Granuella suchte verhört zu werden, verfaßte Proteste, bat um Erklärungen. Es war, als verschwände jedes Zeichen von ihr in der Luft. Sie konnte über nichts klagen, aber sie kam nicht aus der geheimnisvollen Isolierung heraus. Es blieb nichts übrig, als sich auf den Stolz zurückzuziehen und die Dinge mit Hochmut abzuwarten. Das war nicht immer leicht, wenn man die Vögel und die Wolken ansehn mußte. Zu ihrem Glück liebte die Wärterin sie ebenso umständlich wie tief. Sie hatte die Neigung eines ergebenen Haustiers zu ihr gefaßt und sie tat ihren Dienst unter Schmerzensausbrüchen über ihre schöne Gefangene. Wenn sie Granuella in schwachen Stunden zart und in Tränen aufgelöst fand, küßte sie ihr das Kleid wie einer Heiligen.

Nach einer Zeit von etwa zwei Monaten kam eine Kontrolle der Regierung in die Festung. Der Führer benahm sich äußerst seltsam, prallte an der kaum geöffneten Tür Granuellas, die schlief, zurück, hauchte den Atem scharf aus und verschloß die Tür rasch hinter sich. In dieses Zimmer trat er überhaupt nicht ein, ließ sich die Listen vorlegen, tobte durch die anderen Zellen, steckte drei Pförtner sofort in strengen Arrest, fluchte über die Unsauberkeit und ließ den Kommandeur kommen: „Pfui Teufel, Sie Schwein“, schrie er ihn an, „schreiben Sie Ihren Abschied“, und warf ihm ein Papier auf den Tisch und schlug die Reitpeitsche quer über das Blatt. Weiter äußerte er nichts, ließ einen seiner Leute als Kommandeur zurück und reiste ab. Nach zwei Tagen kam er nachts wieder zurück. Man sagte, er hätte den Berg selbst wie ein Rasender hinauf gelenkt. Er blieb da, ob in Urlaub ob in einer Mission war nicht klar. Täglich ging er mit entschlossenem Schritt bis an die Tür der Gefangenen. Es war um die Zeit, wo sich niemand auf den Gängen befand. Wenn er die Klinke fassen wollte, griff er höher, bis sein Arm senkrecht stand. Dann drehte er um, ließ den Arm herunterfallen und verschloß sich im Bureau, wo er Akten studierte.

Nach einiger Zeit ging in dem Augenblick, wo er anmarschierte, die Tür weit auf. Die Wärterin, die nicht in dem Zimmer zu sein hatte, warf sich ihm zu Füßen und bettelte, ob sie ihm einen Brief übergeben dürfe. Das war verboten und er schob sie mit einem Tritt bei Seite. Granuella sah in das Gesicht des Obersten Gagarin. Ihre Blicke, die aus dem Wolfshaß heraufkamen, hatten einige Zeit, sich ineinander zu verketten. Der Fürst war General geworden und noch tiefer ergraut. Sein Gesicht war marmorweiß und fast jung geblieben. Zugleich nahm sie in seinem Blick, der die schrankenlose Energie der Soldaten seiner Zeit hatte, die gleiche Energie eines schmerzlichen Zugs wahr, der eigentlich sein ganzes Gesicht nun erfüllte. Plötzlich griff er an die Schläfe, grüßte und begann zu sprechen: „Es ist meine Aufgabe, Ihre Angelegenheit zu prüfen und zu bedenken, welchen Wert Ihre Anwesenheit für meine Nation hier haben kann. Die Verantwortung darüber ist völlig in meine Hände gelegt, auch inwieweit man sich Ihrer als Geisel für zukünftige Fälle bedienen kann. Diese Verantwortung ist ungeheuer, da ich jeden Tag meines Lebens für das Wohl der Nation nur atme. Ich würde mich eher in den Kasematten auf meinen eigenen Befehl erdrosseln lassen, als daß ich nicht auch in diesem Falle lediglich für die Nation handelte. Sie werden begreifen, wie entsetzlich mir die unerwartete Aufgabe über Sie zu entschließen geworden ist.“ Sie sah in den Hof hinab, wo man aufgeregt hin und her lief und dachte nach, welche Vorbereitung zu welchen Schrecken das sein solle. „Es ist meine Pflicht, Ihnen diese Briefe zu übergeben, die eingelaufen sind.“ Er hielt sie ihr hin und da sie nicht zugriff, legte er sie auf den Tisch. Sie standen sich wieder gegenüber. Er rang mit etwas, hielt es aber zurück.

