„Das will ich Dir sagen,“ flüsterte sie, „daß ich Dich durchschaue und entschlossen bin, ein Ende zu machen.“ Sie erstickte fast vor Tränen. Trotzdem war in diesen Sekunden das unerfahrene Mädchen zur Furie verwandelt. „Ich bin entschlossen, ein Ende zu machen, eh Du alles ruinierst. Du hast unsere große Sache zertrümmert. Du hast Dich an der Idee der Freiheit, für die wir heute gelebt haben, wie ein Wahnsinniger vergangen. Du hast uns von St. Goar leben lassen, ohne daß ich es ahnte. Ich habe Romanoff abreisen sehen wegen Verrätereien von Dir, die er einzurenken bestimmt war. Unser Geld fließt zu Roland, der es mit Dirnen vertut. Du verspielst es beim Roulette. Meinst Du, ich ahne die Posse nicht, die ihr alle mit meinem Herzen getrieben. Wir sind Bettler geworden, aber kein Strolch kann uns Ehre erweisen, und wenn wir noch leben, so ist es das Glück, das wir hatten, immer mit edlen Menschen zusammengetroffen zu sein.“ Sie warf sich auf den Divan und schlang die Arme um die Kniee. „Dieser alte Mann ist mein Vater“, dachte sie. „Ich erkenne ihn nicht in diesem scheinheiligen Greise, der sich abmüht, mich durch Winseln zu rühren. Wie schändlich hat diesen edlen Mann das Leben zerstört. Warum ist er nicht gestorben, als unsere Jugend in die Pania watja ihm noch zulief.“ Der alte Voß war gekränkt. Er verstand nicht, warum ihr Herz blutete, und um welcher erhabener Ideen willen sie litt. Er vermutete, daß sie ihm wegen seiner Bettelarmut Vorwürfe mache und murmelte vor Angst gröhlend: „Halte an Dich, sprich nicht über Dinge, von denen Du keine Kenntnis hast, denn ich habe mit Silberminen ein Vermögen gestern erworben in einer Spekulation, die einen anderen wie mich vernichtet hätte.“ Es war offensichtlich, daß er log. „Du wirst es morgen wieder verlieren. Ich will Dir etwas sagen,“ meinte Granuella, die plötzlich aus ihrer Vereisung erwachte, „ich bin Deine Tochter,“ und sie ging ungestüm auf ihn zu und küßte ihn . . ., „aber ich sehe keinen Kameraden mehr in Dir. Es ist wahr, daß ich Dich verlasse.“

Sie trat zurück. In diesem Augenblick geschah etwas Seltsames. Langsam öffnete sich das linke Auge des Alten und wurde ganz groß, weiter als das rechte. Das Mädchen überlief ihn mit einem Blick. Sie war plötzlich von einer wundervollen Fremdheit. Sie mußte das hinzufügen, was sie noch zu sagen hatte: „Ich möchte nicht,“ sagte sie und merkte, wie sein linkes Auge starr und entsetzt sie ansah, „daß ich vergäße, Du seist mein Vater, wenn ich Dir entgegentreten müßte.“ Sie fügte diesen Satz kalt hinzu und ging hinaus. Nach einer halben Stunde erst fand der alte Voß nach einer ihm unerklärlichen Aufregung die Kraft in ihr Zimmer zu laufen und nachzusehen, ob sie Schmuck zurückgelassen hätte. Sie besaß schon lange keinen mehr, er nahm aber an, sie hätte ihn darum betrogen und wühlte verzweifelt und auf sie fluchend in den Fächern. Sein linkes Zuge schloß sich wieder völlig. Granuella ballte auf dem Schiff währenddem die Hände um die Börse, die sie mitgenommen, im Anblick von Genf, das sie erreichen wollte:

„Dieses Metall hat vermocht, einen glühenden Geist wie meinen Vater zu zerstören,“ dachte sie voll heißem Kummer. Sie war kindlich genug, es wie Gift zu hassen. Drei Schritte weiter auf dem Verdeck kam St. Goar auf sie zu.

