„Gehen Sie, gehen Sie,“ rief sie und schlug mit der Faust in die Hand. „Es ist genug.“ Er wollte sich ihr zu Füßen werfen, da wurden sie unterbrochen. Es klopfte, sie öffnete. Ihr Vater trat ein.

Er sah Romanoff mit großen Augen an. Dann wandte er sich an seine Tochter. Er hatte Wind davon, daß sie St. Goar irgendwie stützte und mit dem erbarmungslosen Haß des Greises suchte er ihr diese Betätigung zu zerschlagen. Jedoch nach einigen Sätzen hielt er inne, als schraube ihm jemand die Rede von den Lippen ab. „Gehen Sie,“ sagte Granuella zu Romanoff. Der junge Mann kettete sein Auge an sie, bis die Tür sich hinter ihm schloß.

Vater und Tochter sprachen ungefähr eine halbe Stunde miteinander. Es gelang Voß noch einmal zu einem günstigen Resultat zu kommen. Sie beschlossen am Ende des Gesprächs die Wohnung zu verlassen. Voß sah sich plötzlich zwar seiner Autorität beraubt, aber von der Tochter mehr als früher verehrt. Es gelang ihr, ihr Herz dazu zu bringen, seine Fehler zu verzeihen. Infolgedessen gab sie ihm St. Goar preis und versprach, Romanoff nicht mehr zu sehen. Sie glaubte, wie auch als Kind schon, als sie den gewaltigen Mann vor sich weinen sah, wie an das Sakrament von neuem an seine Liebe zum Vaterland. Ihre Herzen einigten sich wieder, unter Tränen lächelnd schätzte Granuella sich glücklich, einen solchen Vater zu haben. Bei all ihrer Weltunkenntnis konnte ihr nicht entgehen, daß Voß überzeugt war von dem, was ihn bewegte. Als sie auf die Straße traten, trafen sie einen Trupp der polnischen Delegation, der, den Fürsten Gagarin in der Mitte, aus einem Konferenzgebäude über den Reitweg herüberkam. Das Gesicht des Fürsten war von Erregung so blaß wie damals, als die Flammen ihres Hauses sein Gesicht beleuchteten. Wie er vorbeiging, mit einer tiefen Verbeugung und aschfahlen Augen, drückten Vater und Tochter sich die Hände. Sie wünschten ihm einen fürchterlichen Tod.

Granuella war so, daß sie einmal vertrauen konnte. Eine zweite Enttäuschung würde sie töten oder zur Rasenden machen. Sie war zu ungewandt in der Kenntnis der Charaktere und hatte keine Erfahrung in der Gesellschaft, um die Schwäche ihres Vaters als unheilbar zu erkennen. Sie beschränkte sich darauf, mit dem ganzen Edelmut ihres Herzens an ihn zu glauben, eine Fähigkeit, die ebenso großartig wie verrückt war. Voß verlor wieder dauernd. Ohne Geld und Anhang verstrickte er sich an suspekte Kerle. Der Kampf ums Geld wurde riesenhaft für ihn. Eines Abends war er im Kasino aufgesprungen, hatte die Brusttaschen seines Fracks gewendet und das Futter in den Händen, als ihn jemand in seiner Verzweiflung anstieß. Der Mann war ihm dem Namen nach irgendwie bekannt und er folgte ihm hinaus. Dort sagte er ihm, die Provinzen seien den Polen zugesprochen worden. Darauf ging er schlendernd wieder weg, Voß war wie ein Pferd zusammengestürzt. Sein Zustand war um so entsetzlicher, als er sich auch wegen des Zustands seiner Kasse die entsetzlichsten Vorwürfe machen mußte. Er sah sich in jeder Hinsicht vernichtet und wäre für einen guten Tod dankbar gewesen. Die ganze Nacht weinte er mit Granuella, die ihn tröstete. Wirklich stellte sich anderen Tags heraus, daß die Zuteilung der Provinzen an Polen nur provisorisch war. Voß hatte aber nicht mehr Kraft genug, das auszuhalten. Das linke Auge schloß sich von dieser Nacht ab völlig. Er war seelisch zu sehr verludert, als daß der Schlag ihn nicht mitten durchgebrochen hätte. Sein Stolz ging mit diesem Unglück für allemale in den Kot. Er wurde fast kindisch und dachte überhaupt nur noch an Geld. Die Habgier wurde mit einer phantastischen Leidenschaft von ihm betrieben. In seinen Träumen weinte und bebte er um ungeheure Summen. Der Geiz saß in seinen Augen, die Geldlust machte seine Finger zittern. Dazu wurde er greisenhaft launisch, wackelte mit dem Kopf und fürchtete immer, er könne nicht mehr leben, während sich sein Kopf mit wirren Plänen quälte. Dabei verwaltete Granuella ohne sein Wissen die Ausgaben ihres Hausstandes mit Darlehen, die Lady Douglas ihr besorgte und für die sie mittlerweile ihre russischen Besitzungen verpfändet hatte.

