Eine schmutzige Faust reckte sich in ihren Wagen. Sie nahm die Zeitung. Der Wagen stockte im Lauf eine Sekunde. Sie gab den Sou. Wieder spannten die Motore sich an. Sie las, ihre Lippen verzerrten sich. Sie verstand zum erstenmal. Ein maßloser Schreck, dann Zorn verdeckten ihr die Augen. Ekel schüttelte sie, daß sie die eine Hand mit der anderen festhielt und geschlossenen Auges zurück sich warf in das Polster. — Sie sah die Karikaturen auf den Parlamentarier, sah die Photos, die die Kinos von seinem Überfall her spielten, sie begriff die Verwechslung . . . die Folies Bergères trugen die Nummer in ihrer Revue. In der Ecke unten unflätige Telegramme, die er aus der Provinz, wohin er vor dem Skandal geflohen, gedrahtet. Sie biß auf den Daumen vor Schmerz, der Wagen rauschte in den Garten.
Sie saß auf der Diele. Das tiefe Fenster hinaus nach dem Bassin lag wie ein niedergelassener Vorhang. In der Tiefe des Gartens stand Pony und arbeitete. Seine Beine und seine trainierte Brust wiegten mit den elastischen Ruten der Büsche und Stauden. Der Abendnebel flammte den Geruch der Erde rötlich um seine Hüften hinauf.
Sie warf die Hände gegen die Brust und empfand
zum erstenmal, wie sie, gleich einem verlassenen Tier, allein sei. Sygs Zug glitt irgendwo in die Dämmerung und aus ihrem Leben. Sie blieb zurück, um eine Lüge beraubt, die sie sich vorgeredet jede Sekunde des Daseins und der Gegenwart der Schwester. Sie fröstelte. Jugend und Heimat fielen an ihr nieder, hart, als klirrten Ringe auf der Diele. Woran ihr Herz (sei es auch nur wie ein Traum) und unwissentlich trotz des Hasses gehangen, nun lag es nackt verschwunden. Mit kaltem Grauen empfand sie die Einsamkeit, aus der die zarten Gefühle weggeschwungen. Einsamer und verzweifelter schluchzte sie auf als jede Stunde, die sie gelebt.
Es kam ihr, wie lind es sei, wenn sie weinen könne. Aber sie konnte es nicht.
Es genügte noch nicht.
Sie fühlte sich frei und verantwortungslos mit einem Male. Aus der Tiefe des Blutes kam ein Strom, der sie zu einer Unbedingtheit zwang, deren zügelloses. Streifen sie zu Gelöstheit erhob, die den Atem benahm. Die Lippen bebten übereinander. Nichts hielt sie, bedingte ihr Tun, gab Verantwortung für ihre Handlung. Mit einer zerstörerischen Wollust empfand sie ihr Ausgestoßensein, das ihr eine Kühnheit verlieh, die sie fast berauscht empfand. Nun trat Pony aus dem Dampf ins Helle. Sie begann zu winken. Das Fenster lag wie eine aufgeschlagene Terrasse in dem
Garten. Tritte schlichen herauf. Dogo schrie in seinem Ring und stieß die Flügel gegen die Wand, als zerbräche er Glas. Sie stand auf.
Zwischen dem dritten und vierten Tanz hob die Kleine, die zwischen den Stühlen schaukelte, stehend die Hand nach der Seite. Daisy ging hinüber. In der Toilette brannte eine weiße Flamme. Sie hob den Schleier, zog Rot über die Lippen. Im Spiegel sah sie die zögernd Eintretende. Ihre Augen trafen sich in dem Glas. In dem Gesicht der Tänzerin ging ein Schreck auf, sie flüsterte etwas und glitt zurück. Daisy ging zu Léons Tisch hinaus. Beim Hinausgehen fragte sie den Kabarettportier nach ihrem Namen. Sie bestellte sie in das Hotel. Sie kam und bat, zart wie eine Libelle, daß Daisy ihr den Mann nicht nehme. Sie sah zitternd auf den gefalteten wollüstigen Mund der Frau vor ihr. Daisy nickte gleichmütig, prüfte sie mit einem Blick, schenkte ihr Strümpfe, Hosen, Dessous. Oft, wenn sie abends frei war, kam Renée herauf, ein Band umgab sie. Bald hatten sie kein Geheimnis. Daisy wußte jede Bewegung des Attachés, seine Lieblingsworte, seine geheimen Sätze, aber es reizte sie nicht. Sie fuhr mit Léon baden, sie stieg in das Wasser, das ihren Körper aufsog; ihre Haut aus dem Wasser
heraus selbst trübte ihm die Augen vor Erregung. Auf der Rückfahrt suchte seine Hand nach ihrer. „Das andere Ufer“, kommandierte sie, er mußte wenden. Sie ging am Abend mit Renée in den Florissant.