Sie ward seine Begleiterin, nichts geschah ohne sie. An Betten, bei Kranken war sie hinter ihm. Sein Ausdruck flog ihr an. Mit seinem Wort gab sie Erhebung. Sie stand unsichtbar, ein sorgender Schatten, vor seiner täglichen Existenz. Sie wies Renée aus dem Zimmer, die mit den Waden nach einem Literaten kokettierte, die Stunde störte, wo er sich gab. Sie stand an der Wand, las er seinem Publikum, Russen, Kranken, Bettlern, Studenten. Ihre Seele schwang mit, glühte fromm mit seiner, pries er das Unglück, das tiefer forme, Hunde inniger, Pferde schöner mache. Sie bewunderte ihn, wie er gab, schenkte, sich teilte und verdoppelte mit einer Freude, die seinem Gesicht nie die weiche Erfülltheit nahm.
Sie strebte, ihm zu gleichen.
Sie warf jeden Gedanken aus dem Hirn, der von seiner Richtung abwich, kasteite sich, übertraf eine Stunde mit der anderen. Sie gab das Letzte, was sie trug, den Ring an Ly, die ihn bewunderte wie eine Legende, ihn vor Freude in den Mund steckte, darauf biß und ihn fast verschlang. Sie begleitete ihn zu Guigui, sprach mit ihr hinter dem Gitter des Gefängnisses, vergaß nicht den Zug des Rehhalses am Eisen, kam über die Korridore mit ihm heraus und begann, als die Sonne herabströmte, zu weinen.
Doch die unbewegliche Güte seines Gesichts brachte sie ins Gleichgewicht zurück und sie vergaß die Auflehnung und den Druck, mühte sich stark zu sein, ihn zu übertreffen.
Sie mogelte Geld in seine Kasse, hungerte um ihn, kürzte den Schlaf, brachte ihm Menschen, die sie instinktiv auflas, in seinen Abend, gab ihm, wenn sie beschwingter ihm folgten, einen Wirkungskreis, der öffentlich ihm fehlte, da er Elend lobte.
Sie sah ihn, Vorbild, gerührt ins Letzte, den Vorschuß des Café-Konzert an ein Kleid Renées geben, Essen für Guigui. Er speiste auf einer Bank im Monceau, damit sie nicht sah, daß er trockenes Brot aß. Sein Bett lieh er aus, blieb die Nacht im Stuhl. Er sprach freundlich zur Concièrge, obwohl er wußte, daß sie seine Manschettenknöpfe stahl. Lächelte, als das Sopha unter ihm brach. Ging still neben Ly, ohne Protest, als sie unschuldig wegen des Ringes als Diebin abgeführt ward. Sie sah mit einem schaudernden Mitleid, wie er sich verschwendete, Unfruchtbares tat jeden Tag, ohne Tat und Ziel, das half, wie er Hohn bekam, belacht, verschimpft ward, aber unrührbar blieb in seiner Weise.
Die Liebe aber zu seinem Vorbild wuchs daran über jeden Begriff, wuchs an jedem höhnischen Lächeln, das man auf ihn zielte. Bedenkenloser stellte sie sich vor ihn. Sie suchte noch mehr, ihm alles leicht zu bereiten.
Sie sah, wie er sich quälte, das neue Schattenspiel zu stellen, Ordinäres und Geistloses aus den Tageskämpfen zog, Unterleib und Hirn des Pöbels zu reizen, um so die armseligen Sous für sein Leben zu gewinnen, die er doch wieder weggab. Und schien ihr sein Kampf verfehlt und schlecht eingesetzt am ungünstigen Hebel in mancher Sekunde, so schien die Stärke, die ihn überwindend führte, doch ungeheuerlich im Großen, daß sie über alles hinweg sich diesem hingab, restloser bemüht, zu sein wie er, Übel zu vergessen, Trost zu geben, ihm Stütze zu sein. Sie überwand sogar, was schwerer schien wie das andere, was ihr Geist vollbrachte, sie überwand ihren Körper. Holte Leder und Federn, übte die Tänze ihrer Heimat, deren Bauchkonvulsionen hinrissen, um seine schwache Nummer zu stützen und gab ihren Leib den geilsten Blicken.
Aber ihr Hirn erreichte selbst in der Opferung kein Glück.
Sie konnte, wo er sie gelehrt, tiefer zu schauen, die Abgründe nicht mit ihren Händen zusammenschweißen, die aus der Not verfluchter Zeit und dem Zwang, sie zu lindern, sich ergaben, und Dienen und Helfen schlugen ihr gleich Gewichten aus der Hand, wenn bei aller Hingabe keine letzte Befriedigung kam.