„Mein Herr, ziehen Sie keine falschen Schlüsse und verurteilen Sie nicht meine Handlungsweise. Ich bin die Tochter von Frederik de Voß. Sagen Sie mir die Adresse und den Aufenthalt des Herzogs von Leuchtenberg und führen Sie mich hin.“ Mit Blut übergossen vermochte der junge Offizier kaum seine Haltung zu wahren. Er verneigte sich tief und nannte, was sie wollte. Am anderen Tag erzählten die Domestiken, Fräulein von Voß sei in großer Eile abgereist und habe einen Teil ihrer Wäsche vergessen.
Lady Douglas gab ihrer Freundin einen großen Beweis der Zärtlichkeit, daß sie sie nach Kowno begleitete. Sie folgte Granuella fast auf dem Fuße. Dort lernte sie den Herzog von Leuchtenberg kennen, dessen leichte sichere Art ihr gefiel und dessen Männlichkeit fast wie ein Nationalheld gefeiert ward, als er ankam. Mit einer schicksalhaften Bestimmtheit wußte Granuella auf den Mann zu treffen, der sie aus dem Feuer gerissen und für den sie sich, ohne daß sie es wußte, bestimmt hatte. Sie galt als die schönste Frau der Gesellschaft und die Neidischsten konnten ihm nicht versagen, daß er an der Spitze der Tugenden des jungen Landes stand. Hätte er nicht eine Frau besessen, mit der er in Scheidung lag, sie hätten sich wohl auf der Stelle vermählt. Es war ein beispiellos schönes und auffallendes Paar. Lady Douglas deckte ihre Beziehungen, es hätte niemand ihnen irgendeinen Vorwurf zu machen vermocht. Die Douglas war nicht nur eine der feinsinnigsten, sondern auch der instinktvollsten Frauen, was sie aber mit großer äußerer Überlegenheit verbarg. Ihre Eleganz war so ungewöhnlich raffiniert, daß man sie nicht schildern konnte, aber sie genau spürte. Sie hatte Granuella, als Leuchtenberg in die Stadt einfuhr, mit ihrem Wagen an den seinen gedrängt und er hatte sie sofort wiedererkannt. Sie reiste auch mit, als der Herzog, der in türkischen Diensten stand, zurück mußte.
Damals ging die Taktik seiner Gesinnungsgenossen darauf hin, durch Schwierigkeiten am Balkan die Polen mürbe zu machen zu Konzessionen in den immer noch umstrittenen Gebieten. Er hatte einige Erfolge erzielt und wollte versuchen, seine Stellung, soweit es ihm die Ehre, wie er glaubte, gestattete, abzuwickeln. Seine Rückkehr stand in aussichtsreicher Nähe. Inzwischen rollte sich seine Scheidung ab. Die Douglas behandelte er mit jener schroffen Ritterlichkeit, die nicht verhehlte, daß er sie haßte. Sie nahm an, daß es sein Kollektivhaß auf die interalliierten Völker sei, die sein Land verschacherten und die Gerechtigkeit nicht ehrten. Sie verschwieg auch, daß diese ewige Ritterlichkeit ihr auf die Nerven ging. Sie fuhr mit bis Florenz, man machte einen Umweg, um sich dort zu trennen. Als sein Schiff abfuhr in der Frühe, stand Granuella auf dem Balkon ihres Hotels. Sie winkte mit einem Taschentuch hinunter nach dem Meer, auf dem das Schiff groß wie eine Hand langsam hinausfuhr. Sie vermochte Lady Douglas nicht zu verbergen, daß ihre Lippen weiß waren wie Kalk. Sie wäre beinah über das Geländer gestürzt.
