schwan im Uferduft, eine Mispel in der Pappelkrone, ein Auto, das den Horizont anrannte. Sie kam anders zurück. Als sie die Bibliothek kreuzte, wich ein bohnender Arbeiter aus, glitt ab, stürzte hinter ihr aufs Parkett, wobei er sich an ihrem Ärmel instinktiv hielt. Aufschreiend blieb sie zitternd an der Wand. Am Mittag in der Sonne lachte sie über die plötzliche Furcht, aber die komische Bewegung der Abwehr, die sie gesehen, verbreitete sich, machte sie düster, schweigsam. Ihre Liebe gliederte sich darin. Der Überschwang kehrte zurück. Der Schwung dämpfte sich. Was sie aus der innersten Tiefe gehoben, gefürchtet, die Angst und die Sorge, standen allein, kühl entfernt, die äußerste Spitze
des, was sie durchlebt, war nichts, ein Betrug. Sie tötete diesen Gedanken und lächelte. Aber wartete nicht mehr in die Ferne, zitterte nicht mehr um ihn, wenn er ging und kam. Ein Gleichgewicht kam. Sie reisten.
Er frug nach Plänen, Wünschen, lauschte auf Ungesagtes, was ihr selbst nicht bewußt war, verwöhnte sie namenlos. Dirigierte die Reise, zeigte ihr kaleidoskopisch, kennerisch, abwechselnd, Wirkungen vertauschend, untermalend das Hauchdünne, verwischend das Grobe, die Schichtung der Welt, die man einsog, bewunderte, genoß. Suchte nach Flüssen, die im Rauschen ihr genehm, Wälder, deren Schattenfall ihrer Lunge lieb waren, Ebenen, die das Auto kielte, Gebirg, in dem der Aufschwung mit dem Tagaufgang über die Jacken rann. Doch einte die Landschaft sie nicht noch tiefer, die Bilder glitten harmonisch. Wo aber die Kontraste stiegen und rasten, gab es keinen Brennpunkt, in den ihr Gefühl zusammenfloß, sondern sie jagten auseinander, so dies und so das. An einem Abend sahen sie eine italienische Oper. In der Nacht sah Daisy Le Beau im hellen Licht neben sich.
Seine Beine wie aus Bronze spielten den Rumpf hinauf, der den Fechter zeigte, zusammengerissener und stählerner in der Spannung wie in den Marmorsälen die Ringer. Sein kluger Kopf war voll Geist, auch wenn die Lider sich schlossen. Sie sah es klar, zum erstenmal. Denn es trat in sie in dieser Nacht, zu sehen ohne Rausch und ohne Haß.
Das Licht flimmerte kühl, und es banden sich die Enden der großen Kantilenen der Sängerin an das Ende ihres erwachten Bewußtseins, und an der Höhe der Kantilenen ermaß sie die Höhe des, was sie erstrebt, erglüht, als ihre Stimme noch das Ziel war und ihre kindliche Sehnsucht glaubte, dort sei der Ruf. Sie drehte um. Sie sah den Körper neben sich, edel und schön wie wenige, auch liebte sie ihn. Sie fühlte alles, was von ihm zu ihr gekommen, Begeisterung, Hingabe und Wollust, aber es blieb unten. Genügte es? War es so viel, daß es sie erfüllte? Es war, was ein Mann an Liebe ihr geben konnte, fast mehr. Aber sie spürte wie Ziehendes, sie Beschwingendes und Reißendes die Spitze des abends eingeatmeten Gefühls über sich schweben, sah alles sich hinneigen nach der Höhe, erblaßt fiel ihr Kopf zurück. Die lange Strecke, die lag, zwischen dem, was sie erträumt und dem was sie erreicht und besaß, traf sie vernichtend. Lange lag sie kalt, halb schlafend. Ein Gesicht tauchte auf, sie lächelte, es verblaßte wieder. Lange lag sie gewiegt von Dingen, die sie streiften, nie entfachten. Aber im langen Wachen erkannte sie unerbittlich, wie leer ihr Zustand schwebe und daß dies nicht sie erfülle, und wie unendlich überlegen ihr Gefühl schon dem Augenblick geworden, in dem sie war.
Der dritte Abschnitt
Ein rotbärtiger Mann wartete. Der Vorsteher meldete das Verbot des Zuges. Der Parlamentarier ließ sich nicht sabotieren, stieg auf den Tender und verlangte eine Lokomotive. Das Personal machte ihm eine Ovation, fuhr sie heran. Es war Abend. Er redete von der Feuerung herunter. Dann gab er ganz behutsam Daisy die Hand, sie stieg herauf, bald waren die Lichter hinter ihnen. Sie fuhren durch die Provinz. Durch den Süden sprach er von Stadt zu Stadt. Dann kamen sie quer durch die Bretagne. Ein Telegramm rief ihn von St. Malo zurück. Wieder kamen Olivenbäume. Jeden Tag liefen rückwärtsgeschleudert erleuchtete Säle mit Menschenmassen zurück. Er kam aus dem Handdrücken der Komitees direkt in den Wagen. Sie gab ihm die Hände heraus, er stieg ein. Neue Chausseen bäumten sich, der Mond schwankte langsam durch die dünnen Alleebäume. Einmal küßte er ihr die Hand, sie lachte eine Zeitlang über seine Zärtlichkeit. Sie saß in der ersten Reihe, als in Valence er während des Sprechens die Budjetrede aus Paris erfuhr und eine wilde Kavalkade dagegen aufmachte. Er aß dann