den ganzen Abend. Unterwegs stieg seine Wut. Abends nahten drei Laternen, sein Geburtsort Libourne. Seine Vettern erwarteten ihn mit den Weibern, die in Holzschuhen von einem Bein aufs andere sprangen. Sie staunten sie an, indem sie sich in den Taillen weit vorneigten, die Arme auf den Rücken schlugen. Er wurde verlegen, legte ungeschickt den Arm, daß sie fast zusammenbrach, auf ihre Schulter. Sie lächelte mit den Weibern, nahm sie unter den Arm. Als sie ihnen ein Schlafzimmer zu zweit anboten, lachte sie, ging hinaus und fuhr ins Hotel. Die Weiber klatschten auf die Schenkel, grinsten, verhöhnten den Rotbart. Er ging voll Wut ins Hotel, sie abzuholen, vor ihrem Gesicht begann er die Hände zu bewegen, als sei sie aus Glas. Er sprach kein Wort. In der Versammlung stellte er eine Resolution auf, die dem Budjetredner ein Wort ins Gesicht setzte, das man nur in Libourne verstand. Die Männer stampften wie die Ochsen und rissen die Mäuler bis gegen das Ohr auf. Sein Cousin Louis trug es aufs Postamt. Der Beamte weigerte sich. Da holte er den ganzen Saal, sie steckten die Gartenhütte an, legten ihn auf den Rücken und spritzten ihm aus einem Winzergummi Schnaps in die Gurgel, bis er es tickte. Am Mittag schlachtete er ein Schwein. Mit blutigen Armen stand er breitbeinig im Hof, hob den Kopf und sah sie mit seinen weit auseinanderliegenden Augen an, seine bloße
Brust dampfte. Mittags spät saßen sie im Auto. Er strahlte und wagte sich zum erstenmal dicht neben sie zu setzen. Sie zog den Mund spitz, hob den Finger und streckte ihn nach dem Polster auf der anderen Seite. Sofort glitt er hinüber. In Toulouse zog er den Rock aus im überfüllten Saal, lief auf dem Podium herum und schrie wie ein Bär, er war fast heiser, sein Publikum raste. Dem Saaldiener schlug er in guter Laune auf den Rücken, der bekam einen Hustenanfall, wurde auf drei Stühle gelegt, bekam die Arme gehoben, den Bauch massiert. Sie ärgerte sich und beachtete ihn einen Tag nicht. Sie fuhren nach Nizza zu einer Kundgebung der italienischen Irredentisten. Da sie nicht mit ihm sprach, räusperte er sich nach der Uhr jede fünfte Minute. Sie sah hinaus. Die Bläue spielte um die Äste mit einer Leichtigkeit, als durchdrängen sie sich. Er benutzte den Augenblick, die Hand herüber auf ihr Knie zu legen. Zornig sah sie ihn an. Sein schwerer Nacken zog sich ein, die schmalen Augen wurden ängstlich. Er tat ihr leid, sie griff mit der Faust in seinen Bart, zog ihn von der einen Seite zur anderen, schüttelte ihn und ließ ihn fahren, er versuchte einen Griff wie nach einer Magd. Sofort zog er sich in die Ecke zurück, fragte traurig und kindisch: „Sie haben einen Zug um den Mund, was ist?“ Sie lachte. Er schüttelte sich vor Behagen und strich den Bart glatt.
Vom Zug kamen sie direkt ins Theater. Ein trentiner Dichter sprach eine Hymne an das italienische Meer. Der Raum war mit italienischen Flaggen geschmückt neben den französischen. Der Dichter trat einen Augenblick in die Loge, den Parlamentarier zu begrüßen. Ihre Blicke kreuzten sich einen Moment. Doch der Franzose stellte ihn ihr nicht vor. Sie sah einen Schatten von seinem Auge, als er hinausging. Die Verse langweilten den Parlamentarier, er wurde müde und schnarchte, aber er mußte bleiben, da er nachher sprach. Daisy stand auf bei der zweiten Nummer, ging leis hinaus. Sie ging durch das Foyer. Nun schritt sie gegen einen Spiegel, sah sich, erreichte die Treppe. Als sie den Pelz um den Hals fester zog an der Tür, trat mit zwei großen, aber langsamen Schritten der Dichter von dem Pfeiler. Sie nahm seinen Wagen.
Der Frühling stieg mit sehr blauen zarten Morgenstunden aus dem Luxembourg. An einem Abend, den die Boulevardbäume mit einer blassen Schwermut trugen, stiegen Ballone aus einem Hoteldach, stiegen mit kleinen Kerzen und erleuchteten an dem Ende der schwärmerischen Kurve den Himmel mit ihrem Namenszug. Vor Fontainebleau machte ein Torpedoauto eine ovale Schleife, ihr Wagen bremste und fuhr in den Graben auf zwei schleifenden Hinterrädern. Der kleine Spritzer hatte gedreht und verschwand hinter einer
grauen Staubwand. Auf der Chaussee lag ein Strauß Narzissen mit einer italienischen Schleife. Später fand sie einen Brief darin.
Er kam am Morgen. Selbst sein Parfüm fragte nach ihren Wünschen, die er erriet, daß es sie bestürzte, denn er brachte ihr keine Geschenke, aber er lauerte auch auf das Unbewußte jedes Reizes in ihrer Seele. In seinen Arbeiten kam ihr mit aller Genauigkeit dieser und jener Tag und Gedanke wieder, nur aus der Frage zum Endgültigen geführt, entgegen. Seine Schöpferkraft sammelte sich in Verkleidungen um sie, er drang in das Dunkelste und Träumerischste ihres Lebens und erregte mit der tastenden Verführung seines Geistes. Sein Kopf war antik-haarlos, die Augen tief und umschattet, aber der Zauber seines Hirns verstrickte mit einer Überlegenheit, selbst wo er bat, daß er sich aufhob. Als sie ihn nicht empfing, sandte er ihr das Gedicht, das die Adria zur Revolte aufrief, aus dem Theater in Nizza, um ihr zu zeigen, daß dieser Ehrgeiz und sie das Verehrungswürdigste seien in seinem Leben. Die Aufrichtigkeit führte sie dicht zu ihm.
Der französische Staat ließ ihm als Gast Notre Dame allein läuten. Er kam zu ihr: „Es war keine Schönheit, da du fehltest.“
Er sagte drei Stunden vor Beginn der Premiere ab, denn Daisy lag an Grippe. Das Telephon
rasselte ohne Unterlaß. Er stellte es ab. Vor dem Zimmer stand ein Boy, der niemand einließ.
„Drei Monate Reklame . . . .“ flüsterte der eine der Direktoren, als sie den Boy bestochen hatten, im Salon. Er zuckte die Achseln, als sie den Tantiemensatz um fünf in die Höhe hoben. „Acht“, sagte der andere leis und bebend vor Wut, denn sein Gegenüber nahm den Finger nicht von der Lippe. Daisy schellte. Er ging hinein. Sie war aufgewacht: „Gehen Sie doch“. Er machte eine geringschätzige Gebärde, er sagte ihr, es läge nichts daran, denn diesen Ruhm verachte er, es gäbe nur jenen einen, der ihn in der Öffentlichkeit reize, und er wies auf das Gedicht, das sie auf dem Tisch liegen hatte. Er ging leis hinaus, als sie die Augen schloß.