Nach einigen Monaten begab sich Leuchtenberg über Beirut nach dem Kaukasus, er hatte diese Expedition nicht verhindern und nicht ausschlagen können. Die Nachrichten hörten auf. Das dauerte ein Jahr. Es gab ein Dutzend Gründe, es zu erklären. Das Frühjahr verbrachte die Douglas auf ihrem schlesischen Gut. Im Mai tratschten die Pferdeknechte eines Besuchs von einer abenteuerlichen Karriere Leuchtenbergs im Osten. Den Sommer ging man ans Meer. Dort tauchte Romanoff auf und machte Granuella in fast einfältiger Weise den Hof. Man mußte ihn darauf hinweisen, wie albern es sei, bei ihrem Anblick zu erröten, beim Verabschieden blaß zu werden und nachts unter ihrem Zimmerfenster herumzurennen und die Beete zu zerstampfen. Die Douglas erwartete immer einen Gewaltstreich und hatte sich darauf eingerichtet. Eines Tages war er verschwunden. Bald darauf traf Granuella, die spazieren ging, hinter den Dünen einen Mann, der sich ihr zu Füßen warf. Man sah sie nunmehr viel mit St. Goar.
Sie machten Ausflüge zusammen, schwammen oder lagen in den Stühlen am Strand. Das Badevolk sprach über sie, das Einvernehmen schien eng. St. Goar war ein Mann von heldischen Schultern und schmalen Hüften. Er ging sehr elastisch und mit Haltung und hatte unstreitig Geist. Er war einer der nobelsten Männer und nicht ohne den Charme, der verbindet. Vielleicht besaß er zuviel Vorzüge und nicht genug Bestimmtheit. Er pflegte ohne Ursache gern angenehm zu lachen, was ihn sehr beliebt machte. Das ging wochenlang ohne Trübung. Beim Lunch wurde plötzlich ein Billet für St. Goar abgegeben, woraufhin er sich empfahl. Als Granuella ihren Abendgang nach der Mole machte, fand sie ihn auf der Landungsbrücke ganz vorn an der Dampferanlage in heftigem Wortwechsel mit einem Mann. Es hatte tags und die Nacht vorher gestürmt. Die Brechwellen überrannten, ohne daß die beiden es merkten, mit Gischtwolken die Barriere und hüllten hinter ihnen den Himmel in eine Schale von wildem Schaum. Granuella hielt einen Augenblick an. Die rote Sonnenglut lag prall auf dem Meer gerade vor dem Erlöschen des Gestirns, das in die Gischt hineinstürzte mit ungeheurer Majestät. Das junge Mädchen bebte vor Zorn. Als sie zu ihnen trat, standen Tränen der Güte in ihren Augen: „Ist es Ihnen zuviel geworden Romanoff“, fragte sie, „ich wähnte Sie bei meinem Vater, den zu bewachen Sie mir vorschlugen.“ Er konnte ihr Auge nicht ertragen und stammelte: „Mein Fräulein“, er bediente sich der malenden litauischen Ausdrucksweise, obwohl er vor Aufregung bebte, „Frederik de Voß benötigt nur selten noch eines Wärters. Er geht in seinem Garten herum, wo man blitzende Glaskugeln aufgestellt hat, in die er vernarrt ist. Er würde sie nie mehr verlassen. Vergessen Sie diesen Mann, Herrn de Voß, und wenn Sie ihn rasch in Ihrem Herzen vergessen, um so besser, um so besser. Er hat seinen Frieden.“ Das Mädchen drehte sich herum, daß es in die Röte sehen mußte und unwillkürlich die Augen zukniff:
„Man hat ihm drei Söhne vor den Augen erschossen“, sagte sie hart. Die zwei standen wie Soldaten vor ihr. Ja, sie wären auf ihren Wunsch ins Meer gesprungen, obwohl es wohl das Sinnloseste gewesen wäre. Sie gingen dann langsam die Landungsbrücke nach dem Strand zurück. St. Goar versuchte ihr zuzureden, da ihn ihre Härte erstaunte, er konnte in der Dunkelheit nicht sehen, daß sie Tränen in den Augen hatte und deshalb schwieg, um sich nicht zu verraten. Ihr glühendes Herz litt furchtbar aus Stolz, aber auch aus Mitleid mit dem Alten. Romanoff verschwand in der gleichen Nacht. Man geht nicht fehl zu vermuten, daß er innerlich befreiter abfuhr. Er konnte nach seinen Erfahrungen sicher sein, daß er auf St. Goar nicht eifersüchtig zu sein brauchte. Es war wohl, wie er dachte, vorteilhafter für ihn, um den Alten herum und also ihrem Herzen doch nah auf die Dauer zu sein, als sich in ihrer britischen Nähe zu befinden, wo er täglich sie verlieren, aber nie augenblicklich gewinnen konnte. St. Goar dagegen versuchte einen anderen Weg der Hoffnung.