„Obwohl es nicht mein eigentliches Amt ist, habe ich Ihnen eine weitere Mitteilung zu machen.“ Es war offensichtlich, daß er sich trotz seiner eisigen Ruhe in tiefster Bewegung befand. Sie dachte, indem sie ihn mit halbgesenkten Lidern ansah: er hat meine Brüder erschossen. Möge Gott ihn bei der ersten Gelegenheit töten . . . und schloß die Augen. Er hob die Hand an sein Käppi und salutierte: „Ich bringe Ihnen die Nachricht Ihrer Freiheit, Baroneß.“ Sie sah ihn mit aufgerissenen Augen an. Sie glaubte, er wolle ihr Herz langsam martern. Es war klar, daß er noch etwas, worauf es ihm überhaupt ankam, im Hintergrund habe. Er sagte langsam: „Wenn Sie die Grenze nicht innerhalb fünf Stunden überschreiten, werden Sie heute Abend erschossen sein. Bis zur Grenze kann Sie mein Auto bringen. Eilen Sie sich, je eiliger, um so besser. Es geht um Ihr Leben. Später wird die Grenze geschlossen sein, da man Unruhen befürchtet. Ich werde in der Zwischenzeit einen Brief nach Warschau zu telephonieren haben, den ich, an Sie gerichtet, öffnen mußte. Noch einmal, beeilen Sie sich.“

Sie wurde totenfahl. Sie erkannte die Schriftzüge Leuchtenbergs. Es wurde ihr klar, daß der Mann ein furchtbares Spiel gegen sie vorhaben müsse. Er reichte ihr ungeöffnet das Schreiben. Sie öffnete es aber nicht, sondern legte es auf den Tisch zurück. In diesem Augenblick empfand sie, daß dieser Mensch sich in einem grauenvollen Zwiespalt wand. Er war so unglaublich, daß sie ihn kaum anzusehen wagte. Seine Augen bohrten sich förmlich in ihr Herz hinein. Es wäre dem Fürsten ein Leichtes gewesen, mit ihr als Angelhaken den Leuchtenberg heranzulocken, den er mehr haßte, als er hätte sagen können. Er hatte den Entschluß gefaßt, die Frau loszulassen, mit der er als Geisel seiner Karriere einen starken Dienst hätte tun können. In der Tat hatte er sich geschworen für das, was er seinem Edelmut nachgab, sich zu rächen und den Herzog sofort zu töten, wo er ihn erreichen konnte, wenn dessen Ankunft den Beginn neuer Schwierigkeiten in den Provinzen bedeutete. Das Mädchen begriff in der einen Sekunde alles und schlug die Hände vor das Gesicht. So schlich sie bis an die Tür. Als sie diese erreicht hatte, blieb sie einen Augenblick stehen. Fürst Gagarin salutierte noch immer, obwohl ihm der Hals bald sprang. Sie sah ihm auf die Zähne. Er sagte aber nichts mehr.

Da sie aber an die Hölle, die sie in ein paar Minuten durchlebt hatte, nicht mehr glauben konnte, als sie im Auto saß, sondern alles für einen Traum hielt, fragte sie den Chauffeur, der sie an die Grenze fuhr: „Höre, ist Dein Herr, der General, der Herzog von Leuchtenberg?“ Sie hatte sich nach vorn gebeugt, er konnte aber in der rasenden Fahrt nicht zurückschauen und sie mußte wiederholen und ihr Ohr weit nach vorne schieben. „Nein, Frau“, sagte er kopfschüttelnd, „es war nicht der Herzog von Leuchtenberg.“ Darauf fragte sie: „Und nun? War es Fürst Gagarin?“ Darauf erwiderte der Chauffeur, es wäre der General Gagarin gewesen. Mittlerweile kamen sie an die Grenze. Sie hielt den Brief noch in der Hand, sie hatte vergessen ihn zu öffnen. Sie erbrach ihn und erbleichte. Das Blut schoß ihr in die Schläfen. Als sie ausstieg, sandte sie durch den Chauffeur dem General, der ihre Brüder erschossen hatte, das Tuch, mit dem sie in Florenz ihrem ersten Geliebten gewinkt hatte. Sie hätte es in der nächsten Sekunde lieber mit den Zähnen zerrissen. Dieser Mann, dem sie das Tuch sandte, hatte keinen anderen Gedankten, als den Herzog von Leuchtenberg zu töten. Es kam jedoch anders, und Fürst Gagarin kam nicht in die Lage, dafür, daß er Granuella de Voß, die er wahnsinnig liebte, zu ihrem ersten Geliebten entweichen ließ, zum Schutz seines Landes und als Sühne für seine Tat den Herzog abzuschießen. Leuchtenberg kam nicht in die Provinz.

