Er ritt so nahe, daß sein Tier sich auf den Hinterbeinen hob, sah fest in die Augen des Mädchens und ritt mit gesenktem Kopf wieder weg, als habe man ihn zwischen die Schultern geschossen. Er liebte das Mädchen wie ein Verrückter, aber wie sollte er sie gewinnen, wo er ihre drei Brüder getötet hatte. Er schalt sich feig, daß er sie nicht gezwungen hatte vor dem Brand sich retten zu lassen, aber es war unmenschlich, in die Flamme zu springen, um jemand herauszuziehen, der lieber starb als ihn ansah. Er watete mit dem Maultier in einen Kanal, ließ sein Detachement mit den gefangenen Litauern, die rekrutiert werden sollten, an sich vorbeiziehen und war nahe daran, sich hinter ihnen eine Kugel durch den Kopf zu schießen. Nach einer halben Stunde war er wohl wieder bei sich, aber er hatte das Gefühl, keine Frau je wieder ansehen zu können.
Der Brand hatte sich auf alle Scheuern und Schober ausgebreitet. Das Vieh verbrannte unter großem Lärm in den Ställen. Die Schober brannten viel heller und höher, acht Stück, im Kreis um das Herrenhaus, wo man in immer rasenderen Stößen am Zittern des Bodens die Stöße empfand, mit denen die Bullen ihre Steinwände einzurennen versuchten.
Der Platz zwischen den Scheuern und der Mauer, die die Hofsiedelung im Viereck umgab, war hundert Meter weit, der Zwischenraum zwischen den Scheunen und dem Gutshaus zweihundert, und alles war so hell, daß man die Mäuse am Boden herumspringen sah. Das Tor war verrammelt mit Wagen, die übereinandergestürzt in der Einfahrt lagen, und der eiserne Teilflügel des Tors hing riesenhaft, schräg, nur in einer Achse in die Luft und spießte mit seinem Hellebardenabschluß ein Schwein, das von einem turmhohen Furagewagen hineingesprungen war. Plötzlich ritt eine Abteilung eines Litauerregiments über die Äcker und Kanäle heran.
Sie saßen ab, steckten die Köpfe über die Mauer, hoben die Nasen neugierig und sprangen auf einen Befehl hinüber. Der junge Leuchtenberg, der sie führte, kam mit dem Pferd über die Mauer und war der erste auf der Leiter, mit der man Granuella und den Vater rettete. Er trug sie selbst Schritt um Schritt und nicht sehr eilig über den dreihundert Meter taghellen Hof nach dem Kanal hinter der Mauer. Als er sie niederlegte, um sie mit Wasser an den Schläfen zu waschen, ward sie, die immer in seinen Blicke hineingeschaut hatte, ohnmächtig.
Das Detachement suchte die Polen noch zu erreichen. Die hatten die alte Polengrenze bereits überschritten, man kehrte daher auf das umstrittene Gebiet zurück, das dem Recht nach wohl den Litauern, der Macht zufolge den Polen gehörte, das eine Art Freikampfplatz der irregulären Truppen darstellte und um dessen Schicksal seit zwei Jahren in Lausanne beraten ward. Mit gesenkten Karabinern kamen sie zurück.
Voß schwur, als er seine Söhne sah, wie sie nebeneinander lagen, durch und durchgeschossen, mit einer plötzlich weinerlichen Stimme, nicht eher zurückzukehren, bis das Terrain wieder litauisch sei und er in einem schauerlichen Kreuzzug durch Europa an den Polen seine Rache genommen habe. Mit den drei Leichen auf einem Leiterwagen, neben jedem ein Bauer, der ihn umarmt aufrecht hielt, fuhr er über den Dünensand in die Fichtenwälder nach Kowno, Soldaten vor und hinter sich.