Dieser junge Mann hatte sich in anmutiger Ehrerbietung ihr gegenüber jederzeit bewährt. Sie hatte keinen Grund sich ihm nicht anzuvertrauen, zumal sie ja sich nicht verschwieg, daß er Grund hatte, ihrer Familie aufs heftigste zu zürnen: „Ich würde mich wundern, wenn Sie die Abscheulichkeiten ganz verwunden hätten, denen Sie durch unsere Schuld ausgesetzt waren,“ sagte sie, worauf er sehr unglücklich war und heftig errötete, denn er verehrte sie so, daß er ganz andere Dinge auf sich genommen hätte. Sie gab sich ihm vollständig in die Hände, als ob Vertrauen das natürlichste sei. Er besaß die Ritterlichkeit und Kraft genug, seine tiefe Leidenschaft zu verbergen oder wenigstens sich nicht zu erklären. Sie gestattete ihm, sie zu Lady Douglas zu begleiten. Er war stolz, von dieser schönen, hin und wieder verzagten Frau als Beschützer ausgewählt zu sein. Wenn sie über die vergangenen Dinge erschauerte, nahm er ihre Partei gegen den Schatten ihres Vaters, indem er diesen aber zu schonen verstand. Er hatte den Takt ihr eine wirkliche Hilfe zu sein. Der arme Bursche starb aus Anstand fast vor Leidenschaft, aber seine gute Gesinnung hinderte ihn wirklich daran, zu sprechen, bis sie bei der Douglas ankamen und er das Mädchen dem Schutz der erfahrenen Frau übergab. Er lief darauf einige Tage herum, ehe er sich zu erklären wagte. Dabei machte er eine so seltsame Figur, daß es sich bei den Gästen des Landgutes herumsprach und alle eher als Granuella wußten, wie es um ihn stand.

Entschlossen lauerte er ihr im Park eines Abends auf und sah sie herzklopfend einen der Wege hinuntergehen, an deren Ende schon der Mond zwischen blauen Schatten und Düften stand. Er wartete, bis sie umdrehte und nun voll Gewölk und den Abglanz des sie im Rücken treffenden und umhüllenden Mondlichts zurückkam. Da hielt ihn wieder eine geheimnisvolle Scheu zurück. Er flüchtete in eine Fliederlaube und fühlte den Abendtau sein Gesicht überströmen. Halb von Sinnen eröffnete er sich der Lady, die mit Granuella sprach. Sein Vermögen war in der Lage, ihr Leben vollständig zu ändern, er sagte auch über die Behandlung ihres Vaters das Vornehmste. „Sagen Sie ihm,“ meinte Granuella nach einer besinnlichen langen Pause und wandte sich brüsk herum, daß die Douglas ihr fast nachlaufen mußte, und kaum das folgende Flüstern Granuellas hörte. Es schien jedoch dem Gesicht St. Goars zufolge, der den Abend abreiste, daß sie ihn nicht ohne Hoffnung gelassen hatte. Diese Vermutung hatte einen weiteren seltsamen Grund. Seit dieses Mädchen mit einem Male so entsetzlich hellsichtig geworden war, schien sie überhaupt nicht mehr ihr Leben von den Hoffnungen ihres nationalen Ehrgeizes trennen zu können. Sie wurde dabei und wahrscheinlich dadurch immer weicher und frauenhafter.

Manchmal brach sie in Tränen aus über das Geschickt ihres Vaters, aber während sie in Weinen zerging, stand eine Zornfalte ihr wie einer gerührten Amazone auf der Stirn. Lady Douglas vermochte ihr leicht die Selbstvorwürfe zu nehmen. Sie bewies ihr durch Briefe alten und neuen Datums, daß die fürchterliche Gier nach Geld den Alten bis zur Besinnungslosigkeit beherrschte. Das war entsetzlich, nahm ihr aber den Alpdruck der Härte. „Man hätte Sie diesem Mann entrissen, wenn Sie nicht gekommen wären,“ meinte die Douglas mit einem etwas hochmütigen Gesicht. Granuella hatte eine Art, unerhört zu gefallen, daß es ihre Freundin ängstete, zumal das Mädchen selbst es überhaupt nicht zu bemerken schien.

