Zähne um sie, im Saale der roten Papageien und drei Kapellen drehte sie sich, tanzte, ging allein, als die Rudel schönbeiniger Frauen lachend aus der Revue mit dem Geruch ihrer Haut und der Tierbewegung der Hüften und langen Schenkel kamen. Auf Imperials rollte sie von Quartier zu Quartier, Liebespaare, Trunkene, Studenten mit zerrissenen Schuhen, Russen, alte Böcke, aufgegeilt hinter Midinettes her, neben sich. Im Hotel des Etrangers schrie ihr Nachbar in Herzkrämpfen auf. Sie saß drei Nächte, kühlte ihm die Brust mit Eis. Als er hochkam, beschloß er sie dankbar unter die Decke zu ziehen, griff in ihr Bein. Am Panthéon erschoß sich ihr Visavis, ein blonder Student, der morgens mit roten Lippen gleichzeitig wie sie die Milchkaraffe in Unterkleidern in seine Tür hineinzog, an Syphilis. Sie wohnte Rue Monsieur Le Prince, Vaugirard, Champollion, zählte die Schornsteine, Betrunkene an ihrer Tür, die Fenster, Mondaufgänge.
Sie wohnte Rue Gay Lussac. Ihr Geburtstag trüb Quai de Valmy. Kehrte zurück, als die Seine sie drückte, zu Mme Fleurquin, in das Zittern der Rue Bonaparte, Bäume schwankten Boulevard St. Germain. Square Monge erlebte die Überschwemmung. Rue des Bernardins verließ sie das Hotel im Kahn, half Emigranten retten, ward als Diebin verhaftet, lächelte sich frei. Ging auf die Mairie neunzehntes
Arrondissement, vierundsiebzigstes Quartier, gab sich hin für Überschwemmtenhilfe, empfing ein ironisches Ziehen des Mundes, ging wieder. „Geben Sie, Notre Dame des Lorettes willen, einen Sou zum Métro, damit ich die Kaserne erreiche,“ flehte in der Rue Pigalle ein Piou-Piou. Sie gab ein Fünfzig-Centimes Stück. Er lachte sie aus, suchte sie zu umarmen. „Kommen Sie, es ist warm darin,“ sagte ein großer Mann, glaubend, sie friere, nahm sie mit in das Café Cluny, las die Zeitung, ignorierte sie, zahlte für beide, ging mit einem Gruß. Erstaunt suchte sie ihn drei Tage, fand ihn nie wieder. Sie wohnte gegenüber Ecole Polytechnique, wo nach Regen Abenddächer mit weißen ovalen Schilden blitzten, dumpf Seinehörner tuteten, sah die Zöglinge der höchsten Artillerieschule farbig an Kanonen seltsame Bewegungen machen. Saß Closerie des Lilas, hörte die Revolte der Kunst. Aux trois Poulards schlug ein Mann einer Frau durch den Schädel, nahe den Hallen, warf sich heulend über sie. Sie belauschte das Gespräch zweier Absynthe-Weiber, Ausgedörrte, die gleich Hyänen gegeneinander stürzten und von der Berührung des Fingers schon umfielen, in den Pausen der Schlacht, wo sie, unfähig aufzustehen, nebeneinander in der Gosse lagen. Sie machte dem Trio an der Sorbonne Platz, dem Star-Mann, dem beinlosen Singenden auf dem Räderbrett, dem jungen Louis, sie warfen ihr Schlüpfriges nach. Sie aß mit der Papageienverkäuferin,
studierenden Negern, österreichischen Spitzeln, Lesbierinnen der Place St. Michel, mit spanischen Zöglingen der Schneiderakademie, Chauffeuren, Gasarbeitern, Deutschen.