Die Lebenshaltung des alten Voß war außerhalb des Hauses sehr trist geworden. Er verlor, je tollere Träume von großen Vermögen und ungewöhnlichen Verdiensten ihn juckten, in der Wirklichkeit auch die letzte Kritik. Er vernachlässigte seine Kleidung, um auf das Mitleid der Reichen spekulieren zu können. In seinen Rücken hatte sich ein devoter Zug eingeschlichen, er war entsetzlich unsicher und weinerlich geworden und seine Gesellschaft war abscheulich. Einmal sagte im Kasino ein Mann, der in der Diplomatie sehr bekannt und sein zynischster Gegner war, als er seinerzeit mit Wagen und Pferden das erstemal in Lausanne eingezogen war: „Dieser Mann da schien uns jungen Leuten der Konferenz albern, aber wir beneideten ihn. Er ist noch alberner geworden, aber man kann ihn nicht mehr beneiden und ich glaube man sollte ihn deshalb totschlagen.“ Die Umstehenden lächelten, weil, ohne ihr Gespräch zu beachten, Frederik de Voß mitten durch sie gegangen kam, aber der Sprecher schien es zu erbärmlich zu finden, um zu lachen, schob den hohen Hut in die Stirn und ging aus dem Foyer. Frederik de Voß las aus den Gesichtern der Menschen nur noch wie an einem Thermometer, wie weit sie für Geld in Betracht kamen. Alles andere übersah er bereits, er war nicht mehr zu kränken. Er hatte den Vogelblick mit seinem rechten Auge bekommen, mit dem er nach Beute spähte. Er dürstete so nach Geld, daß er alles an Geschäften annahm, was herbeikam, um es wieder zu verspielen. Die Briefe seines Sohnes schob er zitternd in eine Schublade, um sie aus dem Gesicht zu bekommen. Er hatte wahrscheinlich gar keine Vorstellung mehr davon, daß er Buchenwälder besaß, die bis ans Meer grenzten, und daß seine Maisfelder zwischen den Kanälen flimmerten.

Alle Welt wußte bereits über diesen Zusammenbruch Bescheid und man erzählte sich von ihm die abenteuerlichsten Geschichten der Erniedrigung. Als ein skrupelloser Agent, dem er mit seinem Namen ein übles Geschäft über die Grenze gedeckt hatte, ihm ein Drittel der Verdienste auszahlte, stürzte Voß vor ihm auf die Knie. „Väterchen“, rief er und schüttelte die Hand des Agenten mit seinen beiden Armen, „meine Kinder verhungern“. „Was wollen Sie“, fragte der Spediteur, der einen unglaublichen Namen trug. „Fünftausend Franks“, wimmerte der Alte in seinen Bart. Er war tiefunglücklich. Der andere trommelte mit den Fingern auf dem Tisch und starb bald vor Lachen. Er kannte die Verhältnisse genau. In seinen Karpfenaugen glomm eine diabolische Idee, er warf eine Hand voll Silbermünzen durch sein Bureau und schlug die Arme über dem Kopf zusammen, so strengte ihn das Lachen an, um Luft zu bekommen, als der Edelmann wie ein Narr herumlief, und die Stücke einsammelte. Dieser Mann benutzte ihn nun zu seinem Vergnügen zu allen möglichen Peinigungen und Quälereien. Er hatte eine schwere Jugend gehabt und genoß nun, daß einer der Herrenkaste in seiner Hand war. So ließ er ihn die grauenhaftesten Dinge vornehmen, die Voß für das Geld, das ihn verzauberte, ohne Besinnen machte. Von alle dem ahnte Granuella nichts.

