Sie kamen bei Regen an. Ein Kommissionär mit schwachsinnigen Augen umkreiste sie wie ein Hund und fing plötzlich mit den Armen zu drehen und zu schreien an. Hinten begann eine rasende Musik. Der Regen ward so toll, daß, als sie auf der Terrasse standen, über den Platz die Herangelaufenen mit hochgeschlagenen Kragen in die Cafés zurückstürzten. Schwarze Männer standen auf der Treppe, ein langer Frack warf vom Gaskandelaber den Hut hoch, knickte die Knie, fuhr hoch, stank aus dem Mund wie ein Fisch. Im Wagen begann Daisy zu weinen vor Müdigkeit. An der Ecke sah sie die dünne Erscheinung über den leeren Platz rennen.

Gegen Abend blickte sie vom Balkon, der Nebel erfrischte. Eine Ziegenherde kam aus der Nebengasse. Ein Radfahrer bog um und fuhr dem Leittier in die Beine. Es sprang um, jagte auf die Straße. Die Tiere liefen mit geblendeten Augen an die Häuser. Einige Geiße bockten, liefen irrsinnig im Kreis, warfen

Kinder um, verletzten einen Gendarmen im Gesicht. Der Hirte suchte das Leittier, sprang durch die Gruppen und pfiff auf dem Fingergelenk. Da nahte Musik, alles verlief sich Die Musik hielt vor dem Hotel. Daisy ließ sich auskleiden.

Später drang rote Glut in die Fenster. Als er vom Balkon hereinkam, hob sie den Kopf aus den Kissen. „Die Unterbeamten“, rief er, schon im Salon. Sie schloß die Augen unter der Müdigkeit der Schlafpulver. Dann gingen im Nebenzimmer immer Türen, ein Organ sprach, als gurgle es den Mund voll, das schläferte ein. Die Türen klappten rascher, die Reden gingen wie ein Bad, es umplätscherte sie aus der Ferne. Sie hatte Durst, bog den Kopf zur Seite zum Trinken. Da sauste er vorbei, sie griff nach seiner Hand. „Deputationen“, flüsterte die Zofe. In der halbgeöffneten Tür, als sie hinausging, stand ein fetter Herr und verbeugte sich tief mit einem fiesen Lächeln.

Immer ging seine Stimme wie ein Uhrzeiger durch die anderen, die herumwanderten, leis klangen, bald spitz, manchmal quatschisch schäumten. Sie bekam Sehnsucht, ihn zu sehen. Sie sah ihn nur im Sprung. Später erwachte sie, es war Lärm auf der Straße, sie sah in sein überhitztes Gesicht. „Der vierte Zug“, rief er ihr zu, als er auf den Balkon stürzte. Als er zurückkam, frug sie: „Was war es“; sie hatte geschlafen

in der Zwischenzeit. „Studenten“, stöhnte er. Sie verstand ihn nicht. „Was wollen sie?“ „Provinzen.“ Sie begriff im Halbschlaf die Zusammenhänge nicht mehr und schlief sofort ein.

Sie sah in tiefblauen Himmel, gewölbt und fließend wie Glas. Er stand an ihrem Bett. Sie sah hinunter. Singende irredentistische Vereine zogen zum Hafen. Der Schlaf hatte sie erholt, sie legte sich herum, um liegen zu bleiben. Er nahm sie an der Hand, sie stand auf. Beim Anziehen bekam sie Fieber. Sie hielt ihm den Puls hin. Er fühlte, verfärbte sich ein wenig, dann drehte er sich um. Sie sah nicht, was vorging. Es dauerte nur kurz. Dann sah er sie fragend an. Sie zog sich weiter an, eine solche Spannung lag in seinem Blick. Er hob sie hinüber ins Boot. Die Molen waren schwarz. Auf der Triere ward eine Fahne gelegt. Er trat darauf. Sie hörte jedes Wort aus dem Theater. Die Schärpen standen grell über den Hemden wie auf Schilder gelegt. In der weißen Glut platzten die Köpfe fast. Sie standen wie Zinkknöpfe, heiß und schwitzend. Um sie herum lagen Schiffe mit Tribünen, von denen die Photos unaufhörlich knackten. Ein amerikanisches Boot suchte ständig die Sperre zu durchfahren. Die Menge wartete, bis die Glocken den Berg herunterkamen. Dann schaukelten Tücher über dem Schwarz. Eine Brandung erhob sich am Ufer. Aus Marmor stieg

ein Adler von der Klippe. Eine dumpfe Salve knatterte hinter der Halbinsel. Dann sprach er jene mystische Revolte, hatte die Hände gegen die Brust gestemmt, die Beine eine kleine Spanne auseinander. Auf seinem Kopf lag eine Entschlossenheit der Wollust, als wiege sein Hirn sich in dem Gedanken, den er mit großen Rhythmen durchmaß. Unter seinen Sätzen aber, die ihm die Höhe seines Lebens waren, kam aus der Tiefe des Meeres der Glanz langsam herauf. Aber wie er schloß, überkam sie eine sinnlose Traurigkeit, sie fiel fast zusammen.

Das Meer schäumte ein wenig, als sie zurückfuhren. So lange sie fuhren, streichelte er unter dem Mantel ihre Hand. Sie ging sofort in ihr Zimmer, schloß ab, kleidete sich aus. Dann sprang sie heraus, ließ sich anders anziehen, legte sich auf den Rücken. Im Nebenzimmer telephonierte er nach dem Arzt. Er verlangte Rom, einen Spezialisten, rief Summen ins Telephon, trommelte an ihre Tür. „Öffnen Sie“, sagte sie der Zofe. Im Halbdunkel beugte er sich über das Bett. Sie brachte den Blick nicht gegen seinen zum Fixieren. „Welches Unglück“, stöhnte er. Er fluchte, verwünschte den Tag, maß sich die Schuld zu, daß sie hierher gefolgt, aufs Meer gekommen. Sie lächelte. Das Telephon rief ihn hinaus. Im Dämmern sah sie auf dem Tisch etwas Helles. Es mußte vom Mittag liegen. „Schließen Sie“, sagte sie der Zofe. Sie machte das Telegramm auf, las, bückte sich, krümmte sich wie eine Katze.

Er klopfte an die Tür. Er rief durch das Schlüsselloch, er störe sie nicht, nur bitte er, daß sie den Arzt empfange, wenn er komme. Dann ward es still. Später kam er noch einmal, sie hörte ihn hin und hergehen, sein Schritt war beängstend leis, verhalten.