windgestrählten Sonnenblumen trat Stefan. Sie sah über ihm die Katastrophe. Was galt Überlegung vorm Tod. Es flog aus ihr, bedingungslos, hinweg.
Sie grübelte den Abend, die Ausnahme drückte sie. Sie maß ihr keinen Sinn zu. In der Nacht wurde sie riesig: Es kam nicht an auf die Größe, nur auf den Sinn. Da sprang durch die Portiere der Windhund, den er ihr geschenkt, weil er ihn liebte, den sie zurückwies aus Rührung. Der schmale lange Kopf strich an ihrer Wange. Sie hielt, was Güte an Stefan sie fesselte. Kein Gedanke quälte mehr. Im Halbschlaf gegen Morgen fuhr sie auf. Ein Mensch litt um sie. Sie ertrug es nicht. Schleifte den Hund aus dem Nebenzimmer herein. Der Hund genügte nicht mehr. Sie schwankte, ging herum, besah ihr Ohr im Spiegel, pflückte Glyzinen am Fenster, bückte sich, wechselte die Farbe. Stieg die Leiter zum Bad hinauf, drehte ab, kam herunter, atmete, sah in den Park. Legte sich nieder. Erhob sich, packte einige Dinge in einen kleinen Koffer. Ging an die Portiere seines Zimmers, sah ihn schlafen, schwer, fest, Mücken um seinen Kopf. Sein Schicksal, das er kindlich nahm, wühlte sie so auf, daß sie erbleichte. Als er erwachte, konnte sie nicht vermeiden, vorzutreten. Als er den Arm reckte, war seine Not eine Sekunde so groß, daß sie ihn nicht verließ, hineinging wieder in sein Schicksal. Als sie erwachte in
seinem Arm, hob sie den Kopf, lauschte, bog die Brust aus seinem Muskel, glitt herunter, sah zurück. Sah nichts mehr als das Unrecht, sah nur den Gefangenen, der litt. Nahm das Gepackte. Hörte einen Wagen in der Nacht rollen. Holte ihn ein. Kam in das Dorf, in die Stadt. Schrieb ein Telegramm, das Le Beau befreite. Hob die Brust, nun atmete sie sicher, sah zurück aus dem Wagen. Konnte nicht anders. Das flog nun in die Luft. Vorbei. Es mußte sein — und getragen werden. Von beiden.
Der Wagen kam an eine Barriere, einen Bach, einen Fluß. Der Motor stockte. Am Mittag saß sie in der Nische über einem kleinen See. Die weißen Hotelwände prallten von Sonne . . . Sie denkt: Nun ist Le Beau frei. Er fragt: durch wen? Sieht die Depesche. Weiß: durch sie. Macht sich auf. Noch einmal fliegt seine Stunde. Das Auge blitzt vor Geist. Er fragt sich durch, beschäftigt Menschen. Er kommt an das Hotel, fordert. Sie will auch ihm dienen, seiner Enttäuschung sich unterbreiten, dem Geschlagenen nah sein . . . Ein Raum schiebt sich zwischen sie und den See. Sie schaut durch die geschlossenen Lider. Sie kommt gegangen über die Terrasse, geht durch das Zimmer des Ahnen, öffnet das Schiebfach, hebt die
Kerze hinein. Sieht seinen Kopf, beginnt zu weinen. Eine Stimme aus dem Dunkel: „Ist es Sommer?“ Sie ist tapfer, sagt hell: „Ja, Claudius.“ Sie fährt mit der Hand über sein rötliches Haar: „Ché . . . mon ami . . . ché . . . doudoux.“ Er lächelte: „Mit Gewalt macht es der andere nie.“ Sie sagt: „Ich befreie dich.“ Sie kommt mit einem Dolch, versucht das Fenster aufzubrechen. Unmöglich. Sie nimmt den Spaten, gräbt ein Loch von außen. Da steht Stefan im Fliederrondell, die Brust leuchtet phosphorisch, die Augen geschlossen. Sie stürzt in sein Zimmer, er liegt, schläft. Sie beißt die Zähne, zurück, stößt das Messer ins Schloß, das wie ein Kuhmagen gefächert ist, die Spitze bricht ab. Er ist bleich, lächelte aus dem verwüsteten Gesicht. Sie schreit laut: „Ich befreie dich.“ Er lächelt mehr: „Das sollst du nicht.“ Fast in der Ohnmacht fragt sie: „Was . . . was kann ich tun?“ Sie ist außer sich. Sein Auge schließt sich:
„Denk an mich.“
„Ja.“
Es gelang. Pappeln gigantisch reckten sich vor bleiernem Himmel, Duft der Syringen lüstern auf die Terrassen gestreckt, sie kam aus Gebüsch. „Traurig?“ „Nein, da du mich liebst.“ Sie beginnt mit den Drähten, arbeitet eine Stunde, es ist der letzte Plan, in der Pause erschöpft: „Daß du so leidest.“ Er hebt die an ihren Händen verkrampften Augen: „Leide
ich, wenn du mich liebst?“ Sie beginnt wieder, steif vor Verzweiflung. Sie schafft eine halbe Stunde, Uhren schlagen, der Haken faßt, es gelingt die Flucht. Ein Gewitter bricht über den Wagen, weiße geballte Kugel saust überm Himmel. Nun sind sie vereinigt. Sie haben ein Haus. Fischerboote laufen unter ihrem Fenster, Motore überspielen delphinisch die Bucht, der Fjord wird größer, schlägt sich auf. Sie sehen sich an. Wochen, Monate. Sie gibt sich jedem Druck seiner Seele, scheucht das Gewesene, Trauer fällt ab, Stille umgibt sie. Atmet er ruhig, beglückt sie es, streift seine Hand sie, fühlt sie sein Glück. Eine Nacht wartet sie auf ihn. Er kommt nicht, sie wartet die Minuten, Stunden, zählt die tickende Uhr. Am Morgen erscheint er Sie ruft: „Deine Frau?“ Er winkt ab. Sie ist erledigt, kein Gedanke streift sie. Aber der Schatten gräbt sich in ihre Seele. Sie übergeht ihn. Im Unterdrückten wächst er. Sie bekämpft ihn. Sie hat diesen befreit, will ihm Jahre ersetzen, Glück, das er Jahre erstrebt, bereiten. Aber ihr Herz leidet mit der Verstoßenen, sieht den Ring im Traum an Claudius Hand vor der Demonstration, schreit im Schlaf. Sie kann nicht leben auf Kosten der Frau. Aber sein Gesicht ist heiß, beschwört sie, fordert Liebe. Sie lächelt, gibt ihm aufmerksamer. Doch er will mehr. Er will das Strömende, nicht das Bewußte. Nicht das gut Gegebene, will den freiwilligen Akt. Sie sieht auf
ihre leeren Hände. Sie hat es nicht, verstellt sich, macht, als seien sie gefüllt. Allein er sieht ihre leeren Hände, schreit verzweifelt. Sie hört den Ton, er reißt den Raum weg.