Granuella war überzeugt, daß die Sorgen ihren Vater abmagern ließen, gab keinem Zweifel in ihrem Herzen Platz und verdoppelte ihre Liebe zu ihm. Eines Abends fand sie Abschriften von Briefen. Es war kein Zweifel, daß ihr Vater mit den Polen verhandelte. Aus Goldgier hatte der Alte den besessenen Vorschlag gemacht, zurückzukehren. Er beabsichtigte die Okkupation anzuerkennen und verlangte dafür Rückgabe seines Vermögens und Auslieferung der beschlagnahmten Guthaben. Es war offensichtlich, daß dieses Vorgehen nur aus einem völlig zerrütteten Hirn kommen konnte. Die Erkenntnis war aber für Granuella so grausam, daß sie das Mädchen, da sie sie nicht tötete, furchtbar hellsichtig machte. Sie erkannte mit einem Blitzschlag alles. Sie fiel wortlos zu Boden.

Als sie die Augen aufschlug, kam die Dämmerung über den See. Sie glaubte diese Verhöhnung des Lebens nicht ertragen zu können. „Welch ein erbärmliches Schicksal“, dachte sie voll Wut. Darüber geriet sie so außer sich, daß sie aus ihrer tötlichen Müdigkeit aufsprang. Das rettete ihr wahrscheinlich das Leben, denn als sie mit geschlossenen Lidern die Stirn an das Fenster drückte, war sie mehr eine Wölfin wie eine Sterbende. Sie fühlte einen ungeheuren Zorn. Von einem Geräusch aufmerksam gemacht, drehte sie sich um. Voß stand in der Tür mit weißem Gesicht, schielend, nicht ganz nüchtern. „Du bist toll,“ sagte sie und ging hinaus.

Er folgte ihr durch zwei Zimmer. Sie stampfte auf, als er nicht zurückging. Sie konnte ihn nicht sehen, so außer sich war sie. Schließlich hielt sie sich mit der Hand fest an dem Vorhang, der an der Tür niederfiel und sagte: „Folge mir nun nicht weiter. Du zwingst mich sonst, einiges mit Dir zu reden, was ich Dir ersparen könnte,“ und setzte rasch hinzu: „Ich vermag es Dir aber auch zu sagen.“ Er schwieg und sah sie mit flackernden Augen wütend an. Da ging sie mit einer stürmischen Bewegung bis dicht an sein Gesicht heran. Ihre Kieferknochen strafften sich vor Energie und wurden weiß wie Seile: „Erbärmliche Geschichten, die Du machst,“ rief sie, „Du verhandelst mit den Polen. Du warst imstande, das Beste unseres Lebens unter deine Füße zu schmeißen. Ich wäre lieber gestorben, als dies erleben zu müssen.“ Das junge Mädchen war in einem Schmerz, der sie nichts mehr ertragen ließ: „Geh weg von mir. Ich ertrage Deinen Anblick nicht länger. Gott helfe mir,“ schluchzte sie.

Voß blickte sich im Zimmer um, er sah, daß er sie besänftigen müsse. Sein Auge blieb an dem Schreibtisch hängen. Er verwünschte seine Nachlässigkeit: „Du hast in falschen Sachen geblättert,“ sagte er und suchte zu lachen, obwohl seine Kniee deutlich zitierten. Er beschloß rasch, sich herauszuwinden, indem er ihr bewies, daß die Listen eine Falle für das polnische Gouvernement wären. Es gelang ihm gar nicht zu reden. Er hatte die unklare Vorstellung, daß er im Begriff stand, etwas sehr Wertvolles zu verlieren und krallte die Hände immer auf und zu. Aber die Angst, die in seinem Gesicht herumzuckte, schnürte ihm die Gurgel zu. Das junge Mädchen sah ihn an, ein Wrack, eine Leiche. Er hatte sie ohne Zweifel wieder getäuscht.