„Packe alles,“ sagte er und sah sie mit aufgerissenen Lidern an. „Wir werden uns in Zukunft einzuschränken haben. Entlasse das Personal. Ich werde gehen, eine unseren Verhältnissen angemessene Wohnung zu finden.“

„Wie,“ sagte Granuella, „wir müssen anfangen zu verzichten? O, wie danke ich Dir, daß wir endlich dazu bereit sind.“

Voß war es in diesem Augenblick, als müsse er sterben. Denn er sah zum erstenmal seine Tochter so. Er hatte gedacht, daß sie toben würde. Diese Hingabe rührte ihn derart, daß er sich aus Schwäche auf ihren Bettrand setzen mußte, und immer wieder ihre Hand nahm und sie an sein Herz preßte. Er war restlos besiegt und erschüttert und küßte ihre Haare.

Als er allein war, machte das ihn unsicher. Er wollte seine Tochter das Opfer in Wirklichkeit nicht erleben lassen. Wie er in den Spiegel sah und dachte, daß er alle die Monate und Jahre an seiner Tochter vorbeigelebt hatte, brach er sogar in Tränen aus. Um Geld herbeizuschaffen, lief er zu dem Bankier, erreichte aber nichts, da er verreist war. Er suchte ihn gegen Abend noch einmal auf. Er hatte wieder keinen Erfolg, trotzdem dachte er nur daran, Granuella das seitherige Leben fortführen zu lassen. Als Granuella den Zurückkehrenden gedrückt sah, durchschaute sie alles, überraschte ihn mit fertigen Tatsachen, das Personal war entlassen, das Etablissement gekündigt, manches zum Verkauf ausgeschrieben und das meiste schon gepackt. Am nächsten Mittag zogen sie in eine kleine Wohnung am Friedhof Pair La Chaise.

Eine Weile lebten sie, daß es Granuella später vorkam, es sei die beste Zeit gewesen in ihrem Leben. Wenn Voß die Treppe herunterkam, sprang jedesmal der Concièrge aus seiner Loge und schlug mit dem Holzbein an den Schellenbaum, den er bei Verdun getragen. Voß pflegte kurz zu grüßen. Trotzdem war der Mann über die Frische begeistert, die da die Treppe herunterkam, und hinter der er einen General vermutete. Sein Herz schlug höher, er salutierte noch hinter ihm her, manchmal verfolgte er ihn mit seiner Krücke ein Stück auf der Straße und rief hinter ihm her: „So sehen Sie doch, mein Herr, wie frisch die Bäume sind. Es muß einen neuen Krieg geben, sapristi . . .“ Er blies sogar in die Hände über diesen Mieter und drehte sich vor Vergnügen im Kreis, wenn man ihn nicht sah.

Es war für Vater und Tochter eine entzückende Sache sich einzuschränken, weil sie es nicht gewohnt waren. Man machte Entdeckungen. Es war mehr eine Robinsonade und ein unterhaltendes Spiel als die Not. Was war das für ein Leben ohne Telephon und Diener. St. Goars Blicke wurden bei diesem Anblick der rührenden Sparsamkeit glücklich. Man gründete die Pania watja mit neuen Formeln, ein Strom von Belebung ging von beiden aus. Zu ihrem Glück setzten die polnischen Studenten-Manipel durch, daß die Pania watja aufgelöst werden mußte. Sie bestand unter anderem Namen verstärkt fort.

„Man muß arm sein, um eine Sache richtig machen zu können,“ wagte eines Tages sogar Voß zu sagen, als er erfreut zurückkam. Zu seinem Unheil war das bescheidene Leben aber ebenfalls zu knapp. Man streifte wieder die Not. In diesen Tagen mußte Rolands Scheck erneuert werden. Es blieb nur die Möglichkeit, den Sohn zurückzurufen. Granuella sagte: „Wir dürfen unseren Stolz nicht so sehr wachsen lassen. Wir müssen des Erfolges halber auf die Revenüen der Güter zurückgreifen, auch wenn die Polen darum herumsitzen. Man schmeckt es dem Gelde nicht nach, daß es nach den Schwarzbeinigen riecht.“ Sie hatten sich angewöhnt, nach den Landarbeitern in den Kanälen die ganze Station so zu nennen. Zu ihrem Erstaunen widersprach der von Geld durch die Not wieder ganz bezauberte Voß kaum. Es war umsonst. Denn bald kam die Nachricht, daß ein Semjimbeschluß die Ausfuhr von Geld aus dem annektierten Gebiet verboten habe. Das zertrümmerte Voß. An Rückkehr war nicht zu denken. Er wäre eher vom Dach des Hotels gesprungen. Wahrscheinlich hätte man sie ihm nicht einmal erlaubt. Nun empfand er seine totale Losgelöstheit. Es gab tatsächlich keinen Halt mehr für ihn, man hatte die Heimat wie ein Stück Körper von ihm abgeschnitten und er befand sich mitten in einer furchtbaren unübersichtlichen Flut. Es konnte nur ein Ziel geben, das gleichzeitig allein Halt verbürgte: Geld. Er bekam einen Zug, der seine Nase schärfer machte, den Mund spitzte, im Auge flackerte manchmal mit einem gelben Schein die Gier. Die Hände schnellten oft wie bei einem Vogel, der einen Ast ergreift, zusammen. Er war gemacht für Kämpfe, die eine gewisse Höhe an Stolz und Anspruch voraussetzten. Zu anderer Zeit wäre er ein großer Anführer für die Freiheit gewesen. Zu seiner Verwunderung wurde er rücksichtslos umgeworfen. Wo er an Adel sich klammerte, krachte die Not. Er glitt fast widerstandslos in die Hände von Glückssrittern und in die Fallen von Habenichtsen. Plötzlich war er hilflos, aber auch unfähig wie ein Kind. Er ging einfach glatt vor die Hunde in dieser Quälerei um die Existenz. Sein Widerstand war so erstaunlich gering, weil er selber fühlte, wie er abstarb in diesem Zeitalter, das seine Voraussetzungen schon gar nicht mehr kannte. Man mußte Paris verlassen. Er jagte hinter allen Möglichkeiten des Geldes wie ein Besessener her. Im Grunde ward das die mächtigste Bewegung in seiner Seele. Er hatte Angst in einem Vorstadthotel zu krepieren. Aus dieser Furcht entwickelte sich eine namenlose Habgier nach Geld.

