Seine Eitelkeit litt in dieser Nacht erstaunliche Qualen. Man war mittlerweile nach London übergesiedelt. Er stürmte im Salon seiner Hotelwohnung mit sich redend auf und ab, bestellte um drei Uhr Allasch und Tee, durchmaß die Wohnung knurrend in schräger Richtung hin und her. Um vier Uhr stürzte er plötzlich an das Balkonfenster, zog den Vorhang zurück und blieb, die abgerissene Schnur in der Hand, über dem Frühnebel stehen. Schon in der Frühe begab er sich auf die Bank von England mit einem Diener, der zwei große Aktienpakete unterm Arm trug. Er rechnete damit, eine Rente in Pfunden oder Sterling aufzunehmen über einen Teil seiner Besitzungen, die in Rußland lagen. Die englischen Banken übernahmen gern die Besitzrechte zu einundfünfzig Prozent auf ertraglose Werte, um sie bei einer Kursänderung der Arbeiterstaaten gewaltig unter der englischen Flagge auszubeuten. Trotzdem man in London an das baldige Ende Lenins glaubte, hatte man kein Interesse für die von Voß angebotenen Werte. Man empfahl ihm, seine litauischen Güter zu beleihen. Die Herren der Prokura, die ihn empfingen, sollten eine große Szene erleben. Der alte Seigneur riß seinen Kragen vom Hals und sagte, er werde eher Portier der Bank. Darauf wandte er sich um, winkte dem Boten und warf die Tür hinter sich zu. Obwohl die Offerte der Bank verständig war, fühlte er sich tagelang beschimpft. Das Gefühl, den Boden, um dessen politische Freiheit er sich in ihm unerträgliche Prozesse gestürzt hatte, geschäftlich benutzen zu müssen, gab ihm einen Schlag ins Gesicht. Er wankte in seinem ganzen Seelenbezirk. Mit irren Augen sah er die Ereignisse herankommen, die er nicht begriff und die ihn, pfui Teufel, noch weniger zu begreifen schienen. Mit zitternden Händen rückte er seinen Zylinder zurecht, als er Granuella den Mittag bei ihrer Freundin abholte, der Lady Douglas, die, zehn Jahre älter als sie, sie unter ihren Schutz genommen hatte. Die Douglas war eine entfernte Verwandte und hatte ihr Haus und ihre Anmut den Flüchtlingen geöffnet. Voß verschwieg ihr seine Lage. Wenn er von seiner Provinz in Zukunft sprach, hatte er mitten in seinem blondumbarteten Mund eine gewisse Weichheit bei der Artikulation. Im Herzen war er verzweifelt. Natürlich wären viel Hilfsmittel zu seiner Verfügung gewesen, allein durch seine Eigenart verlor er die Freiheit, sich ihrer zu bedienen. Wo es ihm gepaßt hätte, sich Freunden zu eröffnen, war das fragliche Vermögen zu gering. Die Blicke des Hoteldirektors zwangen ihn zu Entscheidungen im Hinblick auf seine lang aufnotierte Rechnung. Von allen Seiten bestürmten ihn nunmehr Schwierigkeiten, denen er nicht gewachsen war mit seiner herrischen Natur und Erziehung. Das englische Pfund begann sich gegen den Dollar stark zu senken, die Gläubiger holten ihre Ausstände ein. Er ging an der Börse ein Baisseengagement auf die polnische Mark ein, die sich besserte und ihn zerschlug.

Man verkaufte sein Auto, seine Pferde. Solange reiste er nach Brüssel und kam zurück, als sei in der Tat nichts geschehen. Auf seinem Tisch lag ein Telegramm seines Sohnes Roland, das nichts über die Verhandlungen enthielt, jedoch Schweizer Franks wünschte. Er konnte nicht helfen. Zum erstenmal im Leben empfand er Heimatlosigkeit. Er fühlte seine Umgebung feindlich und unzugänglich. Als er plötzlich sich an seine Gärten und die flache braungelbe Schonung erinnerte, zerriß ihn fast die Verzweiflung. Mit dröhnenden Schritten stolperte er in die Gassen hinein, die Vorstädte umgaben ihn mit dem Nachtgewölb. Das Elend, die Hilflosigkeit übermannten ihn. Seitdem er den Boden seiner Heimat verlassen, der ihm Sicherheit durch das Leben hindurch gewährleistet hatte, sprangen lauter unglückselige Dinge hinter ihm her. Er bewegte die Arme alle paar Minuten vom Körper weg. Es kam ihm vor, als sei er gefesselt. Er war von einer Hilflosigkeit zerschmettert, die ihn kindisch machte. Er hatte nur noch Gedanken nach Geld. Die Schatten der Vorbeihuschenden türmten sich über ihn, alles drückte ihn zu Boden, was ihm begegnete. Er kam über eine Brücke mit gurgelndem Wasser und sah sich plötzlich in einer bekannten Straße. Mit Erstaunen bemerkte er, daß er nach einigen Schritten sich an der Tür eines Emigrantenklubs befand. Er stieg hinauf, riskierte seine Ehre, indem er auf Wort spielte und gewann die Nacht tausend Pfund und fuhr nächsten Tags nach Paris. Daß er gerettet war, machte ihn glücklich und heiter.

