Nur sie habe Sinn für ihn, murmelte er. Er sprach lange mit sich, die Portiere dämpfte es. Auf dem Tisch stand sein Bild. Daisy sprang auf. „Der Arzt“, schrie es im Gang, im Nebenzimmer flog das Fenster auf, sie hörte einen stehenbleibenden Motor. Sie nahm eine Nadel, zielte dreimal nach dem Bild, steckte sie rasch in ihr Haar, sie kam durch ihre Tür zum Korridor, durch die zweite Treppe auf den Gang, dann in das Vestibül. Sie fuhr über Mailand nach Turin. Dann nach Lyon. Das Fieber ließ nach, sobald sie härtere Luft atmete, in einer Stunde war es vorbei. Von da fuhr sie bis Calais. Mit dem Fünf-Uhr-Dampfer kam Syg. Sie schritt mit dem Tuch, ohne aufzuhören, winkend über den Steg auf sie zu.
Der Mond flog, ein Vogel, durch den Apfelbaum; Die Syringen hingen schwer und rot über den Kies; Über den Hyazinthen strudelte die Luft in einer Kupferfäule. Zwischen den Zweigen des Gebüschs fing das Dunkel erst an und bebte. Bienen stürzten in die Höhe
und von ihren übervollen Poren schaukelten hochgetragene Blüten langsam und taumelnd in das Wasser zurück. Die tiefgesenkten Gartenfenster brachen mit runden Quecksilberbogen aus den Säulen heraus. Die magische Tiefe des Glases blätterte sich nach innen in den schimmernden Kreisen und sog den Kiesweg mit den Tulpen in einer Spirale hoch und in sich auf. Aus der Gartenhütte taumelte ein Gegenstand mit unheimlichem Schütteln, schlug wild gegen den Apfelbaum, kam in den Mondschein, torkelte in ihm über die Wiese nach einer Maus. Dann hielt er, verdrehte die Augen, schrie „Do . . . go — — go. Dogo . . .“, schnurrte und steckte den Schnabel zwischen die Flügel. Der Mond, wie ein unsichtbar geschlagenes Schild, war weiß von Metall, zitterte durch den Himmel.
Dies alles brachte ihr die Heimat nahe, wenn sie Sygs Hand hielt. Sie gingen angeschmiegt durch den blauen Dunst der angefachten Nacht. Aber es trug sie nicht hinüber, sie hatte nur Abwehr. Die Unruhe war gewichen, sobald sie Syg sah und spürte. Dies aber, dachte sie im Bett, was sie froh machte, war nur die Gegenwart der Schwester, Sygs Figur und Stimme, vor deren naher Gewalt das Gelebte zurückfiel. Sie empfand Ruhe und Stille. Sie empfand sogar in Vaudreuils Grüßen das geheime Suchen und Fragen, aber sie war so sicher, daß sie sie unbefangen zurückgab.
Elfmal schlug die Uhr, dünn und silbern. Der Ton ging hinaus, wo der Glanz nicht nachließ. Syg konnte nicht schlafen, legte sich herum. Sie lächelten sich in das Gesicht. Der große helle Raum stand voll Mondstaub. Vor dem Fenster schwankten Weidengerten auf und nieder, obwohl kein Wind ging, wie der bebende Rücken eines Tieres. Nun begannen im Boudoir die Silbersachen zu leuchten, die Bettseide wurde ein Netz von zartestem Weiß, nun stand der Mond mitten im Rahmenkreuz und durchstieß gelb und flutend das Fenster.
Daisy richtete sich auf, als lausche sie: „Und Well?“ frug sie und horchte hinterher . . . „und Well? . . .“ Syg sprang aus dem Bett. Der Balkon war mit wogendem Lichtnebel über den Kletterrosen zugezogen. Die Nacht wurde immer wärmer und durchsichtiger, schon traten die Figuren vor der hintersten Hecke deutlich heraus. „O“, flüsterte Syg und führte die flache Hand über das Geländer. Stück auf Stück der Jugend gaben sie sich in die Hände, hinüber, herüber wie Bälle, und spielten sie sich zu . . . die Bäume, die Gouvernante, die vertrocknete Fischkugel, den Ameisenbau. Wie sich die kleinen Dinge, deren zärtliche Erinnerung sie am sorgfältigsten erfüllte, aus ihrer Erinnerung hoben, schmolz sie das Gefühl zusammen, daß die Jahre hinaustraten zwischen ihnen . . . Tage flogen auf und hoben sich in sanften Farben wie aus Strohhalmen
abgesandte Kugeln und schwammen in den Garten hinein. Im Scheitel der Nacht hing der Mond fröstelnd und starr.
Die Uhr schlug. Vögel sangen, den Kopf noch an der Brust, in das wollüstige Grauen. Das Gras begann zu leben, und der Tau glühte mit einer hingegebenen Leidenschaft an der Erde. Daisy bog sich aus ihrem Bett über Sygs klares Gesicht. Sie empfand, daß ihr Kopf wie ein Spiegel denselben Ausdruck trage. Sie empfand das Glück dieser Gegenwart mit einem berückenden Gefühl.
„Wie lange hattest du Fieber, Syg?“
„Acht Wochen.“