Zwischen orangenen Lampions drehten Matrosen und Mädchen. Als ihre Hüfte unter den anderen erschien und in der abendlichen Dämmerung in die Tanzschleife wogte, umgab sie Gedränge, Blicke, Augen. Ein großer Steuermann von der savoyischen Linie faßte sie, brach die Finger fast an ihren Korsettstäben. Sie tanzte mit starrem Blick, ihr Zofenkleid machte sie noch herber, sie bog in den Vorsaal. Er taumelte, fiel in das Knie, schäumte, erhob sich, sie führte, sie schwindelten, sie tanzten in den Garten. Er konnte sich nicht helfen und stammelte Flüche. Sein Kopf fiel auf ihre Schulter und er schlug sie auf den Arm. Sie ließ nicht nach, bis sie langsam mit zitternden Knien hineinging in den Dampf, der Mann besinnungslos auf dem Kiesbeet lag. — Ein Kolonialoffizier erschoß sich, einen Ring von ihr auf der Brust, durch den er die Kugel gesandt hatte. Kam sie mit hochroten Lippen durch die Rue du Purgatoire, ward der See eine Tönung blässer, der Montblanc steiler am Horizont. Die Augen der Männer wanderten ruhelos nach ihr. Verkleidet im Mannskostüm bei einem Ball jeute sie im Kursaal, trat hinaus vor die Schnüre von Lichtern, die die Fassade umlohten, ihr Blick tauchte in den eines ganz jungen Studenten,
er fuhr sie hinaus. Ihre langgeformten Knie, die eine wundervolle Sehnsucht in seine Seele zeichneten, verzückten ihn, daß er ins Wasser sprang und am Ufer schreiend davonlief. Sie ging mit zwei weißen Windhunden durch die Palmgefieder des Parc des Eaux Vives. Sie blieb stehen, kehrte langsam um. Auf einer Bank saßen Léon und Renée. Ein Zug seines Mundes erinnerte sie den Abend lang an Pony.
Sie fuhr zu ihm. Er hatte den Garten, den sie ihm geschenkt, geschnitten, begossen, bestellt. Ihren Namen mit Ranunkeln gesetzt, in die vier Bäume des Eingangs geschnitten. Auf der Höhe des Belchens ihr Wappen mit Steinen zusammengesetzt. All seine einsamen Tage erstanden als Monument seiner Liebe. Hinter dem Strohdach sank die Vogesennacht feucht und traurig. Sie stiegen hinunter am Morgen. Kuheuter und Wiesen rochen unter dem roten Mond, über dem Rhein lagen die Schwarzwaldtage mit silbernen Wolken. Über den Grat der Vogesen rollte die purpurne Kugel groß und träg.
„Hast du die Harmonika?“ Er nickte. Nur ein scheuer Blick nach aufflatternden Vögeln zeigte, daß er Sehnsucht hatte. „Ich schreibe deiner Schwester“, sagte sie am Morgen. Sie arrangierte ihren Hutkauf, sogar eine Stelle und nahm ihm mit einem Brief die große Sorge. Aus den Weinbergen glühte blau die
Sonne. Sie lockte unter seinem Fenster. Als er in die Hecke ihr nachstieg, ließ sie seine Lippen ihn aufmachen und legte ihm seidenschwarze Brombeeren eine nach der anderen in den Mund, der feucht und schmal und rot war. Seine Tierischkeit, die die einfältigen schönen Formen der Natur edel befolgte, gab ihr jeden Tag das Neue. Ringe kamen, Nadeln für ihn. Er spiegelte sich im Rücken seines Zigarettenetuis.
Er erbrach sich nachdem er zu viel gefressen. Sie saß an seinem Bett, er fürchtete sich vor dem Unbekannten, das ihm Leiden brachte, verehrte sie wie eine Mutter, indem seine Seele zum Schutz dicht an ihre sich schmiegte. Er tollte in die Gesundung, riß den Schwanz der Hühner aus, saß auf den Bäumen, ward traurig am Abend, wusch sich nicht, roch nach Schweiß und Erde, sie fand ihn schöner als je.