Neben dem Wagen Granuellas ritt der junge Herzog von Leuchtenberg eine Weile, salutierte dann und ritt zurück, denn das Mädchen schien immer noch in einer Ohnmacht, obwohl sie sprach und auf Anruf sich bewegte. Ihre Aufmerksamkeit schien völlig in der Feuersbrunst zurück gebannt zu sein und es war seltsam, wie sie mit einer eigenartig zarten Bewegung sich hinderte, den Kopf dahin zu wenden, woher sie kamen. Er beobachtete sie einige Augenblicke, nahm die Mütze von seinem ganz blonden Scheitel, unter dem eine angenehm gebogene Adlernase hervorsprang, pfiff den Rest des Detachements zusammen und sprengte die Grenze lang zurück, während der Trauerzug aus dem Wald ins freie Feld torkelte. Solange man ihn am hellen Himmelsrand sehen konnte, blickte Granuella, stehend, im Wagen ihm nach.
Der alte Voß hielt sich monatelang in Lausanne auf. Er richtete sich umständlich ein, mietete ein altes Hotel und stellte eine Wache davor. Er suchte durch seine Versipptheit mit belgischen Adelsfamilien einen Einfluß auf den Gang der Verhandlungen auszuüben und machte den Aufwand eines Fürsten. Die ständig arbeitenden Bureaus sahen in der Ruhe ihrer Arbeiten dem kleinen Kriegsspiel im Osten nicht ohne Neugier aber ohne jedes Interesse zu. Man erwartete Entscheidungen, die man selbst zu fällen vermied. Man hatte durch Zufall diese Randvölker, deren Namen man früher nicht wußte, befreit und hätte lieber gesehen, daß sie aus dem Erlös ihrer Schweine eine Börse bauten und sich mit Parfum bespritzten, statt daß sie die westlichen Ehrbegriffe mit übertriebener Entzündlichkeit nachmachten. Diese Kriegstüchtigkeit war allerdings ein Rechnungsposten gegen die Macht Lenins und man ehrte sie dadurch, daß man die Sache hinhielt und sich für keinen vorderhand entschied. Da Voß leidenschaftlich seine Sache liebte, langweilte er alle Instanzen zu Tode. Man gab ihm den Rat zu verschwinden. Zu seinem Unheil befolgte er ihn nicht.
Die jungen Attachés, die an seinem Tisch saßen, fingen an, hinter den Servietten ihn zu verspotten. In den Stuben ihrer Sekretäre wurde er vertröstet, wie man jemanden traitiert, der der Ansicht ist, die Welt sei der Gerechtigkeit halber da. Er schadete seiner Sache, weil niemand mehr davon hören wollte. Die Reisenden fanden es imposant, wenn er als Freiheitsheld ihnen gezeigt wurde, wie er mit Granuella am Quai des eaux vives mit seinem mächtigen Körper und dem Blond seiner Rasse herunterkam, aber seine Politik hatte gar keinen Transport.
Da der Alte mit Wagen und Pferden wirtschaftete wie zu Hause, konnte er auf die Dauer die Differenz zwischen der litauischen Mark und dem schweizer Franken nicht aushalten und begab sich nach Paris. Er war halb von Sinnen über die Erfolglosigkeit seiner Bemühungen. Revenüen aus den Gütern bezog er nicht mehr. Von einem Teil des Barvermögens lebte der letzte Sohn in London als Beirat immer zweckloser sich gestaltender Konferenzen. Man schien plötzlich überhaupt die ganze Frage suspendieren zu wollen und wartete auf einen Zufall, der das Grenzabkommen endgültig von selbst erledigte Für jemanden, dessen Güter während des Krieges sechsmal die Deutschen und fünfmal die Russen erobert und annektiert hatten, war die wirtschaftliche Lage mehr als ein Kartenspiel wert. Plötzlich galt es zu leben. Man hatte alle Energie nötig, den Unterhalt auf der Höhe zu halten. Seither kamen dem Besitzer von hunderttausend Morgen, der eine Provinz beherrschte, Gedanken derart nicht im Traume vor. Mitten in seinen Unternehmungen, die eine fixe Idee der Gerechtigkeit umkreisten, sah er sich mit ungeheuerlicher Energie in die Enge getrieben und fand sich in einer Situation gefangen, die schon fast verzweifelt war, als sie ihm bekannt wurde.