Sie blieb allein. Lief durch die Gassen. Erbleichte unter seinem Anblick, schloß sich ihm demütig an. Sie kamen ins Café, als Ly von einem Krampf ergriffen

auf dem Rücken lag und schrie. Philippe ging auf sie zu und, indem er die Hand ausstreckte nach ihrer Stirn, gelang es, daß sie beruhigt aufstand. Daisy neben ihr auf dem Barstuhl. Renée verkaufte sich einem blassen Deutschen feilschend um ihre Taxe: hundert Sous. Sie frug nach Luison. Achselzucken. Sylvie, die mit einem Amerikaner zog, der ihr Opium ins Gedärm gab, eh er mit ihr schlief . . . „May?“ „Die Krankheit.“ „Riette?“ „Die Krankheit.“

St. Denis.

Das Wort schlug wie ein Hammer sekündlich in ihre Seele. Verheerte, verwüstete sie, trieb Wut heraus und Auflehnung, bis sie flammte. Schlichtete ihr Glaube sich an Philippes Nähe sanfter und demütig, ein jeder Besuch, ein jeder Tag rieb sie an der Unvollkommenheit, dem Irrsinn der Welt. Bald sah sie nur noch so, daß sie Kontraste maß, Distanzen spürte, das Riesige, was die Menschen schied und sie unglücklich machte, nur als geringe Strecke, als kleine Unterscheidung empfand und unverstehend blieb an der Hartnäckigkeit, mit der gestempelte Dummheit das Glück hintertrieb.

Samstag verschwand Renée, sie sah sie nicht wieder. Abends brach eine kastilische Mimi zusammen, spie das Lokal voll Blut. Man warf sie in einen Karren, er rollte los. Herauf schwankte ein Beerdigungswagen, ein Auto mit bemalten Kokotten schnitt die Bahn.

Da fiel sie ohnmächtig zurück, wie vom Blitz zerschmettert von dem einstürzenden Gefühl der Unzulänglichkeit ihres seitherigen Lebens.

Die Nacht kam sie zu Philippe. Er hatte die Augen weit und sehnsüchtig auf sie gerichtet, wie sie, das Licht über dem nackten Arm, hereintrat. Sie ging bis an sein Bett, kniete auf das Holz. Sie neigte sich zu ihm, und es fiel ihr schwer zu sagen: „Wäre es nicht schöner, Philippe, du hättest Ly geholfen, statt mit ihr zu gehen?“

Er schwieg.

Dann sagte er: „Ich kann nicht bestimmen, auch du nicht, was ihr Glück ist. Aber ich suchte zu helfen, als sie litt.“ Es gab für ihn keinen anderen Weg.

Sie ging, sagte nie mehr ein Wort. Von ihrem Gesicht nahm stets sein Auge die Auflehnung hinweg.