Er war in dem Jahr, das ihm die Douglas seinerzeit in England nicht aussichtslos gelassen hatte, vor Sehnsucht bald schwindsüchtig geworden. Er stand eines Nachts auf, lief mit zwei Pistolen am Strand herum, schrie und delierierte, kehrte gegen Morgen zurück und begann plötzlich offenkundig zu werben. Er ging völlig tollkühn vor und überraschte Granuella ganz und gar. Sie waren etwa eine Stunde in der Dämmerung nach dem Leuchtturm zu gegangen und an den ersten Büschen der Anlage erst bemerkte sie seine völlige Verstörung. Er gebärdete sich auch bald wie ein Rasender. Was kann ich anderes tun als ihn beruhigen, dachte sie und stieß ihn sanft zurück. Sie bekam feuchte Lippen und ein fast vor dunklem Glanz perlmutternes Auge, was der Besinnungslose für ein gutes Zeichen hielt. Natürlich vermochte Granuella sich dem Geheimnis der Gelegenheit und der sinnlichen Kraft dieser Erklärung nicht ganz zu entziehen. Sie war innerlich ohne Zweifel weit entfernt auf ihn zu hören. Ihre Hand fuhr über seinen Kopf, aber sie dachte nicht an ihn. Das brachte ihn zur Verzweiflung. Sie war, seitdem sie einem Manne zugehörte, empfänglicher geworden für Leidenschaft und trotz der silbernen Dämmerung sah er, daß ihre Nasenflügel sich strafften. Er warf sich zu Boden, als er ihre Erregung sah und empfand, daß er sie dennoch nicht haben werde. Er war jedoch klug genug, sich zu mäßigen, da er ihr Gesicht voll Tränen sah. Es entsprach dem mystischen Glauben, der sie beide an ihre Nation band, daß sie keine Scheu hatte, ihm von Leuchtenberg zu sprechen. Die Angelegenheiten ihres Lebens und ihrer Leidenschaft waren mit einer bestimmten und fast vorgeschriebenen Planmäßigkeit in die Ziele ihrer politischen Absichten verwebt, und in diesem Dämmerklar der Gefühle verstand es sich von selbst, daß St. Goar begriff, daß ihr Leben nur dem Mann gehöre, der sie aus den Flammen gerissen hatte und auf dessen Lebenslauf ihr Herz als den vornehmsten und ersten horchte. Sobald er Gewißheit hatte, ließ ihn das nicht ohne Hoffnung, denn er war sich der Zuneigung und der vertrauensvollen Ergebenheit dieser Frau sicher. Fast zu eilig verließ er sie, als sie ihn bat zurückzukehren, um mit ihren Gedanken allein zu sein.