Sie machten die Reise in kleinen Stationen über Antwerpen, Gent, Calais. Er beabsichtigte, für seine Tochter etwas zu tun, die ihm in den letzten Monaten aus dem Gesicht gekommen war. Das Unternehmen dieser Reise war heiter. Er nahm seine Tochter vor Rührung in die Arme, als sie zum erstenmal Buchenwald wieder an das Meer heranrücken sahen. Dahinter flogen Windmühlen und eine Herde Kühe kam ihnen entgegen. Sie waren beide hingerissen. De Voß, mit Tränen in den Augen, begann aus voller Kehle im Auto halbstehend, die nationale Hymne zu singen. Die Ebenen und Wiesen mit den Arbeitenden und dem Vieh hätten ihn fast zum Jüngling gemacht.

In Paris scharte er entschlossen die Jugend seines Randstaats um sich. Da die Verhandlungen in der Schweiz keine Fortschritte machten, verlegte er einige Wochen seinen Wohnsitz wiederum in die Schweiz, ohne indes etwas zu erreichen. Er hatte allerdings die Ehre, daß Lord Chamberlain ihn empfing, der das britische Reich damals vertrat und ein Vetter der Douglas war. Die Unterredung war kurz, aber er vermochte den Diplomaten an die besten Traditionen seines Volkes zu erinnern und sah ihn in einem majestätischen Moment bewegt, als er ihm die geschäftliche Feigheit der europäischen Staaten vorwarf, aber ein furchtbarer Schlag zwang ihn nach Paris zurück. Er vermochte sein Vermögen nicht mehr zu retten.

Er fuhr direkt zur Börse. Der Krach war entgültig und erledigte ihn. Es blieben lediglich einige südafrikanische Shares. Diesmal schien es keine Rettung mehr zu geben. Er wurde tiefsinnig. Er erholte sich wohl auch nie mehr von der Demütigung, die ihn zwang, wieder dem Gelde nachzulaufen. Bei einem Spaziergang in den Tuilerien fiel ihm ein Bankier ein, den ihm Lady Douglas als ihren Vertrauensmann in Geldsachen bezeichnet hatte. Hier griff zum erstenmal die Douglas in das Leben dieser Familie ein, die um ein Lebensrecht kämpfte, das sie seit einem Jahrhundert schon verloren hatte. Er ging zur Avenue Wagram zu Fuß und widerrief seine Absicht bei jedem dritten Schritt. Aber beim vierten entschloß er sich wieder von neuem. Schließlich trat er in das Privatbureau des Präsidenten.

Als dieser eintrat, hatte er sofort solchen Widerwillen gegen den Mann, daß er versuchte, mit einer Ausrede ihn zu verlassen, dann sah er ihn einige Sekunden an von dem schlechten Scheitel bis zu den falsch geknöpften Schuhen. Er nahm seinen Hut ab, verneigte sich und sagte: „Sie sehen in mir einen Mann, der sein Vaterland über alles liebte und der vernichtet ist.“

„Bedecken Sie sich,“ sagte der andere, der einen kleinen Sprachfehler hatte, „ich will sie retten.“ Der Mann hielt ihn trotz seiner imposanten Ausgaben drei Monate über Wasser, bis die Baisse nachließ und die Kurse der Unternehmungen, an denen er ihn gegen gute Prozente beteiligt hatte, wie die Affen kletterten. „Mein verehrter Baron,“ sagte der Bankier, „Sie sind saniert und ich hatte das Vergnügen dabei, einer verehrten Frau eine Gefälligkeit erweisen zu dürfen. Jetzt kehren Sie auf Ihre Besitzungen zurück.“

Darauf nahm Voß den Hut mit einer feierlichen Bewegung, als ob er etwas in tiefster Ehrerbietung heimlich grüße, bekam einen Kopf wie ein Schlagflüssiger und verließ ohne Dankeswort den Sprecher. Er schüttelte die Faust über diesen Zeloten. Er gewann seinen ganzen Stolz zurück. Es war prächtig, wie er damit sich selbst zurückgewann und mit sich prunkte. Einen Teil seines Gewinns sandte er in aufsehenerregender Weise an Roland de Voß nach Lausanne und eiferte ihn an, aufs heftigste tätig zu sein. Einige Wochen ging es ausgezeichnet.

Die Fürstin Trobetzkoi kam aus Nizza zu Besuch. Das Haupt der von ihm gegründeten Pania Watja, der jüngere St. Goar, ein Vetter der Fürstin, die den letzten polnischen Marschall auf der Promenade zur Rede gestellt hatte, traf ein. Noch einmal flatterten die kleinen Litauerfahnen an seinem Wagen mit der aufsehenmachenden Silberfaust zwischen den drei roten Kugeln. Auf den Wunsch St. Goars fuhren sie ans Meer. Sie standen am Vormittag lang auf der Düne und sahen in den starken Wind. Es war ein angenehmer Tag. In der Nacht tappte Voß an seinen Safe, der in einen suite-case eingebaut war. Er fand nichts mehr darin, Die Hände fingen ihm an zu zittern. Man war wieder am Ende. Von nun ab trug er das eine Auge etwas geschlossen.

In der Frühe beeilte er sich zu Granuella hinüberzugehen. Die war erstaunt, daß er ohne sich anzumelden, kam, weil das noch nie geschehen war, solang sie denken konnte. Selbst als ganz kleines Kind wurde sie jeweils erst von einem Mädchen auf seinen Besuch aufmerksam gemacht. Sie bemerkte, daß er eine graue Haut hatte. Daraufhin richtete sie sich auf. Im Zimmer flogen aus drei hängenden Käfigen Kanarienvögel hin und her und sangen. Die Zofe hatte die aufgewellten Cremegardinen halb hochgezogen und eilte hinaus.