Abgemühte ihres Geistes Essen erhielten. Gab Raffaeli das Schloß, bog den Rausch des alten Vaudreuil ein in den Sinn ihrer Existenz. Warf die Schatten der Frauen hinaus. Geschlagene ihres Schlachtfeldes gingen auf den Terrassen. Sie selbst sah es nie mehr. Studierte die Krankenhäuser großer, kleiner Städte, machte eine Tabelle, zog eine Gleichung, ward nachdenklich. Machte Verzeichnisse, wog ab. Gab unter der Boulmichlaterne einem schmalen Dichter aus Renées Genfer Kabarett zwanzig Francs, traf ihn die Nacht mit Mimis im Absyntherausch, traf ihn wieder Rue Guijas, schlug ihm Geld ab, gab Anweisung auf Brot: „Schwärmen Sie, ich bin nicht Pedant. Aber essen Sie, damit Sie tauchen.“ Raffaeli schluckte, errötete, schloß die Augen zum Schlitz: „Verzeihen Sie wegen der Förderation.“ Sie schlug einen Kreis um das Grab Di Contis, befreite. Sprach mit einem Sergeanten, ließ ein Haus reinigen, gab es einem Balten, machte damit eine Kulisse, brachte die Häuser an sich, besiedelte sie mit seinen Leuten, armen Menschen. Empfing, ließ gehen, erhielt, gab aus. Reiste, erschien wieder, blitzte auf, verscholl, kam mit neuem Plan, dichtete das Netz. Hatte einen Reiz auf Menschen, der unwiderstehlich entzündete, gierig machte, umschlug, die Augen veränderte, das Leben. Tätig machte mit ihr, fortzog, dienend, hochmütig vor Verantwortung. Reiste nördlich. Zog am Todestag Contis die Liste heraus. Verglich, zeichnete,
ging ans Fenster, sah die Maste und Schorne steif nebeneinander, ein Wald gereckt. Schloß die Liste. Legte den Kopf zurück: Fast erreicht, fast erfüllt.
Gab sich der Ruhe hin, Tage, Wochen. Lebte, gab sich preis dem Hafen, dem ungeheuer Kommenden, Gehenden. Fühlte den Herzschlag des Bodens, Wiegen des Horizonts. Mit den Schiffen ging sie hinaus, kehrte sie voll zurück. Traf ein kleines braunes Kind, das die Antennen eines Dampfers visierte, wo die silbernen Sonnen der drahtlosen Netze blitzten. Nahm es mit, badete es, legte es zu sich, hörte die Nacht wieder Herzschlag an ihrem. Wachte, ward nachdenklich, suchte die Gleichung, die Tabellen. Fuhr hinauf über Christiania, fahles Licht prallte ihr entgegen. Die Schiebetür des Lazaretts tat sich auf. Sie sprach den Arzt, die Brillengläser standen scharf auf ihr, er prüfte, legte beiseite. Sie blieb ein paar Tage. Ihr Zimmer stand leer. Andere Pläne umgaben sie, andere Pflichten. Sie blieb dennoch. Sie war nicht draußen nötig, hatte erfüllt, was ihre weibliche Kraft konnte: angeschmiegt an die Aufgabe, diese vorwärts getrieben unhemmbar. Sie kleidete sich um, schritt hinunter zum Saal: „Ist Naga hier?“ „Nein.“ Am Morgen trat sie in das Zimmer des Zigeuners. Er starrte schweigend: „Durst.“ Sie brachte Wasser. Er schiffte in die Wanne. Sie schöpfte sie aus. Grinsend ließ er seinen Darm hinein. Sie legte die Glocke ins
Wasser, sog den Schlauch an, ließ altes Wasser heraus, neues hinein. Er lallte einen Fluch. Die Zunge gehorchte ihm nicht mehr. Er sprach undeutlich. Sie ging in Nagas Saal. Daß sie fehlte. Gut . . . wie schön, das Leben heiter und reizvoll zu nehmen. Der Fiebernde zog an den Lidern. Sie gingen nicht mehr auf. Dunkelheit immer um ihn. Keine Mutter am Bett. „Deine Mutter?“ „Tot.“ Ihre Hand auf seiner Stirn . . . er erkannte sie. Licht ging hoch auf seinem Gesicht. Unruhige Schatten schwankten, wenn sie sie löste.
