Aber erst der Saft der Erde, aus der sie kam, durchdrang sie neu, strebte ihr entgegen. Kräftigte sie und machte sie schön, glühend, auf langen Beinen die zarterhaltenen Brüste, der wilde Zug um den demütigen Mund, die heißen großen Lippen: daß sie die Stärke habe, tätig und unermüdlich wachsend und handelnd zu warten, Di Contis Vermächtnis erfüllend, daß irgendetwas, Erdbeben, ein Komet, die faulige Erde (geschminkt zwar und kokottenhaft noch lächelnd in ihrer Raserei), durchwühle und stürze, daß Schicksal sich balle und sie selbst zurückkehre, die Maschine zu entfachen in den großen Kreis der Tat, gespeist aus dem Atem ihrer Jugenderde zu Mut und unentspannbarer Dauer.
Ein Mittag scholl. Klippen. Der Lorenzo. Möven in Spiralen durchwälzten die Luft. Kanonen brüllten. Der erste Halteplatz kam. Sie raffte die Plaids. Langsam zählte sie die Koffer, etikettierte, ging über den Steg ins Boot, ans Land. Das Gepäck häufte sich um sie in der Morgendämmerung, noch grau unter Bäumen. Ein Park von Wagen scharrte um sie. „Hinweg . . . hinweg —“, ein Diener stieß sie an, rief einen Namen, rief den Namen, rief ihn dreimal. Hinter ihr Kommende drückten, kamen vor sie, verdeckten. Da dienerte ein Neger. „Nein.“ Er lutschte die Zunge zurück, steckte die kleinen Finger in die Ohren, wiegte auf den Beinen. Über ihrer Achsel schwebte etwas, ein Eselmaul schrie, den Hals hoch neben ihrem Ohr.
Etwas fiel vor ihr hin, als klatsche ein nasser Fisch auf Stein. Sie bückte sich, faßte ihr Paket, sah rasch auf. Ein Schatten blitzte vorüber. Sofort schloß sie die Augen, griff namenlos entsetzt an die Brust. Es spielte sich beißend ab unter den geschlossenen Lidern: Ein Mann mit Lichtkonturen machte eine Bewegung, aber er riß nichts heraus, sondern streifte die Hand nach ihr, schob etwas in sie hinein. Eine Beglückung durchfuhr sie, stieg in ihre Haut, in die Warzen der Brust. Sie schwebte. Sein Gesicht war blond, gescheitelt, das eines Skandinaven, die Figur ihres Traumes, ihrer Sehnsucht. Ihre Augen hoben sich, es verschwand, das Erhobene, Blutsüße blieb. Gepäckträger häuften ihre Koffer auf einen Wagen. Sonne stach durch das Grau, brauste mit einer Welle durch die Zweige. Ein Wagen streifte ihre Schulter, schmiß sie fast um. Sie drehte unter der Gewalt des Stoßes sich um die Achse. Eine rauhe Stimme brüllte: „Idiot.“ Sie steckte das Paket in die Manteltasche, wieder blitzte der Schatten, nur ähnlicher, sie erbleichte. Zitternd hob sie mit der Hand aus der Tasche die drei achatenen Kugeln. Zurück? Sie dreht sich wild herum. Die Wagen scharren alle, bewegen sich, ein Gewölk unter den Palmen. Eine Lichtung entsteht.
Da steht darin Caspare Symes. Neben ihm ein Pferd.
Die Kluft ist zu groß — ihr Herz erstarrt — zwischen ihm und ihrem Leben. Sie hat überwunden, längst.
Die unbefangenen Gefühle fehlen zu dem, was im Menschlichen ihr am erstrebenswertesten schien. Vorbei. Sie zieht den Mund ein.
Als er den Kopf bewegt, hebt sie die Achseln, ein wenig, zuckend. Sie schüttelt den Kopf. Nun rast ihr Herz.
Da sieht sie erschreckend, daß sein Gesicht verändert ist. Di Contis Atem schlägt ihm aus der Haut, sein Geist vom Auge. Seuche, Leidenschaft, Erlebnis haben ihn geschlossen zu unsterblich menschlicher Schönheit.
Da erkennt sie in ihrer tiefsten Minute plötzlich: Daß dies ihr aufgespart war, damit sie vor eigenem Glück das Größere, Menschliche erst erfahre. Und da sie tapfer gekämpft bis auf die Höhe, schlägt der andere Pol ihres Lebens ins Zentrum, wächst, beglückt, ist da, ist da.
Und da sie nicht enttäuscht und feig vom Dasein kam, sondern durch größte Bemühung nur der Weisheit näher ein Geringes gekommen, geladen mit Kraft, gegen die Welt zu stoßen, sie zu ändern und Contis Hebel aufzuschlagen aus dem nun unfehlbaren Gehäuse, wandte sie ihm, der auf sie zuging, kurz und heiß die Hand zu: