Granuella wurde in der Folge sehr schön. Man sah nur ihre Zähne nicht mehr. Früher hatte sie die Lippen stets leicht geöffnet getragen. Sie hatte weniger Gelegenheit nunmehr zu lächeln. Ihr Bruder war während ihrer Krankheit auf eine unaufgeklärte Weise gestorben. Sie reiste daher, als sie die Nachricht vom Tod ihres Vaters erhielt, zu seiner Beisetzung noch einmal nach Kowno. Wie der blonde Erzengel stand sie mit dem wollüstigen Madonnengesicht zwischen den Fahnen und Uniformen. Sie blieb allein am Grab vor einem wilden Haufen Blumenkränzen: „Das da unten ist der Mann, mit dem ich meine Jugend geduldet, gelitten, gehofft,“ dachte sie. „Das Leben war zu schwer für ihn und hat ihn zerbrochen. Habe ich ihm nicht Unrecht getan, daß ich ihm deshalb zu zürnen wagte? Hat er diesen Unsinn nicht einfach nur eher durchschaut wie ich?“ Sie griff sich an die Stirn und fühlte die Traube blonden Haars, die aus dem koketten Turbanhut und dem dicht unter dem Kinn geführten Schleier herausquoll. Sie sah die letzten Menschen um die Ecke des Friedhofgangs biegen. Sie hatten dieses Wrack, das schon vor Jahren aus Leidenschaft zum Geld die Sache der Nation verriet wie einen großen Führer begraben. Sie war toll verliebt in diesen Vater, weil er dem Leben unterlegen war, aber sie verachtete die Schreier, die ihre Phrasen über seinen armseligen Tod geschwungen hatten, als ob ein Heros für sie gefallen sei. „Man hätte dieses Volk nie versuchen sollen zu retten. Es wäre vielleicht zu seinem besten gewesen, wenn man es hätte rädern lassen,“ dachte sie. Etwas fehlte nunmehr in ihrem Gesicht, aber es war unbestimmt was. Sie ging bis dicht an das Grab heran, dann drehte sie um. Um Weihnachstag heiratete sie den General Gagarin.

Seinen Anweisungen und Wünschen verstand sie sich völlig anzuschließen. Er vergötterte diese Frau. Er sprach auch in Gesellschaft, wenn sie abwesend war, nur mit einer märchenhaften Verehrung von ihr. Sie selbst wohnte des öfteren mit ihm auf dem väterlichen Gut, das nun endgültig polnisch war. Die interalliierten Mächte hatten schließlich die Macht, die die Provinz halten konnte, sanktioniert. Sie war auch bei allen Anweisungen auf der Seite ihres Gatten, der in der rücksichtslosesten Weise vorging. Wenn man sie gefragt hätte, was sie dabei empfinde, hätte sie voraussichtlich mit der Duldung aber auch der Härte, die sie auszeichnete, auf die Verachtung gedeutet, die sie für jene baltischen Schwärmer empfand, die, ehemals deutschen Blutes, mit ritterlichen und unklaren Gesten ihr Leben verkämpften, das nichts als nebelhaften Inhalt hatte. Die Phrasen taten ihr zu jeder Stunde weh. Sie konnte Begeisterungen nicht mehr ertragen, da sie auf der Kehrseite die Dummheit sah. Sie stand auf dem Boden ihres Mannes und hielt für recht, daß er behielt, was er besaß und daß er besaß, was er zu halten vermochte. Sie hatte Gelegenheit, sich in alle Geistesrichtungen ihrer Zeit zu versenken, es ist nicht gesagt, daß sie das primitive und wohl etwas kindische Ideal ihres Gatten zu oberst stellte, auch wenn sie es billigte. Als Frau war sie allen Schwingungen des Geistes ihrer Epoche zugänglich und selbst den Geheimnissen offen, in deren Schoß die Erde sich auf furchtbare Zeichen neu ankündigt. Aber als Frau wiederum fühlte sie sich in der brutalen Gradheit ihres Mannes geborgen, darüber mochte die Welt zerspringen. Sie hielt nicht genügend von ihr, um in Ereiferung darüber zu geraten. So war es ihr gleich, daß man sie haßte, wo sie der besinnungslosen Liebe des Generals sicher war.

„Gehen Sie,“ sagte sie, als sie sich unwohl fühlte, zu dem General Fürst Gagarin, der den Vorzug hatte, ihr Gatte zu sein, „dieses Telegramm bestellen.“ Nach zwei Tagen rannte, den Krummsäbel in der Hand, um nicht zu stürzen, ein fast weißhaariger litauischer General die Treppe herauf. Er schien völlig verstört und irrte sich in den Zimmern. Plötzlich riß er einen Teppich zurück. Sie war schon tot. Neben ihrem Bett stand Gagarin. Er grüßte stumm und nahm von ihrem Gesicht das Tuch, das sie ihm als erste Sache geschenkt hatte. Der Mann, der ihre Brüder erschossen, reichte es St. Goar, an dem sie ein wenig mit der Zärtlichkeit ihrer Glutseele gehangen und der zu spät kam. Er hatte die Nachfolgeschaft des Herzogs nie antreten dürfen. Die Männer reichten sich die Hände in einem plötzlichen Liebesempfinden, das wunderbar in ihren Augen glühte. „Ich beschwöre Sie, mir zu gestatten, dieses auf ihre Brust zu legen“, sagte St. Goar, und legte die Fahne mit der Silberfaust und den drei roten Punkten nieder, mit der sie zum erstenmal ans Meer gefahren waren. Er ließ sie eine Sekunde liegen, dann nahm er sie zu sich.

Als er das Haus verließ, sanken überall die Standarten. St. Goar schritt ein wenig torkelnd aus. Jemand lief hinter ihm her. „Geben Sie mir die Fahne — ich beschwöre Sie“, sagte Gagarin. St. Goar holte sie aus der Tasche und gab sie ihm mit einem herzlichen Gefühl und tiefer Verneigung. Sie mußten denselben Gedanken gehabt haben, sie lächelten, als ob ihr Leben umsonst gewesen wäre ohne diesen Augenblick oder vielmehr, als ob die ungeheure Seligkeit dieser Vereinigung alles auslösche, was sie im Guten und Schlechten gegeneinander getan hatten und noch tun würden.

Die Straße schien leer. Es konnte aber St. Goar nicht entgehen, daß das Volk der Toten fluchte. Er schaute seine Hände an, die ihre Brust berührt hatten und wäre fast darüber für immer stehen geblieben. „Sie hat mich ein wenig geliebt“, dachte er. Er war der Ansicht, es sei das glühendste Geschenk, daß sie ihn zum Sterben nicht missen wollte. Er faßte das Tuch und preßte es gegen sein toll gewordenes Herz. Der alte General war fast närrisch vor Glück. Er bedurfte einer Menge Kraft sich zu fassen, da er mit Uniform, in der er Hals über Kopf herübergejagt war, auf fremdem Territorium sich befand, und seinen Wagen herbeizuwinken.