Zuerst waren es noch korrekte Sachen, die an ihn heran kamen. So war er zum Beispiel wohlgelitten bei der Großherzogin von Luxemburg, die ihn ihr Gestüt beaufsichtigen ließ. Wegen seiner Zugehörigkeit zur Pania watja erreichte nach einigen Monaten diese Beziehung ein Ende. Der polnische Geschäftsträger wies darauf hin, daß Voß Anwesenheit am Hofe seine Regierung stark verstimme. Da der luxemburgische Frank gut stand, mußte man den Alten opfern. Zu allem Elend kam nun, daß die Polen, gegen die er den „Kreuzzug durch Europa“ unternommen hatte, ihn wie einen Fuchs zu jagen begannen, als sein Kreuzzug schon ein erbärmliches Gehetz durch immer erschrecklichere Not wurde. Das Halali des Staatschefs Pilsudski hinter ihm her brachte ihn fast ins Grab in den nächsten Monaten. Er war zu mürbe schon, um zu sterben an seiner Galle. Er war entschlossen nicht Hungers zu sterben. Also starb er auch nicht an Ehrgeiz, denn es fehlte die Zeit dazu. Ein Lichtblick war, daß er in Kissingen einen abgesetzten deutschen Fürsten am Brunnen traf, der auf seinem Gut übernachtet hatte und ihm nun klagte, daß Auseinandersetzungen mit englischen Banken sein Vermögen zerstörten. Er gewann Voß dafür, durch eine Reise seine Londoner Beziehungen in den Dienst seines Prozesses zu stellen. Voß fuhr nach Dover, dann nach London. Er war zu ungeschickt, trotz besten Drucks durch seine Bekannten, den Prozeß geschickt gegen die gerissenen Advokaten des englischen Fiskus zu leiten. Er nutzte Beziehungen falsch aus, bestach nicht und versprach, wo man Tatsachen sehen wollte. Er verlor durch schlechte Laune seine Beziehungen, denen er seine Unterlassungen und Fehler empfindlich vorwarf. Er hatte mehr zerstört, als vorher möglich schien. Gedrückt kam er nach Deutschland zurück. In München wachte er auf und besaß noch für drei Tage Geld. Das Gespenst saß schon auf seinem Bett. Es hatte ihn eingeholt. Es hatte lange im Dunkel gedroht. Da war es vor seinem Gesicht. Er war zerrissen und zerschlagen. Hoffnungslos schlich er durch die Straßen. Da drückte ein junger Mann dem Alten die Hand. Er sah St. Goar in die Augen. Er mußte im ersten Augenblick einige Schritte zurücktreten, dann frug er gierig: „Haben Sie Geld.“ St. Goar hatte reichliche Mittel. Er sanierte Voß, beteiligte ihn an schlesischen Werten, die gerade haussierten. Das sollte St. Goar aber schlecht bekommen.

Als der Alte sich im Besitz starker Mittel sah, erwachte das Gefühl für seine politische Aufgabe wieder in ihm, und zwar in ungeheuerlichem Maße. Die Hälfte seiner Einkünfte sandte er sofort an Roland de Voß, der gerade mit einer Studienkommission im Osten war. Mit einem Stab junger Feuerköpfe reiste er an allen Gouvernements und Börsen herum. Er ließ Proklamationen an die Parlamente und Bittschriften an die führenden Kabinette verfassen, Versammlungen abhalten und die Presse beeinflussen, kurz er machte soviel Wind und Redens um seine Angelegenheit, daß er sich alle zu Feinden zuzog, die am Schweigen darüber interessiert waren, und das waren die Mächtigsten und gerade die, die allein hätten helfen können.

Voß hatte nunmehr einen neuen Plan ausgeheckt, die Sache seiner Provinz zu beschleunigen, indem er sie in die Hände der Großindustrie legte, und jeweils, wo er zu Konferenzen erschien, sah man ihn von jungen Leuten und Dienern begleitet, die Gesteinproben mitschleiften. Er suchte nachzuweisen, daß gewaltige Schätze in dem umstrittenen Terrain steckten, und daß ein faules Volk wie die Polen sie vernichten würden oder zu dumm seien, sie zu verwenden. Er war jedoch bereit, jeder ausländischen Interessentengruppe alle Konzessionen, ja allen Verdienst, abzutreten, wenn sie über ihre Regierung den Sieg seiner Nation durchsetzten. Dieser Plan wurde damals von vielen Seiten ernstlich in Betracht gezogen, und es war nicht unsinnig, an seine Verwirklichung zu glauben.