Sie ging zum Löwen von Belfort, wo Ringer und Stemmer unter den Bäumen turnten. „Wie elend zum Kotzen dies Leben“, sagte ein gesunder Mann, der Postkarten verkaufte, mit weißen Zähnen lachte. Da brach eine fremde Frau in Tränen aus. „Haben Sie Hunger?“ frug Daisy mit einem Blick auf den Ellenbogen der Frau; die aber stieß ihr durch das Kreisloch den spitzen Knochen in den Leib, schrie, fluchte, drückte sich hinaus. Sie wohnte Porte Maillot, wo Métros aus der Erde stießen, Menschenmassen aufquollen, Korsos zum Bois wallfahrten, selige Benzingerüche in Parkwipfeln schäumten, lange Frauenketten in Wagen unhörbar, mit Pelzen und süßen Pferden zu Wiesen zogen. Sie wohnte Impasse Bérthier, Rue de la Rochefoucauld mit der Grabesruhe und Sacré Coeur blitzend darüber mit weißen Türmen, Rosenkränzen, Zitronen. Moulin Rouge brannte das Parterre aus, vom dritten Stock sprang ein dicker Offizier ab, zerschellte unter dem Flammenschein. Sie wohnte Quartier Ternes, fleißige kleine Bürger arbeiteten in offenen Fenstern. Stand Champs Elysées vor Luxushotels, sah Autos anfahren, gepflegte Frauen, helle Glacés, Skunks, weiße wundervolle Füchse. Sah
an sich herunter. Sah gespannter lang hinüber. Wohnte Rue Delambre, zweiter Hof, dritte Baracke, Numéro Vierundachtzig. Wohnte neben Jardin du Luxembourg. Wohnte Parc Monceau, diese Nacht selig von Bodengerüchen. Wohnte Bastille-Platz. Wohnte zwei Nächte nirgends. Wohnte St. Germain des Près, sah um sich Pfauenräder der Lichtkaskaden zum Himmel brennen über dem rötlichen süßen Straßengefieber, folgte einem Ruf, stieg zwei Treppen zu Musik, sah sich um, prüfte, wer gerufen, ging zurück. Am zweiten Tage hier folgte sie einer Bluse in ein Kaffeekonzert.
Einen warfen sie heraus neben ihr, zehn Meter unter der Erde, der zweite Keller, schrieen: „Sortez-le!! Peschärsche, Affenschwänze, Bauchzimbel, Irrgebrunste, Saligots!!“ Im Rauch fiel ein Sergeant gegen die bemalte Kalkwand, weiß im Gesicht, beugte sich im Gesäß. „Rotz-Lumpen“, er verschwand. Ein ungarisches Violinstück kam aus der Ecke. Sie ging über den Boden, in dessen Lehm ihr Absatz leicht sank, saß nieder der Bühne gegenüber unter dem zweiten Lampion. Ein Rosablusenmädchen besah im Spiegel die Zungenwurzel genau und angespannt, schüttelte den Kopf lachend gegen den Rauch. Eine unsichtbare Stimme, siehe, rief: „Schlaf mit mir, süße Freundin.“ Sie erhob sich und warf sich einer sanften Schwimmenden gleich in den Dampf.
Daisy stand mit ihr auf, ging zwischen gesäten Tischen, den Blick fest nach vorn. Ein altes Weib neben den Kulissen auf einem Faß zog über ihre schamlosen Beine einen Keuschheitsgürtel, stampfte im Tanz, grimassierte den Bauch, zwischen gelben Zähnen: „Elle avait un petit cadnaz . . .“ Auf der Bütte in dem Winkel gegenüber schwang die Kitschfanfare eines militaristischen Fanfarengauls. Sozialisten schrien sich am Ausgang zu: „Allons Camerades“, stürmten, warfen die Bütte um, schwangen einen Kreis um die Alte. Daisy stand auf, ging weiter nach vorn. Sie saß in der ersten Reihe. Auf der Rampe über ihr stand ein Mädchen, und die ungewöhnliche Zierlichkeit und Anmut ihrer Beine machte ein Loch in den Lärm. Daisys Blick blieb lange an der Biegung ihrer Lippen, dem Schwung ihres Leibes, der kindlichen aufreizenden Geste, mit der sie sich entzog. Sie saß nun ganz an der Spitze des ersten Tisches. Als im Vorgang des Schattenspieles ein schwarzes Mädchen ohnmächtig ward, der Mittelpunkt des Abends unter Gemurre schwankte, sagte sie entschlossen: „Ich“, trat hinter das aufgespannte Leinentuch, fand dort Renée, die den Stoff ihres Kleides prüfte, ihre Augen dicht ansah, lachte und sie küßte, neben dem Conférencier Philippe.
Sie lieh ihre Stimme einem Schwan hin, der an Philippes Hand grotesk in Schatten verzogen auf der
Fläche tanzte und es nicht unterließ, in heftigen Perfidien dem Präsidenten der Republik nahezutreten, den Abend zu retten.