Sie bekam Sehnsucht nach Wasser, als nach einem Gewitter ein Bach neben dem Haus herabstürzte. Sie fuhren zurück, zusammen diesmal. Neben ihr zwischen den Hunden schritt Pony in weißen Hosen und Schuhen durch die Rue du Rhône. Er blieb am Geländer stehen, schaute träumerisch in den tiefblauen Schuß, der aus der Brücke kam, die Insel umrahmte und überschwungen blieb von unwahrscheinlichen Schwanenherden. Sie pfiff durch die Zähne. Zwei Passanten blieben stehen, sahen nach. An der Brücke flog eine Autotür auf, ein Herr, indem er die Kurve nahm, als
sause eine Kugel in einer gebogenen Schiene, starrte sie an. — Auf dem Balkon saß Renée im Lederstuhl, die Knie hochgezogen. Ihre Atropinaugen, tief untermalt, glänzten einen milden Schein, sie starrte auf Pony, flog darauf Daisy an den Hals. Der Abend schoß durch die Platanen. Renée legte die Gabel hin, kniff ein Fünffrancstück ins Auge, legte dem Kellner den Absynthstrohhalm über das Ohr und breitete die Arme aus. Pony sah auf das Wasser. Die Küste wich zurück. Schwärmerische Raketen überwanderten den immer neu geäderten Himmel. Ein Konzertstück wie eine rosa Wolke lag mitten im See. Auf den Fußspitzen wiegte Renée erwartend den ganzen Körper langsam über die Lehne, blieb einige Minuten von einem unaufhörlichen Zittern durchflossen. Plötzlich wühlte sie den Bauch in den Mondschein, bebte in der Wage der Hüften in einer pfeilschnellen Schwingung, tauchte aus dem Licht, fuhr mit einer kreisenden tollen überschwingenden Eile wieder hinein — dann kamen die Lenden in ein glücklicheres beruhigtes Schweifen, die Muskeln des Leibes ebbten zurück und wurden spiegelglatt, fast ohne Atmung. Sie tanzte nur noch mit den Knien, die den Körper in einem fast gläsernen Taumel ertrugen. Die Hüften malten sich unbeweglich und zart in die Schatten. Nur der Rock rauschte, Daisy preßte dagegen, sie schwangen atemlos, ihre Leiber bedeckten sich, sie küßten sich — „Warum brachtest du mich her?“ frug Pony
schauernd in ihrem Arm die Nacht. Sie lachte: „Reizt es dich nicht zu größerer Liebe?“ Sie zog ihn auf ihren Mund: „Pony.“ Er schloß die Augen.
Eines Nachts brachte sie von den Anlegeplätzen vor Versoix Jérôme mit, im Sweater ohne Kragen und Ärmel. Selbst wenn er flüsterte, war seine Stimme rauh und biß sich durch die Dunkelheit. Im Zimmer nebenan lag Pony, die Wand war so dünn, daß das Geräusch einer Fliege im einen Raum im anderen noch lauter scholl. Sie legte die Kleider langsam ab. Am anderen Tag mußte Jérôme sie rudern, hinaus, zurück, in die Rhône, um die Insel, dann immer um ihr Haus. Eine Kette von Schwänen verfolgte das Boot, ihre Weiße verblich am Abend mählich der Blässe ihrer schimmernden Haut. Sie sah immer auf Jérômes Nacken, wo die braunen Halsmuskeln wie Fächer zusammenschnellten. Abends ging sie einsam und allein nach Haus. Die Schwäne geleiteten sie noch eine Weile in der Dunkelheit am Ufer. Als Léon von der Gesandtschaft in Bern zurückkam, lag er verzweifelt im Boot vor ihr, berührte ihre Hände, ihre Schuhe. Sie schüttelte den Kopf. Sogar das Wasser erhielt eine Feierlichkeit und schäumte leicht in dunkler Erregung, wie sie mit langen braunen Beinen immer tiefer hineinstieg. Auf der Terrasse des Café du Nord ballte Léon die Hände und hörte auf zu atmen nach seiner Frage. Sie ging hinweg über Pony, schaute ihn einen Augenblick