an, die Bernsteinkörper in seinen Augen ihr gegenüber erstarrten, sie ließ eine Sekunde schweben, dann sagte sie auf sein Drängen, wie er es wage, mit ihr zu reden, habe er doch Renée. Ihr Hochmut ließ ihn bei diesem Namen eine Bewegung machen, als lege er dies nebenhin als ohne Gewicht für sein Leben. Sie zeigte nichts, aber er strich sich damit aus ihrem Dasein. Aber Renées Geschrei machte sie müde am anderen Tage, denn sie tobte in ihren Zimmern, weil sie Léon liebte. Die Zarte irrte wie ein Vogel auf den Balkon gegen das Blaue und zurück in das Zimmer. Daisy sah sie lange an. Sie sagte kein Wort, gab ihr Geld und zwei Koffer. Am Abend ging sie zum Zug. Renée weinte gerührt an ihrem Hals. Als der Zug weg war, sah sie einen Männerschatten am Bahnhofeingang, sie nickte mit dem Kopf. Zu sich selbst.
Léon griff sie stürmischer an, befreiter, beim Segeln, auf den Quais. Sie bedeutete ihn ruhig, daß das Opfer, mit dem er sich brüste, ihr nichts bedeute, denn es sei eine Selbstverständlichkeit und ohne die kleinste Verpflichtung für sie. Sie kam mit Pony wieder und den Hunden am Abend die Anlage her, als die Rhône sanft, tiefblau vorüberströmte, schon die Dämmerung aufnehmend, während ihr Anfang noch biegsam und stählern mit den Schneebergen glühte. Léon flehte sie an, Pony zu verlassen.
„Gab ich nicht Renée?“ Es verstörte sie eine Sekunde,
an die Tänzerin zu denken. Doch glitt es schon weiter, hinter sie. Sie zog die Augen an, daß sie schräg standen.
Am Morgen war sie verreist. Enttäuscht von der Brust eines glatten Fischers kam sie von Beaurivage. Der Morgen fiel prall und von seraphischer Bläue in die Schwebe getragen auf den weißen Ufersand. Erstaunt sah sie Genf wieder auftauchen. In der Betäubung des irrsinnigen Suchens fiel Gelebtes sofort hinter sie, Leidenschaften verschwammen wie nie geatmet nach Tagen. Die Landschaft der Woche vorher, das Haus, ihre Gedanken prallten schon im Wesenlosen. Als Léon, die Hand am Steuer, den Großschot in der anderen seilend, in ekstatisch erhellter Nacht, in der der Mont Blanc wie ein weißer Ballon schwamm, schwor, Pony zu erschießen, wenn sie ihn nicht verjage, sein Auge den fiebrigen Wahnsinn bestätigte, wies sie ihn zurück mit Nein. Kalt vor Zorn verließ sie ihn über die Drohung, mehr voll Liebe zu Pony wie je. In dieser Nacht weigerte sich Pony zum erstenmal, sein gequälter Körper gab ihm Mut, den sein Geist nicht hatte. Sie sprang aus dem Bett: „Gut . . . du wirst Bonnen wieder haben.“ Am Abend kreuzte Léon Ponys Abreise, sie hatte ihn nicht begleitet. Er nahm einen Wagen, jagte. Er kam als Sieger. Auf dem Tablett kam mit ihm ein Brief, Daisy nahm ihn, als Léon eintrat und legte
ihn sofort wieder zurück. „Welche Eitelkeit in Ihrem Gesicht“, höhnte sie und wandte sich um nach dem Shawl und dem Spiegel. Bestürzt, zerschmettert kehrte Léon um. Am Ende des Zimmers hielt er, nahm eine Vase und schlug sie hin, blickte starr und ging hinaus. Daisy trat auf die Rampe des dunkel gewordenen Hauses, um das die Brust des Wassers langsam stieg und fiel. Sie pfiff. Zwei grüne Lichter bewegten sich auf dem Anlegeplatz, stachen ins Wasser, kamen im Bogen heran. An Léon vorbei, strich Jérôme in das Haus. Plötzlich hob er den wirren braunen Kopf und lauschte. Im untersten Fenster sang eine weiche berückende Männerstimme: „Andulko me dite —vy se mne libite . . .“ „Was ist das?“ frug Jérôme. Sie lauschte. Pony war zurückgekehrt. Sie lachte, zog ihn wie einen Hammel am Fell. „Einer der Hunde?“ frug sie ihn; er fletschte die Zähne. Sie bückte sich, hob den Brief auf. Die Schrift war von Syg. Sie ließ ihn in das pfaublaue Wasser hinunterflattern. Am Morgen brachte sie Pony selbst in die Bahn.
