Sie gingen eingehängt zum Boulevard St. Michel, überquerten den Platz, hielten an der Boulangerie. Trabten weiter. Stießen auf d’Harcourt, passierten, liefen zur Bar, standen vor der Luxembourg-Fontäne, gingen in die Source, trieben heraus. Wurden aufgehalten, Philipp erkannt, umringt. Studenten schwenkten die Biretts, drückten aus ihren Mimis süße Schreie. Einer löschte die Laterne, einer kitzelte den Sergant de Ville. Sie zogen durchs Croissant, grüßten mit Zuruf Jaurès, stoben im Hinterzimmer über das Klappern der Jetons, warfen einen Spieltisch um, beknurrt vom Haß der Tische hinaus. Zurück zu d’Harcourt. Dann zur Source. Reichere Studenten schrien den Mimis Preise zu. Im Panthéon fiel ein Mann klatschend auf einen rundoffenen lackierten Hurenmund. Damen von dreißig bis sechzig Franken stießen verächtliche Parfümwolken aus gegen die Mimis, die frech und ängstlich an den Armen ihrer Freunde schwebten. Auf dem Boulmich verdrehte die Mimi Madeleine die Augen, fiel um, blutete aus einem Achselgeschwür. Sie schafften sie in die Brasserie Lorraine, gaben sie ab, saßen um einen Tisch, klatschten in die Hände, hoch im Rhythmus, wieder herunter und dann monoton in einer Schleife. Daisy schlich hinaus, vermochte

sich nicht zu entziehen, denn am Ausgang stieß sie neben der Kranken auf Philippe. Sein Gesicht, wie er, unermüdlich, helfend, gekniet, beschäftigt war, hielt sie fest. Sie beugte sich vor, ging überflüssig zurück. Renée tanzte schon auf dem Tisch, die blanken hellen Scheitel der Dänen blendeten in einem Kreis um sie, wieder sah sie ihre unvergleichlich schönen Beine. Man ging Rue des Ecoles, Notre Dame, eine Brücke, Place St. Michel, Rue St. Jaques, Rue des Etrangers, wühlte sich ins Dreieckkreuzfeuer der Lichter vor der Nacht-Boulangerie. Zwei wurden abgefaßt beim Gebäckdiebstahl. Die Spionin, die im Gewühl der aus allen schließenden Cafés sich hier um warme Hörnchen massierenden Massen lauerte, griff die Gelenke, die Kassadame keifte, vom Pult brüllte der fette Chef mit aufgeschlagenen Ärmeln: „Steck ihr Pferdäpfel ins Maul. Kanalsau.“ Man riß einige mit aus dem Haufen, wechselte ein blombiertes Fünffrancsstück, warf ein Pißhaus um, rollte es über die Trottoirs. Man kam Rue Guijas. Die Droschke mit Madeleine kam an. Man rettete sich aus der Clique ins Hotel, trug Madeleine vornher, riß Renée aus den Armen der Studenten in den Chauffeurmänteln, knallte die Tür hinter sich zu, riegelte ab.

Sie stiegen durch die drei Hurenetagen zur sechsten der Artisten und Studenten, trugen Madeleine ins Zimmer Philippes. Er schlug sein Bett für sie auf,

legte ein reines Taschentuch auf das Kissen. Beim Abstieg zum zweiten Stock in Renées Couloir gab es im dritten Skandal. Zwei Weiber, eine im Korsett, eine im Hemd, die schimpfte, standen vor zwei Männern mit Zylindern im Genick, die Kerzen hielten, und einer sagte: „Alte Sau . . .“ Die Hure hieb zu, traf nicht den Hut, sondern das Licht. Das Dunkel stürzte, eine Tür knallte, es schoß. Aus den Gängen quollen Weiber. Männer in Pyjamas fluchten, drückten Knipslaternen. Atemloses Geschrei verwirrte alles, plötzlich lief man. An Daisys Körper griff eine Hand.

Sie flog an einen schlanken Körper, der sie rasend küßte. Erstarrt hielt sie in dem Zug, der sie einsog, in Besitz nahm mit den Lippen, plötzlich schrie sie. In Renées Alkoven aber schlief sie im Traum die Nacht mit jenem blonden Skandinavier, der die erste Nacht, wo sie auf den Mann traf, bei Le Beaus Umarmung ihr die Nacht zerfleischte, sie hinaushob über die Seligkeit des Franzosen und sie an eine Wonne hochstieß, gegen die nichts im späteren auch nur gering bestand. Der mit der Hand aus ihr streng heraushob, was ihr Schmerzen machte bis dahin. Er tat nichts, was ihr zurückgab, aber er küßte ihr Bauch und Bein, durchwühlte sie, ward blitzscharf am Rande des Körpers, aber im Gesicht milder, als er sie verließ. Dies blieb in ihrem Schlaf, so daß sie aus dem Traum mit dem Engel glücklicher und befreiter erwachte als je aus

einer Männernacht. Sie stellte die Schüssel auf die Kiste, wusch sich, schüttete das Wasser in den Schacht, aus dem mit einer Wolke das Gekeif in das kurz geöffnete Fenster hineinstieß. Sie schloß auf zu Renée, sah Bewegungen in ihrem Bett, roch den Schweiß des Kampfes. Sie wartete still, geduldig. „Hundert Sous“ im Nebenzimmer. Die Tür klappte. Sie trat hinein zu Renée, die sich müde im Rücken nach der Schüssel bückte. „Nein,“ sagte Daisy mit unbegreiflichem Lächeln, „laß mich“, und sie hob die Schüssel auf ihre Knie und wusch Renée das Gesicht und die Brust. Erbleichend sah sie am eigenen Hals, wie sie sich vorneigte, die Dukatenkette vorschwingen. Es fehlte seit der Nacht eine Kugel.

Sie hatte nur noch eine.

Für Madeleine, die ins St. Denis-Hospital gefahren ward, sprach sie allabendlich im Schattenspiel Philippes Sätze. Ward seine Angestellte, Vertraute, Sekretärin. Sie erlitt das Kneifen ins Bein zwischen den Tischen durchgehend, Zurufe Besoffener, während sie sprach und ihre Stimme einen Schmelz annahm, der sie nie beflügelt. Sie schrieb unter der Petrollampe seine Briefe, sein Diktat. Sie schloß, war er weg, die Dachluke, räumte sein Zimmer, besorgte seine armselige Wäsche.

Wurde ihr Auge verzerrt von Gesehenem, gab seines ihr Haltung. Rief er, Kommis und Louis zu ergötzen, die Nummern des Programms in fanatisch heldischer Pose, las sie zu Haus, was er schrieb. Ging sie mit ihm neben den Bahnen, verschleierte die Straße sich in wohltuenden Nebel. Als im Jardin des Plantes der Tiger aus aufgeklafftem Rachen heulte und sie mit ihm ans Gitter trat, sah sie die Jungen, nur an den Zitzen spielend, ruhig saufen. Er wehrte jede Hilfe ab, bot ihr als Ausgleich von seinen sieben Centimes, blieb streng dabei, als sie lächelte. Bald konnte sie nur tun für ihn, was er nicht merkte.

Am Tage des Bastillesturms gab er drei Vorstellungen. Am Mittag darauf kam sie in sein Zimmer. Er schlief auf dem Stuhl. Sie suchte bis mitten in das Zimmer zu kommen. Dann schlich sie hinaus. Nach einer Stunde kam sie wieder. Er schlief noch. Sie preßte das Kinn wider die Brust, weckte ihn, gab ihm den offenen Brief, ihre Augen trafen sich, er nickte.