Während er mit fast zu Sicherheiten sich spannenden Hoffnungen den Strand entlang mit aufgewühlter Seele lief, ging Granuella die zweihundert Stufen zu dem Leuchtturm hinauf. Sie stand mit einem Herzen da, das die Erlebnisse dieser leidenschaftlichen Szene mit ungeheurer Empfindlichkeit nach der Richtung seines eigentlichen Ziels gewandt hatte, ja man hätte sie für eine Wahnsinnige halten müssen, wie sie, die Arme aufgerissen, auf der Brüstung stand. Mit der Energie einer Tollen erlebte sie das phantastische Glück der Gegenwart ihres entfernten Geliebten. Sie wäre fast von der Zinne gestürzt. Trotzdem der Herzog tausende Kilometer von ihr entfernt war, empfand sie in der Tat eine ungeheuerliche Bewegung. Seine Anwesenheit hätte sie nicht verstärkten können und die Verbindung, die sie auf der Höhe dieser Minute mit aller Tiefe ihres Wesens durchatmete, war fast tötlich schön. Das Meer lag unter ihr wie Getreide. Der Mond spannte mit seinen Lichtfurchen die Kanäle ihrer Heimaterde dazwischen. Was blieb ihr, als zu erstarren vor Glück, obwohl sie immer den eiligen kaum mehr vor Eile wahrnehmbaren Herzschlag in sich vernahm. Sie war keine eigentlich schwärmerische Natur und eher mit Geduld begabt, auf Genuß zu warten, als sich an Visionen zu begeistern in der Abwesenheit des Gegenstands ihrer Wünsche und ihres Schicksals. Sie hatte aber die bestimmte hellsichtige Zuversicht in dieser Nacht, daß ein ungeheures Glück nahe.
Dieses junge Mädchen mußte am Morgen hören, Leuchtenberg sei gefallen. Sie nahm es ohne Gefühlsäußerung auf, vielleicht lächelte sie sogar in den Winkeln ihres kühlen und doch wollüstigen Mundes. Sie sagte am Abend zu St. Goar, als er kam und sich stumm zu ihr setzte: „Ich glaube nicht, daß ich vergessen kann, Sie eine kleine Freude bei der Nachricht empfinden zu sehen.“ Ihre Offenheit beschämte ihn grenzenlos und öffnete wieder das Tor des Verstehens zwischen ihnen, das durch seine Unsicherheit einen Augenblick zugeschlagen war. Natürlich konnte er weder jetzt noch je in seinem Leben den Gedanken verlieren, daß er der natürliche Nachfolger Leuchtenbergs sein müsse und die Hoffnung auf eine Füsilierung des Herzogs war eines der sichersten Besitztümer seiner Seele. Er hätte den Triumph meistern müssen, denn er setzte damit alles, nämlich ihr Stück Zuneigung zu ihm, aufs Spiel. Er klagte sich fassungslos an. Sie war sehr gütig und entschuldigte ihn selbst. St. Goar empfand an diesem Tag die Furchtbarkeit seiner Lage, die ihm Granuella für immer nahm. Das einzige, was ihm den Weg zu ihr frei machte, würde als Gespenst sie ihm mit der Pistole noch weigern. Er verfiel in eine tragische Melancholie, in der der Entschluß in ihm reifte, sein Leben lang für dieses Stück Zuneigung bei ihr zu werben, auch wenn er sie nicht besitzen solle, zufrieden, wenn ihm das wenigstens bliebe. Von ihm wurde sie wohl am meisten und besten geliebt, obwohl er nicht wie andere dafür in den Tod hineinjagte. Sie zeigte ihm dafür eine nachsichtige Freundschaft nicht ohne Zärtlichkeit bis zu ihrem Sterben.
Niemand vermochte ihr abzuraten, als sie sich entschloß in die Heimat zu fahren. Ihre Familie galt immer noch als Mittelpunkt der Irredenta der Provinz. Sie begab sich, alle Warnungen freundlich ablehnend, am festgesetzten Tag auf die Reise. Jedermann sah einen schlechten Ausgang, sie allein tat es nicht im mindesten. In der Tat sah sie den Wind mit den Maisfeldern spielen, roch den Duft, den beseligenden träumerischen Duft der Gartenerde und sah die Sonne zwischen dem kühlen Schatten der Kastanienallee. Aber nur mit geschlossenen Augen in ihrem Kupee. Man fing sie gleich hinter der Grenze ab und gab ihr ein anständiges aber sie völlig abschließendes Gefängnis in einer Festung, von deren Namen sie keine Ahnung hatte. Man transportierte sie nachts und in geschlossenem Auto. Sie vermochte sich nicht mit der Douglas in Verbindung zu setzen, und die Nachforschungen, die diese anstellte, zogen sich wochenlang resultatlos hinaus.