Ringe in Blumen . . . sie gab die Buketts, ohne sie zu sehen, dem Zimmermädchen. Ein Kreuz mit Ametyst auf Rosenholz, vom Athos, lag auf ihren Kissen. Ein Pferd stände bereit, schrieb man. Léon schmiegte sich manchmal durch die Dämmerungsschatten draußen. Eine Yacht trug ihren Namen am Lee unter dem Fenster vorbei. Eine kalte Verschwendung
trug die Luft jedem aus ihrem Leben zu, die erzittern machte, wer in ihren Kreis trat. Sie atmete, sah Augen, Tage, blaue Ausschnitte über dem Salève, kurz und farbig blitzten Blicke in ihren, schon entrann es zu anderem. Es floß zurück wie in einen Bogen, in dessen Kurve ihre Seele unermüdlich schwang. Irrsinnig eines Abends erstürmte Léon die Treppen, kam in ein Zimmer, wo sie las, streifte die Kleider ab. Sie eilte hinaus, schloß ab, klingelte. Er flehte. Sie wollte den Skandal. Dann überlegte sie, sie schloß einen Vertrag, legte ihm auf, daß er sie mitnahm auf die Gesandtschaft in Bern. Er kompromittierte seinen Namen, die Stellung. Doch er sah sie nur entfernt wie immer. Sein Diener erzählte ihm von dem Kreis und den Monden auf ihrem Leib, er ward ohnmächtig. Sie frug ihn nach seiner Arbeit, den Geheimnissen des Berufs, sein Leben. Seine Nägel ballten sich in die Handflächen, aber sie sah die geheimsten Akten. „Wäre ich eine Agentin?“ Er zuckte die Achseln, schon war ihm alles gleich. Seine Familie steckte ihn in ein Sanatorium. Er folgte. Vorher bestach er die Zofe, erhielt eine ihrer Hosen, schluchzend fuhr er damit im Zug. Er hatte sie nicht gehabt. Er hatte wenigstens dies. Am Abend spielte sie in einen Mann verkleidet auf einem Kostümfest, an den „Kleinen Pferden“, verlor, konnte nicht alles zahlen, bat ihren Partner mitzukommen. Er wartete
im Vestibül. Als sie die Treppe zurück herunterkam, erstarrte er. Sie kam als Frau.
Er neigte sich über ihre langen Finger. Wie sie in den Wagen stieg, sprang Jérôme hinter einem Busch heraus und schrie: „Hure“. Etwas blaß, unsichtbar durchglüht trat sie zögernd ein wenig zurück. Als sie ihn aber ansah, ließ er die Hände sinken, schlug sie um den Nacken und lief brüllend davon. Der Wagen rollte. Sie trat mit ihrem Partner ein Treppenhaus mit Marmor hinauf. Die rote Weste eines Dieners leuchtete hinauf neben ihr unter einem zehnkerzigen Halter. Die Fräcke im Saal glitten durch einen dünnen silberbläulichen Rauch, den der Atem des Tanzes und der Getränke schon zum Rausch gemacht hatten. Sie legte den Arm auf eine Schulter, der blasse Schein einer Nische umglitt sie. Ein Mund fiel auf ihre Achsel. Sie zuckte zusammen. Ihre Glieder wurden kalt und abwesend wie oft in unerklärlichem Wechsel. Sie starrte vor sich hin. Sie hatte einen Brief eingesteckt, als sie sich umzog. Es fiel ihr ein, sie öffnete ihn. Sie stand auf. Der Mann hielt sie. „Was?“ Ein verzweifeltes Gesicht krallte sich in ihr Auge. „Hast du mich nicht wahnsinnig gemacht?“ Sie schüttelte den Kopf. Sie hatte ihn kaum bemerkt, ihre Gedanken kreisten irgendwo entfernt, es fiel ihr nicht ein. Mitten im Saal schrie der Mann ihr nach: „Hure“ . . . Sie zuckte kaum