Das junge Mädchen traf eine Woche nachher Lady Douglas und reiste mit ihr Leuchtenberg entgegen nach Süden, wo man sich besser traf als in der Nähe fanatisierter Kugeln. Diese Reise war der Höhepunkt ihres Lebens. Dieses Glück hatte sie nicht für möglich gehalten. Sie mußte immer wieder innehalten und von vorne anfangen zu denken, weil die Vorstellungen sich ihr verwirrten. Zu manchen Zeiten wußte sie kaum, was sie sprach, und starrte mit erschreckten Augen um sich, wo sie sich überhaupt befinde. Diese Woche war so, als trete sie immer aus einem Traum, um für Sekunden Wahrnehmungen zu machen, worauf sie wieder in den Traum zurücksank. Ein Gefühl von so maßlosem Entrücktsein hatte sie ergriffen, daß vor dieser machtvollen Verzauberung Lady Douglas Beängstigung empfand. Es schien unfaßlich, wie diese völlige Verwandlung noch zu übertreffen, ja überhaupt je wieder ins einfache Leben zurückzuleiten sei. Das Gespenst einer ungeheueren Gefahr lebte in dieser Wonne alle acht Tage hindurch. Die Douglas hatte eine Schatulle mit Papieren bei sich, um die Eheschließung, wo auch immer sie sich träfen, sofort vornehmen zu lassen.

Sie begegneten sich in Triest. Der Herzog kam mit einer Art Janitscharenregiment auf einem eigenen Schiff. Die Kapellen spielten, Schüsse wurden abgefeuert und Signale gewechselt. Der Einzug hatte einen beinahe offiziellen Anstrich, da die Souveränitäten von Dutzenden neuer östlicher Staaten nie durchschaubar waren, solange die asiatischen Auseinandersetzungskämpfe mit den Bolschewiken dauerten. Der Herzog hatte offenbar ein kriegerisches und abenteuerliches Dasein zu Ende gebracht. Er hatte so wilde Sitten, daß die Douglas ihre ganze Autorität gebrauchte, ihn kein Aufsehen erregen zu lassen. Granuella war fast von Sinnen vor Aufgelöstheit. Sie sah nichts und hörte nichts. Offenbar wußte sie gar nicht, wo sie sich befand. In der Nacht raubte sie Leuchtenberg, nachdem er sie geschickt während einer kurzen Abwesenheit der Engländerin in den Garten geführt hatte.

Auf einem eigenen Motorboot, in das er Blumen hatte werfen lassen, fuhr er sie nach einer kleinen Insel. Zwischen einer Lichterkette gelangten sie zu einem Haus auf einem Hügel. Er trug sie mehr, als sie ging. Was Granuella in dieser Nacht erlebte, war das Süßeste und Unfaßbarste für sie. Sie spürte selbst, alles Spätere sei überflüssig. Am liebsten wäre sie nicht wieder erwacht. Sie erinnerte sich, daß ihre Jugendträume alle auf etwas hingingen, das sie noch nicht damals erfassen und erblicken konnte. Das war es. Es war nun da. Sie empfand eine Bestätigung heute für alles, was sie getan und unterlassen hatte in ihrem Leben. Sie mußte Leuchtenberg wie einen Gott empfunden haben, der sie besuchte. Bei diesen beiden Menschen schlug das Feuer ihrer Begeisterung und ihrer Liebe immer wieder zusammen, wenn sie sich die Nacht zurückriefen, wo er sie aus ihrem Kindheitshause holte. Baroneß Granuella de Voß war überzeugt, daß sie ihr Vaterland umarme, wenn sie ihre Mädchenarme zärtlich um ihren Geliebten schlang, und daß die Sehnsucht, um die sie Jahre hindurch in der Fremde gewandert und die sie grauenhaft durchlitten, ihr nun mit Dank in dem besten Mann ihrer glühenden Nation sich erfülle.

Am Morgen vermochte sie von der Adlernase dieses Mannes nicht mehr zu entdeckten als die ferne Spur seines Schiffes, das wie ein Hauch in dem Meerblau schwebte. Der Herzog hatte sich aus dem Hafen des Freistaats entfernt und das Schiff wieder südlich gesteuert, nachdem er einen diplomatischen Auftrag erledigt hatte. Gewiß war er nicht ohne etwas wie Gewissen, obwohl bei Männern in Frauensachen diese Tugend nicht viel mehr als eine angenehme Verlogenheit bedeutet, aber er war keineswegs der Mann, ein wildes und hartes männliches Leben für eine auf Jahre verlängerte Schäferszene hinzugeben. Und er hatte in der Tat, abgesehen davon, ob sein Ideal gewichtig oder erbärmlich sei, wahrhaftig die Empfindung, Träger und Bringer eines unsterblichen und nie wieder erreichbaren Glücks gewesen zu sein. Granuella starb um eines Haares Breite, als sie begriff. Sie hatte bis zum Mittag aufgerichtet im Bett allein am Fenster gesessen. Als die Douglas sich über sie beugte, sah sie diese einen Augenblick an. Die Engländerin, die sie den Tag mit großer Ängstlichkeit gesucht hatte, nickte. Granuella wurde weiß und fiel auf das Gesicht. Sie hatte lange mit dem Tod zu kämpfen, und Lady Douglas vermochte lange nicht, ihrem Nicken hinzuzufügen, daß sie diese ganze Sache vorausgesehen habe.