„Sie . . . da“, des Predigers Auge irrte unstät von ihr zum Fenster. Er sah die Welt hinter ihr, roch sie in der Luft, die sie noch umgab. Ein Bogen schlug sich von ihrer Schulter übers Meer: dort die Welt, unmeßbar gepreßt, verführerisch, sein Schicksal! Haß kam in seine Augen, brannte auf sie. Sie neigte sich zurück: „Glauben Sie es immer schön . . . leicht?“ Er wollte es nicht hören: „Nur dort sein.“ Sie lächelte: „Und dann?“ . . . . . . . . . . Weiter. Auf und ab die Räume. Blicke gebannt an ihr . . . . . . die Hitze kam. Der Wind ihres Atems brachte Ergebung, Ruhe. „Wasser“, sie eilte, kühlte, verband. Wie leicht das Schwerste zu tragen, stand sie daneben. Welches Glück im Verzweifeln, sah man sie nur fern. Sie teilte aus, schlichtete, sprach zu, freundlich, unbewegt auch durch Trotz, Feindschaft prallte ab, ward Neigung. Die große Schwester kam in der Tür mit ihr zusammen.
„Verzeih,“ sagte sie, neigte den Kopf, „daß ich deine Instrumente einmal beschmutzte.“ „Schon damals verzieh ich.“ Die Schwester küßte ungeschickt nach ihrer Hand, traf sie nicht, sondern die Klinke. Aus dem Garten ein Zug . . . ein neuer Kranker, den Blick wie ein Fisch, resigniert ohne Kampf — — — unmögliches Dasein. Sie stachelte ihn auf, zeigte ihm täglich das Neue, Buntes, geliebte Landschaft, Bilder von Karussells und Kirmis. Seine Sehnsucht wuchs, stieg, ward tödlich. Als sie vorbei war, gefestigt in dem Überwundenen, hatte er Heiterkeit. — — — Sie machte Schaum aus Soda, Schmierseife, heißem Wasser. Tag auf Tag beginnend mit Schüssel und Schüssel . . . trotz der Hitze sangen die Matrosen: „Es kommt Gewitter.“ Sie sagte es zehnmal, jedesmal mit erneut gesteigerter Kraft. In der Unmöglichkeit wuchs der Glaube nur stärker, verbreitete sich, trat aus. War das Haus eine Kasematte schmelzenden Bleies in weißer Hitze, lauschten schon halb erquickt die Insassen dem Regenfall, den sie versprach. Der Glaube der Männer stieg, stand in dem Raum wie eine Wolke. Der Blick des Predigers traf sie, erstaunt, ohne Haß. „Ich sollte nicht Kraft haben, zu dulden, wo Sie Ungeheures vermögen?“ Sie schnitt ihm das Fleisch, legte die Messer hin: „Wie gering ist das alles.“
Nachts beim Füllen des Wassers fiel sie ohnmächtig um neben der Wanne des Zigeuners. Sie sah auf,
erwacht. Die große Schwester drückte ihr ein kaltes Wasserkissen auf die Brust, schielte mit den Augen zwinkernd nach der Seite, ein noch nie erblicktes Lächeln um den harten Mund. Der Zigeuner saß in größter Erregung. Er hatte geschrieen, jetzt beruhigte er sich. Als sie allein mit ihm war, stammelte er, Sprechens kaum mehr fähig: „Die . . . vorher . . . schlug mich.“ Er tanzte im Wasser auf und ab. Die Angst, sie zu verlieren, löste ihn. Er schlug in die Hände: „Bitte . . . bitte . . .“ Dann schwieg er.
Der letzte Sieg. Auch diesen halbverfaulten Kretin, der vor Bösem strotzte, überwand sie.
In diesem Augenblick fühlte sie verzweifelt, daß etwas fehle. Schwer atmend ging sie durch den schwülen Raum. Die Luft vor der Küste war zusammengezogen von silbernen Nebeln. Die Erde, aufgetan, dampfte zarteste Glut. Sie ging, erschrak, öffnete sich mit maßlosem Entzücken: das Meer. Es lag hinter dem Schleier, schlug groß und dumpf. Ein Vogel flog auf, stob über den Boden, setzte sich wieder. Sie erreichte ihn. Er flog zur anderen Seite, wischte den Nebel zu großen Strudeln. „Rype“, rief sie ihm. Ein Hase mit hell leuchtendem Pelz. Der Bach geschliffen, stählern. Langsam das Rauschen einer schwimmenden Otter wie aus der Ferne. Die Gegend ging heller, von seinem Dunst ins Gespenstische zugezogen. Möven schlugen sich hoch. O Möven. Der Mond fiel platt