Manche Dummköpfe von jungen Leuten, fürchtete die Douglas, würden aus Verzweiflung oder aus Ehrgeiz vielleicht skandalöse Dinge wagen, und sie sprach mit dem Mädchen vorsichtig darüber. Sie wollte sie wappnen. Es war überflüssig. Sie kam zur Einsicht, daß Granuella, je weniger sie sich aktiv an den politischen Dingen beteiligte, um so leidenschaftlicher mit der ganzen Glut ihrer Frauenhaftigkeit auf deren Erfolg zu warten und in einem unbestimmbaren Sinne sich als Preis für den kühnsten der Feuerköpfe zu betrachten schien. Irgend etwas Geheimnisvolles dieser Art bestimmte jedenfalls ihr Leben völlig und gab ihr auch den Reiz phantastischer Sicherheit. Bestimmt waren ihre Kindheitseindrücke mit grandioser Größe in ihr aufgerichtet und alles Spätere war geneigt, dagegen abzufallen oder von ihr leicht vergessen zu werden. Sie war ohne Zweifel im Innern nur darauf gerichtet, daß ihr Schicksal notwendigerweise mit dem ihrer Heimat zusammenfiele.

So empfand sie es mehr schändlich als mitleiderregend, daß Briefe ihres Vaters an sie selbst einzulaufen begannen, der sie mit fieberhaften Beschwörungen um Geld anging, ohne etwas hinzuzufügen, als einen Haufen von wirren Spekulationen, in die er sich stürzen wollte. Sie antwortete, sie besäße nichts, als was die Douglas ihr spende. Sie vermöge nur sich selbst anzubieten, schrieb sie voll Wut. Er antwortete wie ein Verrückter, er wolle kommen, sie anzusehen. Sie brauchte einen ganzen Tag, den sie im Garten herumlief, aufgescheucht und fassungslos, bis sie erfaßte, daß das Hirn dieses Mannes, der sie erzeugt hatte, unrettbar verworren sei. Sie verbot ihm zu kommen. Diesen Brief las die Douglas über ihrer Schulter in der Fliederlaube, deren Blätter sich duftig bewegten: „Ich glaube nicht, daß es eine Zeit gab, wo die edlen Charaktere so grenzenlos vor dem Geld kapitulieren mußten. Es hat die Kraft die besten Gebete zu zerbrechen.“ Die Lady hatte Grund, in anklagenden Metaphern sich über die Welt, die sie zu verstehen glaubte, aber doch wohl nur aus der Klugheit des Schmerzes heraus ablehnte, zu äußern. Sie mußte England verlassen, da ihr Gatte mit einer Person aus der Filmindustrie von schlechtem Wuchs und miserablen Zähnen öffentlich zusammenlebte, um vom Ausland her die Scheidung gegen diesen Mann in Gang zu bringen. Sie nahm Granuella mit auf ein großes schlesisches Besitztum, das sie mit nicht viel englischen Pfunden gekauft hatte aus dem fiskalischen Nachlaß einer Adelsfamilie, die infolge der Kriege und Teuerung ausgestorben war.

