merkbar die Schultern. Sie hörte es zum zweitenmal heute. Allein es drang auf keinen Punkt in ihr ein, der ihr Gefühl bewegte. Vorbei schon. „Ein Opfer“, lächelte ein übergroßer lässig gebeugter Herr im Monokel. Schon suchten an seinem Mund vorüber gleichmütig ihre Augen nach Neuem. Ein olivenfarbener Jüngling, der wie ein Mädchen tanzte, legte den Arm um sie. Lächelnd glitten sie Ring auf Ring herum, gewiegt von einer Klarheit der Füße wie nie in diesen Sekunden. An einer Ecke des Saals fiel ihr das zweifach gesagte Wort mit einem Mal ein und sie setzte sich. Es war, als zerschmetterte es etwas in ihr. Sie trat an das Fenster. Unten im Garten hörte sie deutlich eine Frau weinen. Das faßte sie wie mit Schrauben, sie glitt hinaus. Eine Bank. Es war, als ströme mit dem Weinen in dem Busch, ihr Leben weg, bräche ein wie in Eis, zerrinne haltlos zwischen ihren Händen. Sie sah, wie sie Stück auf Stück verloren hatte, unter dem Schmerzenston brach es zusammen. Sie versuchte nicht, sich zu wehren. Perlmutten flauschte im Mondschein ein Segel vorüber und rückte ins Dunkel. Zerfetzte Trümmer lagen um sie, was sie gesehnt, gedacht, begehrt im Blut . . . es knallte um sie zusammen.

Da erst, wie angezogen von der anderen Stimme, konnte sie weinen und je länger die Tränen über ihr Gesicht strömten, fühlte sie, wie in ihr die Verzweiflung

und das gierige Suchen brach. Sie fühlte sich elend wie nie, aber gleichzeitig verband sie ein Strom ungekannter Süßigkeit mit der anderen Weinenden. Es war ihr, wie, als sie erkannte, daß die Stimme versage, und jedes Leidende, jede Kreatur dicht ihr Herz berühre. Sie stand in einer wunderbaren Empfindung. Schon rissen die Wochen hinter ihr wie unwirklich und ihrem Wesen ungehörig sich ab und stießen ins Wesenlose. Aus der Tiefe des Elends aber zog sie ein Gefühl von einer ergreifenden Harmonie in die Höhe. Sie empfand, als stehe sie auf anderem Boden, wie plötzlich ihr Schicksal sich zusammenlegte mit Tausenden von Menschen, an die sie nie gedacht, daß ihr Schmerz sie erhob und verband, und daß, wie sie verzweifelt gesucht auf der Jagd und mit den greifenden Händen, in ihr lag mit einer stillen Verantwortung, die nichts übertraf. Sie sah die Welt plötzlich anders. Es stieg eine Kraft aus ihrem Elend, die sich in ihr bäumte. Ein Glücksgefühl überfloß sie. Demütig grüßte sie den Fall der Jetée, die Neigung der Berge, das träumerische Schleifen der Schwäne. Herauf kam der Kleinen Gesicht, aber die Schuld, die sie empfand, drückte sie nicht, sondern entflammte sie zur vollen Anspannung. Ihr war, als ruhe die Achse alles, was Hülfe bedurfte, in ihrem Herzen in dieser Nacht und ihr Herz drehte es in einem wunderbaren Stolz. Sie schaute lange unter der vorgehaltenen

Hand ins Wasser. Ein Gesicht kam zurück von der glatten Fläche. Sie schauten sich an. Dann ging sie hinein.

Sie hatte ein anderes Gesicht gesehen.

Sie ließ ihre Sachen verteilen. Jérôme sandte sie einen Ring. „Ay . . . ay . . .“ rief sie an der Gasse. Die arabischen Weiber küßten ihre Hände und Füße. Die Zofen kamen, nahmen. Die Bonnen gingen mit Ballen, zitternden Händen. Die Kostbarkeiten wurden versteigert. Die Depots sperrte sie. Die Spitzen rannen ihr durch die Finger. Eine frische stolze Hure in einem Kleid, daß ihrer Haltung zu gering war, zog sie aus dem Tanzsaal. Die Hosen, deren Plissees rauschten, in matter Seide zu Dutzenden fielen, durchfühlte sie mit der Hand, gab sie ihr. Mit jedem Stück, das sie verließ, schenkte sie sich zurück. Und die Wollust des Hingebens verband sie den Dingen um sie. Gebend lebte sie drei Tage und fühlte, wie unter dem Hinweggehen ihres seitherigen Daseins Freiheit in sie strömte.

Eine kleine Summe füllte sie in ihr Portemonnaie. Sie besaß einen Koffer noch und ein weiches helles Kleid aus indischer Seide. Sie schellte Marguerite,

die Manikure. Vor dem Spiegel die Figur und den Kleidschnitt abmessend, bot sie ihr den Tausch an. Die lehnte ab, da es zu kostbar war, errötete, ließ sich langsam zwingen, küßte Daisys Hand. Mit kleinen Sachen ging sie auf die Straße, gab dem, jenem, Frauen, Kindern. Es reizte sie nicht, zu wissen, wer es besaß, denn jede Tat der Entäußerung entlastete sie zu Glück. Sie beschäftigte ein halbes Dutzend Agenten. Ihre Pariser Wohnung ward verkauft. Pferde untergebracht. Möbel, Schmuck versteigert. Die Summen festgelegt, geschlossen. Selig fühlte sie alles entgleiten. Dem prächtigen Körper eines verlotterten Mädchens, dessen Anmut sie rührte, schenkte sie ihr Kleid. Sie stand in Hosen plötzlich am Badestrand abends. Verlegen ging sie in die Kabine, sandte ein Kind mit dem Portemonnaie zu der Manikure. Das Kind kam mit einem Kleid, brachte das Geld zurück. Sie zog ihr Armband aus, es Marguerite zu senden, runzelte die Stirn und blieb eine Minute in einem merkwürdig erhellten Zustand. Darauf schenkte sie es dem Kind für sich selbst. Küßte es, tief getroffen. Mit der Entledigung zog die Einsamkeit des Reichtums aus ihr. Sie besaß noch zwei Ringe. Einen warf sie den Schwänen zu, vom Geländer, abends.

Der vierte Abschnitt

Vierzehn Tage wohnte sie Mont Martre, stieg hinab zu den Hallen, nach drei Wochen war sie Mont Parnasse, geriet in ein falsches Haus; ein Kind fiel die Treppe herunter, sie nahm es hoch, es schrie. Ein Mann brüllte sie von oben herunter an, ging in sinnloser Wut auf sie zu. Sie strich das Kind über den Kopf, legte es der Frau an die Brust. „Verzeihen Sie“, sagte sie, schlug die Augen herunter und ging mit einer Stille, daß der Mann, verstummt, sie grüßte. Sie wohnte Rue Bonaparte, die so eng war, daß vor der Ecole des Beaux Arts nur eine Linie der Autos vom rechten zum linken Seineufer durchfuhr, und die ohne Pause zitterte. Sie bewohnte die Hotels am Boulevard Sebastobol, wo Huren und Apachen nachts schrien. Sie ging durch die Straßen, früh, mittags, die Nacht. Beim Löwen von Belfort sah sie Ringer und Stemmer in Trikots unter den Bäumen turnen. Kokotten pfiffen ihr nach. Rue Richelieu schlugen Huren sie nachts, weil sie glaubten, sie breche marodierend in ihr Männerquartier. Abends in der Olympia Bar fletschten vierzig Mulattinnen die