seines Lebens das ihre bedränge und daß sie sich zerstöre und fessele, lebte sie weiterhin wie seither. Sie verstummte verzweifelt. Sie empfand zum ersten Male die Ungenügendheit der Menschen, in denen die Führer taub und falsch gerichtet lagen und an denen zerbrach, was glühte.
Sie tanzte mit einem Lächeln, das sein Gesicht nicht ausließ, steigerte sich zu den schamlosesten Gebärden, hob Bauch und Schenkel, daß nichts ihr blieb, alles ins Publikum fiel an Reiz und Erregung ihres unbegreiflich schönen gebogenen Körpers. Während ihre Füße in Unzucht gingen, lobte ihr Mund nur sein Gesicht, forderte ihr Auge sein Lächeln.
Sie sammelte, durchbrach die knatternden Applause, stellte den gehäuften Teller vor ihn, strich über seine Hand. Ging.
In seinem Zimmer begann sie zu schluchzen. Sie sah sich um, verließ es.
Sie lebte vor Cafés, auf Imperials. Lebte Rue Richelieu, Rue Bonaparte. Kam Quartier Ternes, fuhr auf einem Karussell mit Affen am Etoile. Glühender Scheibe gleich sauste der Kreis des Daseins vorbei. Sie blieb draußen. Atemlos. Ohne Besinnung. Die Zähne aufeinander. Ohnmächtig Knie an Knie. Immer wars, es stürze wie über Terrassen das Gesehene und Erlebte ab von ihr. Ihre Verzweiflung trieb die hellsten Tage zurück. Der Papagei der Savoyardin
im Luxembourg, der sie kannte und liebte und dessen Hals sie kraute seit Wochen in schöner Zärtlichkeit, rieb den grünen Kopf an ihrer Hand. Sie sah ihn nicht. Sie fuhr nach St. Germain. Vom Imperial brach die Stange vor der Station, ein Latschmützer sauste ab, hielt sich, stürzte eine alte Frau auf die Chaussee, sie brach die Beine, schrie aus kreisrundem Mund „Adolphe“. Kondukteur und Arzt herbei, der Apache bestach, blieb an der Ecke, höhnte: „un plomb“, der Schaffner warf das Bleistück wütend auf die Erde, ging mit roten Fäusten auf die Apachen, die die Zigaretten in den anderen Mundwinkel steckten, ihn über einen Zaun schmissen. Der Arzt reinigte sich, unter Gequietsch rollte ein Handwagen mit der Frau ab, die Männer sagten „merde“, schlenderten weiter. Die Vögel sangen toll. Aus einer blauen Woge trieb sich der Park gleich einer Wolke heran und stand zitternd in der duftenden Luft. Der Wind wogte golden um den Hochstieg der Sonne. Die Boskettes fluteten vor Licht. Sie nahm eine Bank. Hinter dem Brunnen ward der rote Strumpf eines Mädchens deutlicher, stieg, die Hand eines Mannes hob, der Rock flog auf wie ein Pfau. Als die kristallene Abendwölbung kam, hing eine rote Windfahne über dem Schloß, ein Mandelbaum, der fast weiß ward vor Hingabe, roch wie im Traum.
Frierend fuhr sie zurück.
Wohnte Trocadero, sah Flugzeuge silbern am Himmel surren. Rue du Château d’eau schlief sie bei der Concièrge, spielte abends in Porte St. Martin. Stand mit Heiligenbildern vor St. Sulpice. Wohnte Porte de Bercy, Bois de Vincennes. In einer Gärtnerei Neuillys goß sie Blumen, hütete ein Kind, bis es schrie und lief unter dem Schreien plötzlich davon. Stand fest vor der Porte Maillot mit „Intransigeant“, „La Presse“, empfing das Trinkgeld der Soldaten, hielt unter den Wasserpalmwedeln durchsausender Automobile, spielte Karten mit den Zollwächtern der Barrikade. War eine Negerin im Odeon, entblößte den Bauch und schwang ihn wie ein kupfernes Schild zwischen den zärtlichen Hüften. Hielt Narzissen in einem Kiosk der Place des Vosges. Stand auf dem Wagen der demonstrierenden Studenten der juristischen Fakultät, umbrüllt von Jugend, Benzin, Fleisch. Verkaufte „Les Trois Couleurs“, mit denen der „Matin“ den Deutschland-Frankreich-Rekordflugpreis des „Journal“ bekämpfte. Wohnte Rue St. Jaques, die barock vom Panthéon steil und dämmerig zum Boulevard de Port Royal steigt. Sah Madeleine aus einem Auto, verhüllte ihr Gesicht. Fiel zurück in das Getriebe, sah Gare St. Lazare die Auslandszüge über den starren Friedhof brausen, drückte Blériots schwielige Faust. Stieß im Louvre auf Guigui, die mit schwarzem Lorgnon, elegant gekleidet, an ihr vorbei auf einen zottigen Rumänen sich
lanzierte. Sah die blauen Monde elektrischer Laternen die Sommernacht der Boulevards schwärmerisch durchschwimmen. Wohnte Tuilerien zwischen Hecken und Marmorbildern. Kam in ein Musikcafé, eine Geige riß ihr ins Herz, löste sie wundervoll auf und zog aus dem Verschütteten mit dem schon über das Menschliche hinausgehenden Hinreißenden ihrer Stimme sie in die Höhe. Sie ging hinaus, begann zu weinen, kam auf die Bahnhofsbank des Boulevard Montparnasse. „Kommen Sie“, sagte eine Stimme hinter ihr. Durch Tränen sah sie den Mann, der im Café Cluny neben ihr die Zeitung gelesen, ihren Kaffee bezahlt hatte. Atemlos nahm sie seinen Arm. Da sie ausgedurstet war nach einer menschlichen Stimme, wäre sie gefolgt, wäre sie rauher noch und befehlender gewesen wie diese. Verscholl.
Aus den Sonnenblumen des Rangunschen Weibergemeinschaftshauses brechend, schlug Stefan ihr die Arme um den Hals von rückwärts, drückte, schob einen Knebel in ihren Mund, warf sie auf einen Gaul, das Tier lag in den Knien, ein anderer Pferdekopf schob sich vor, sie war frei, da rasten die Gäule, eine Hand riß ihren Zaum. Sie ritten die Nacht durch. Ihre Augen zählten die Äcker, sieben Bäche, sie lauschte. Geräusche. Alarm. Wasserzüge leuchteten Metall.