Die Erntezeit im Osten hatte einen entzückenden Glanz. Nach Jahren der Vagabondage durch Europa war es eine erstaunliche Erfrischung. Zwei Schritt über die Allee hinaus sahen sie einen riesigen Horizont überall auf das Land fallen. In offener Sicht war alles von der Helligkeit der Sonne bewegt und das Licht flutete in diesem unermeßlichen Raum herauf und herunter. Man sah wie die Sensen tief in das Korn einschnitten und hörte die Mägde schreien. Die ganze Ebene durchbrochen breite Wagen voll getürmter Garben. Die Farben waren unbeschreiblich. Niemand spürte, daß Granuella sich vor Sehnsucht verzehrte. Eines abends näherte sich mit hier seltenem Geschrei eine Verfolgung dem Park, über dem die Gesellschaft auf den Stufen der erleuchteten Terrasse thronte. Der Raum bis zu den Springbrunnen war nur ein paar Schritte weit. Dahinter lag das massive Dunkel der Bäume, durch die nur manchmal leuchtende Käfer schnurrten. Plötzlich trat ein junger Mann mit einer Dogge ins Helle und lachte über die Schulter ins Dunkle zurück, wo sofort wieder Stille anbrach. „Das Gesindel war toll genug, mich zu verfolgen,“ sagte er, indem er mit großer Liebenswürdigkeit zur Terrasse hinaufgrüßte. Man war erstaunt über diese Sprache. Lady Douglas machte ihn, als er heraufkam, aufmerksam, daß er von ihren Leuten spreche. Er nahm den Tadel nicht an, sondern bat um Gastfreundschaft. Es war ihm nicht zu widerstehen. Er war Flüchtling vor den Polen und wollte zu seinen litauischen Gütern zurück. Schon als er die Helligkeit betreten hatte, hörte Granuella ihr Herz schlagen. Er amüsierte die Frauen sehr mit seiner Erzählungsart. Die Männer wurden durch seine abenteuerliche Überlegenheit verärgert. Einer versuchte sogar eine Ungezogenheit, doch der Fremde gab ihm nur gesteigerte Höflichkeit zurück. Er hatte tolle Dinge zu erzählen dabei. Seit drei Jahren hatte sich unter dem Dach des von den Interalliierten Nationen geschützten Friedens ein kleiner Guerillakrieg entsponnen. Es war ein trojanisches Heldenleben, das man um die Grenze herum führte. Die Geschlechter, Städte und Stände hatten eine Art Turniere eingerichtet mit für jeden von ihnen passendem Ehrenkodex, je nachdem man die Unterlegenen bewirtete oder beraubte. Die Miniatur eines kleinen Mittelalters mit ebenso wahnsinnigen wie tugendhaften Manieren lag genau hier zwischen den Arbeiterzaren und den westlichen Demokratien in leidenschaftlichem Ausbruch, und es war kein Zweifel, daß, so kindisch im Grunde es ihnen klang, alle Männer den jungen Mann beneideten. Die Probleme Europas und der einzelnen hatten ihre Glatzen beschwert und ihre Nächte schlaflos gemacht, ohne daß diese überlegenen Standpunkte ihnen schließlich etwas anderes als einen ungeheuren Zynismus geboren hätte. Der junge Mann hatte eine Trompetenstimme, die ohne Hemmung in den Park hinausschmetterte. Er nannte Namen um Namen, die Granuella kannte. Sie äußerte kein Wort. Glücklicherweise beherrschte der Fremde die Situation so völlig, daß niemand etwas auffiel. Bald schilderte er die Rettung von Frederik de Voß. Ohne Zweifel hatte er daran teilgenommen.

Granuella sank fast zur Erde. Sie hielt in der Dunkelheit ihres Platzes ihr Herz mit den Händen bedeckt. Sie vermochte keine Silbe zu sprechen. Als der junge Mann ins Innere des Gutshauses trat, sich verabschiedete, um sein Zimmer aufzusuchen, erhielt er einen Zettel in die Hand gedrückt. Mit demselben Blick, mit dem er las „Kommen Sie“, verfolgte er die Dame, ging ihr nach und erkundete ihr Zimmer. Als er nach einer Weile mit geschmeicheltem Lächeln und ein wenig prahlerisch eintrat, fand er eine Dame, die ihm sagte: